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Neufahrner Glasermeister Günter Decker hört auf:"Als das Kind da war, musste Geld ins Haus"

Nur kleine Arbeiten führt Günter Decker in Zukunft nur noch aus, um den Kontakt zu den Kunden nicht ganz zu verlieren. Ansonsten kümmert er sich im Ruhestand nur noch um die Glaskunst daheim - und den Lions Club.

(Foto: Marco Einfeldt)

1991 hat der Glasermeister Günter Decker in Neufahrn seinen Betrieb übernommen. Jetzt geht er aus Altersgründen in den Ruhestand. Kleinere Reparaturen will er noch erledigen, um den Kontakt zu den Kunden zu erhalten.

Der Neufahrner Glasermeister Günter Decker hat zum Jahresende seinen Handwerksbetrieb geschlossen, den er mit seiner Frau Iris König-Decker fast 30 Jahre lang an der Fritz-Walter-Straße geführt hatte. Der 67-Jährige will nach 52 Jahren endlich in den Ruhestand gehen - zumindest fast - und sich mehr Zeit für seine Hobbys nehmen.

SZ: Das letzte Betriebsjahr war bestimmt noch einmal eine besondere Herausforderung? Stichwort: Hagelunwetter.

Günther Decker: Es kamen mehrere schwierige Faktoren zusammen: der krankheitsbedingte Arbeitsausfall meines langjährigen Mitarbeiters gleich Anfang Januar, der Ansturm von Anrufen und Aufträgen wegen des Hagels, ein Arbeitsunfall mit Wirbelbruch und zuletzt noch das Auflösen der Werkstatt; das Jahr möchte ich nicht noch einmal erleben.

Mit einem Hagelunwetter hatte die Geschichte Ihres Betriebs auch begonnen...

1984 - das war eine aufregende Zeit. Ich hatte kurz vorher als Glaser und Gesellschafter bei einem Handwerkerkollektiv angefangen. Nach dem Hagel habe ich dann monatelang mit Freunden und Studenten mit mobiler Werkstatt die verheerenden Schäden im Münchner Osten repariert. An meinen R4 habe ich ein Schild "Glasreparatur" geklebt, da haben mir die Leute an der roten Ampel Visitenkarten durchs Fenster gereicht. In dieser Zeit bekam ich Kunden, die mir zum Teil bis heute treu geblieben sind, weil ich ihnen damals schnell geholfen habe.

Wie fiel die Wahl dann nach einer Zeit auf Neufahrn?

Ich hatte früher bei der Hofglasmalerei Gustav van Treeck als Kunstglaser und Lehrlingsmeister gearbeitet. Dabei hatte ich meine Frau kennengelernt, die dort Glasmalerin war. Nachdem alle Hagelschäden repariert waren, hatten wir das Startkapital für eine Glaskunstwerkstatt in einem Hinterhof im Münchner Schlachthofviertel. Das war ein sehr schönes, aber auch sehr schwieriges Geschäft, und solche Sachen wie einen Business- oder Finanzplan hatten wir natürlich überhaupt nicht. Als dann unser Kind da war, musste mehr Geld ins Haus, und über einen Glasvertreter kam 1991 die Übernahme der Bauglaserei Höfler in Neufahrn zustande.

Gab es denn auch ganz besondere oder kuriose Aufträge?

Nachdem wir beide früher schon bei Restaurierungen zum Beispiel am Kölner Dom mitgearbeitet hatten, war in Neufahrn die Gestaltung der Fenster in der evangelischen Kirche das künstlerische Highlight. Der buchstäblich schwerste Auftrag war eine Reparatur im elften Stock des Neufahrner Hochhauses. Die 90 Kilogramm schwere Glasscheibe musste über die Feuertreppe getragen werden, weil der Aufzug zu klein war. Für den berühmtesten Kunden, Michael Käfer, haben wir die Diskothek P1 komplett verspiegelt. Und die kurioseste Baustelle war ein Bordell, in dem wir die Zimmerdecken verspiegelten.

Im Rückblick: Was hat sich verändert - wissen die Kunden einen guten Handwerker noch immer so zu schätzen wie früher?

Das schon, aber es ist alles viel schneller geworden. Jeder winzige Arbeitsschritt muss schriftlich festgehalten werden. Die Bürokratie und Verordnungen wurden jedes Jahr üppiger. Da geht viel Zeit und Geld verloren, wofür letztlich der Kunde bezahlt, obwohl er immer länger warten muss - das wird immer schwieriger zu vermitteln. Kunden können sich heute sehr viel besser selbst informieren über die Leistungen, Rechte und Kosten und möchten oftmals die Preise diktieren. Manche vergessen dabei schon mal "Grüß Gott", "bitte" oder "danke" zu sagen, während sie mit der Lupe auf winzige Mängel hinweisen, mit denen sie nur leben können, wenn sie den Preis drücken können. Aber es gibt auch sehr nette Leute, die als Trinkgeld mit einem Glas Honig oder einer Gurke aus dem Garten bezahlen oder im Sommer ein Glas Wasser reichen.

Warum haben Sie sich zum Aufhören entschlossen?

Ich werde heuer 68 Jahre alt und habe jetzt 52 Jahre lang als Handwerker mit Freude, aber zum Teil schwer gearbeitet. Jetzt will ich meinen Körper nicht mehr so belasten und die Verantwortung für Mitarbeiter und Termine abgeben. Trotz intensiver Suche und Gesprächen mit Interessenten hat sich leider kein direkter Nachfolger gefunden, der mein Geschäft weiterführen möchte und den Vorstellungen unserer Vermieter entsprach.

Sie wollen aber noch "ein bisschen" weitermachen?

Ja, sonst wird es mir womöglich langweilig. Kleine Reparaturen oder Glastüren und Glasduschen möchte ich noch machen. Dann bleibt auch der Kontakt zu den Kunden, der mir immer Spaß gemacht hat.

Zum Betrieb hat ein Laden gehört, der zugleich auch ein bisschen Galerie war. Was ist aus den ganzen Kunstwerken jetzt geworden?

Die Bildeinrahmungen waren das Steckenpferd und Talent meiner Frau, die auch viele ihrer eigenen Kunstwerke als Musterrahmungen gezeigt und verkauft hat. Auf unserer großen Abschlussparty haben wir eine Tombola veranstaltet - vom Zollstock bis zum Spiegel und Kunstobjekt sind wir einiges an Freunde und Kunden losgeworden. Nur einen eigenen Rahmenladen weiterzuführen hätte sich für uns nicht rentiert.

Wie fühlt sich der Ruhestand nach so vielen Jahren an?

Ich muss mich selbst ermahnen, alles langsamer angehen zu lassen und darf zwischendurch auf ein Schwätzchen verweilen. Außerdem koche ich sehr gerne. Ich werde mich auch mehr im Haushalt und beim Lions-Club Neufahrn engagieren und mein eigenes Haus auf Vordermann bringen.

© SZ vom 20.01.2020/nta

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