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Mitten in Neufahrn:Spitze Steine statt junges Grün

Man geht viel raus in diesen Tagen. Nicht immer kann man sich da an der Natur erfreuen.

Kolumne von Alexandra Vettori, Neufahrn

Der 1. März ist vorbei, die Vogelhochzeit läuft, der letzte Busch ist gestutzt, jeder Baum mit Minimalpotenzial zur Gefahr gefällt. Jetzt schlägt die Stunde der Feldweg-Sanierer. Sie rücken aus, schütten Kies auf die Wege, gern richtig dick und mit scharfen Zacken oder, noch lieber, mit großen Brocken. Man geht ja viel raus in diesen Tagen und muss sie einfach bewundern, die Spaziergänger, Radler, Joggerinnen und Gassi-Geherinnen in ihrer Langmut.

Denn mit der Feldwegsanierung ändern sich ihre Routen oft über Nacht. Zum Beispiel im Neufahrner Süden. Wo gestern noch junges Grün spross und sich der Himmel in Pfützen spiegelte, erstreckten sich eines Morgens graue Stein-Pisten. Durch die stapften die Sportler nun oder bugsierten die Räder. Nur die mit den Kinderwägen fehlten, vermutlich wegen der Gefahr eines Schütteltraumas beim Nachwuchs.

Vielleicht trüge es zur Sensibilisierung bei, wenn Bauern und Sachbearbeiter nach der "Pflege" mal mit dem Fahrrad vorbei kämen

Neufahrn ist kein Einzelfall, vielerorts läuft die Feldweg-Sanierung so. Das Volk reagiert auf die Ödnis in bewährter Manier, mit Ohrenstöpseln und Pulszählern zur Ablenkung, lässt den Hund apportieren oder führt Fachgespräche mit zweibeinigen Gassipartnern. Vielleicht bleiben Proteste bei Naherholungsuchenden auch aus, weil sich die Lage meist nach einem guten halben Jahr bessert. Wenn die Fahrspuren vom Kies wieder frei gefahren und matschig und die Steine an die Wegränder gerutscht sind und dort dem letzten Grün den Garaus machen.

Erste flüchtige Recherchen ergaben, dass Landwirte für die "Pflege" der Wege zuständig sind. Den reichlich ausgebrachten Kies aber zahlt meist die Kommune, weil die Wege öffentlich gewidmet sind, sprich, alle darauf dürfen. Keine ideale Kombination, wie auch Nicht-Betriebswirtschaftler feststellen können.

Vielleicht trüge es zur Sensibilisierung bei, wenn Bauern und Sachbearbeiter nach der "Pflege" mal mit dem Fahrrad vorbei kämen. Revolutionspotenzial jedenfalls hat die Sache. In Haag und Moosburg erwogen erboste Radler vor Jahren eine Klage gegen den Staatsforst, weil der einen Weg üppig bekiest hatte. Wer weiß, auf welche Ideen das aufmüpfiger werdende Volk noch kommt, am Ende gibt es wieder ein Bürgerbegehren. Im Neufahrner Süden ist es zu spät, da wurden die Kieslaster schon wieder gesichtet.

© SZ vom 10.03.2021/ilos
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