NeufahrnNotstand in Pflege und Betreuung

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Elf Teilnehmer einer Online-Konferenz klagen über den Fachkräftemangel, der sich ihrer Ansicht nach noch verstärken werde. Auswege, soziale Berufe zu stärken, wären eine höhere Bezahlung und Wertschätzung

Von Birgit Grundner, Neufahrn

Helmut Hinterberger erlebt es in verschiedenen Funktionen hautnah mit: "Wir haben große Probleme Fachkräfte zu finden", erzählt er während einer Online-Konferenz. Zum Beispiel für die Sozialstation, deren Vorsitzender er ist. Oder auch für die Einrichtungen des gemeindeübergreifenden Kindergartenverbundes, in dem Hinterberger die katholische Pfarrei Neufahrn vertritt. Nach Überzeugung aller werde mit dem Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschüler "der Mangel noch zunehmen".

Noch drastischer formuliert es Margarethe Heim, die im Personalrat der Gemeinde mitbekommt, wie schwer Kita-Personal zu kriegen ist, und sie weiß, dass es anderen Gemeinden nicht besser geht. Sie spricht von einem "Desaster an allen Ecken und Enden": Träger würden sich "gegenseitig die Mitarbeiter abjagen", und "das ist eine ganz schreckliche Situation".

Die elf Teilnehmer im virtuellen "Gather Town"-Café waren sich einig: Wer dem Fachkräftemangel entgegentreten will, muss "soziale Berufe stärken" - so auch das Motto der Veranstaltung mit dem Moosburger Landtagsabgeordneten Johannes Becher, der in der Grünen-Fraktion Sprecher für Themen rund um die frühkindliche Bildung ist. Es gehe in den Kitas um mehr als Betreuung, betont er: "Hochwertige Tagesstätten haben auch viel mit Chancen und Bildungsgerechtigkeit zu tun."

Die Gründe für die massiven Personalprobleme im Kita- und Pflegebereich sieht der Politiker etwa in der schlechten Bezahlung und der oft fehlenden Wertschätzung: In den Kitas zum Beispiel gehe es um eine "hochprofessionelle Tätigkeit", erklärte Becher. Das werde so aber oft nicht wahrgenommen. Und der Applaus "vom Balkon" für die Pflegenden in der Corona-Krise "reicht halt nicht", so Becher.

Die Landtags-Grünen haben deshalb ein Antragspaket "Upgrade für soziale Berufe" ausgearbeitet. Ein Ziel ist es dabei laut Becher, attraktive Ausbildungsbedingungen zu schaffen. Er plädiert etwa dafür, das Modell "OptiPrax" ausbauen. Bei dieser "Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen" könnten Abiturienten in drei Jahren und Absolventen mit Mittlerer Reife in vier Jahren zu staatlich anerkannten Erziehern ausgebildet werden, und bekämen eine Vergütung vom ersten Tag an, berichtete der Abgeordnete.

"Schade" findet er es, dass Mittel aus dem "Gute-KiTa-Gesetz" eher für "billige Kitas" verwendet würden. Die Betreuung müsse "nicht für alle umsonst" sein, so Becher mit Blick auf Gutverdiener. Stattdessen sollte man "lieber in höhere Qualität investieren" und für das Personal etwa durch Stellenschlüssel und überschaubare Gruppengrößen Rahmenbedingungen schaffen, "damit es möglichst lange erhalten bleibt".

Dokumentation und Verwaltung muss man laut Becher in den Kitas wie in der Pflege durch Digitalisierung vereinfachen. Wo es da an der Ausstattung fehlt, hat sich für Ortsgruppen-Sprecherin Melanie Fischer nicht zuletzt in der Corona-Zeit gezeigt: Ein Elternabend in der Krippe sei zunächst daran gescheitert, dass die Einrichtung keinen Laptop hatte, erzählte sie.

"Welche Pflege wollen wir, was ist uns Bildung wert?" Das sind die Fragen, die sich nach Ansicht von Fischer jetzt jeder stellen muss. Was passiert, wenn sich der Fachkräftemangel nicht beheben lässt, zeigt das Beispiel Eching: Die dortige Sozialstation im Alten-Service-Zentrum wird geschlossen. Die Echinger hätten noch in der Sozialstation Neufahrn nachgefragt, ob man irgendwie aushelfen könne, erzählte Helmut Hinterberger. Die Neufahrner mussten mit Blick auf die eigene Situation passen.

© SZ vom 29.05.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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