Eine Zirkusfamilie in der Krise:"Keiner weiß mehr einen Ausweg"

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Eine Zirkusfamilie in der Krise: Auf Hochtouren laufen beim "Circus Universal Feraro" die Vorbereitungen in der Manege für die Vorstellungen am Wochenende. Hermann Schmidt-Feraro (rechts) und sein Sohn Stefan kümmern sich um die Lichteffekte für die anstehenden Shows.

Auf Hochtouren laufen beim "Circus Universal Feraro" die Vorbereitungen in der Manege für die Vorstellungen am Wochenende. Hermann Schmidt-Feraro (rechts) und sein Sohn Stefan kümmern sich um die Lichteffekte für die anstehenden Shows.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Zirkusfamilie Feraro-Schmidt kann endlich wieder auftreten, an diesem Wochenende stehen die Artisten in Neufahrn in der Manege. Doch wie es weiter geht, ist unklar, denn es gibt viele Absagen.

Von Marie Schlicht, Neufahrn

Noch ist es weitgehend still auf dem Zirkusgelände, nur aus der Ferne hört man ein paar Ziegen meckern. Im Zelt, das am Mittwoch für die anstehenden Vorstellungen auf dem Volksplatz in Neufahrn aufgebaut wurde, rückt Hermann Schmidt-Feraro, Zirkusdirektor und Vater der zwölfköpfigen Zirkusfamilie, gerade die Stühle rund um die Manege zurecht. Sonderlich viele sind es nicht, eigentlich ist in dem Zelt deutlich mehr Platz. Aufgrund der geltenden Corona-Vorkehrungen sind die Besucherzahlen jedoch begrenzt.

Der "Circus Universal Feraro" kommt schon seit vielen Jahren in den Landkreis Freising, viele kennen ihn hier seit langem. Es ist bereits die sechste Zirkus-Generation der Familie. Die vergangenen beiden Jahre haben ihr jedoch so schwer zu schaffen gemacht wie noch nie zuvor. "Wir sind an einem Punkt, an dem keiner mehr einen Ausweg weiß", erzählt Hermann Schmidt-Feraro.

Fragt man ihn nach der Zukunft seines Zirkus, seufzt er zunächst nur. "Der Zirkus hatte es noch nie leicht", sagt er schließlich. "Nun ist gar nichts mehr gewiss oder planbar. Dabei wollen wir ja arbeiten, wir wollen dem Staat nicht zur Last liegen müssen."

Bisher habe es zwar auch mal gute, mal eher schlechte Jahre gegeben, aber man habe immer einen Ausweg gewusst und weitermachen können. Nun habe sich die Familie verschulden müssen, um über die Runden zu kommen. Die Tiere, die Fahrzeuge - das kostet schließlich Geld - und Zeit. "Genug zu tun haben wir immer. Wir und die Tiere müssen ja weiterhin trainieren, um die Fahrzeuge muss sich gekümmert werden."

"Der Zirkus hatte es nie leicht, aber nun ist gar nichts mehr planbar"

Pferde, Ziegen, Schweine und Enten sind nur einige der Tiere, die auf dem Gelände zu entdecken sind. Tochter Sarah kümmert sich täglich um sie. "Den Tieren ging es in den letzten eineinhalb Jahren sehr gut, wir haben sie täglich trainiert und in unserem Quartier hatten sie viel Auslauf," erzählt sie. Selbst Aufgaben wie die Zahn- und Hufpflege übernehme sie selbst. Einem der Pferde, mittlerweile 25 Jahre alt, gehe es derzeit gesundheitlich nicht gut. Es einschläfern zu lassen, komme aber nicht in Frage. "Die Tiere gehören zur Familie", sagt Hermann Schmidt-Feraro.

Auch Sohn Carlos hilft bei der Dressur der Pferde, außerdem tritt er als Messerwerfer auf. Seit Beginn der Pandemie habe er trotzdem weiterhin fast jeden Tag trainiert. "Das muss man als Artist", schildert Carlos Schmidt-Feraro. "Für das Training haben wir sogar die Manege aufgebaut. Das war auch für die Tiere wichtig, denn die brauchen schließlich ebenfalls viel Bewegung." Seine Geschwister hätten Reparaturen an den Fahrzeugen vorgenommen oder die Kostüme und das Zelt auf den neusten Stand gebracht, genug zu tun gab es für alle.

Im vergangenen Jahr war die Familie nur zwei Monate lang unterwegs, wie der Zirkusdirektor erzählt. Danach seien sie in ihr Winterquartier auf dem ehemaligen Versuchsgut Hirschau bei Marzling zurück gekehrt. "Wir hatten uns jeden Winter gefragt, wie es da wohl im Sommer aussieht, wenn alles blüht. Jetzt wissen wir es immerhin", sagt Hermann Schmidt-Feraro. Er sei dankbar für die Möglichkeit, so lange in Marzling bleiben zu können. "Sie haben uns dort ein Zuhause gegeben", sagt er. Dennoch wünscht sich die Familie nichts sehnlicher, als die Sommermonate wieder unterwegs zu sein.

Wie lange sie in diesem Jahr auftreten können, stehe noch nicht fest. "Unsere Plätze für das Zelt buchen wir immer im Voraus, es ist jedoch alles sehr schwer planbar. Viele Termine wurden bereits abgesagt. Die Gemeinden bevorzugen eher ihre regionalen Veranstalter, das können wir natürlich verstehen, aber das macht es umso schwieriger."

Man hofft auf Vorstellungen in der Weihnachtszeit in Freising

Die Familie hofft nun auf Vorstellungen in der Weihnachtszeit in Freising. Dazu stehe sie derzeit mit der Stadt in Kontakt. Was Hermann Schmidt-Feraro außerdem positiv stimmt, wie er sagt, ist der Kontakt mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. "Wir leben vom Publikum, darum waren die ersten Vorführungen in diesem Jahr besonders schön. Wir sind mit dem Publikum deutlich mehr ins Gespräch gekommen, da die Leute wissen wollen, wie es uns ergangen ist. Das gibt uns natürlich großen Ansporn, denn es zeigt, dass wir nicht vergessen wurden." Man habe das Gefühl, dass die Leute den Zirkus wieder richtig zu schätzen wissen, freut er sich. Die ganze Familie hoffe nun, dass diese Wertschätzung ausreicht, um das Zirkusgelände bald wieder so beleben zu können wie zu Zeiten vor der Pandemie.

Der "Circus Universal Feraro" tritt in Neufahrn am Samstag, 28. August, um 15 und um 19 Uhr sowie Sonntag und Montag, 29./30. August, jeweils um 15 Uhr auf. Der Montag ist "Aktionstag", an dem auch Eltern die Kinderpreise zahlen. Der Vorverkauf für die Tickets findet täglich von 10 bis 13 Uhr an der Zirkuskasse statt. Ermäßigungskarten liegen in allen Geschäften aus, weitere Informationen gibt es auf der Webseite www.circus-feraro.de oder unter der Telefonnummer 01 60/650 01 75.

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