Farbanschläge in NeufahrnAleviten fühlen sich an Pogrome erinnert

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Mit einem roten Kreuz haben unbekannte Täter den Briefkasten der Alevitischen Gemeinde in Neufahrn beschmiert. Beim Pogrom von Kahramanmaraş im Jahr 1978 markierten Rechtsextremisten auf diese Weise Wohnhäuser von Aleviten.
Mit einem roten Kreuz haben unbekannte Täter den Briefkasten der Alevitischen Gemeinde in Neufahrn beschmiert. Beim Pogrom von Kahramanmaraş im Jahr 1978 markierten Rechtsextremisten auf diese Weise Wohnhäuser von Aleviten. privat
  • Nach der Wahl des ersten türkisch-stämmigen Bürgermeisters in Neufahrn wurden Wahlplakate und der Briefkasten der Alevitischen Gemeinde mit roten Kreuzen beschmiert.
  • Die Alevitische Gemeinde sieht darin Erinnerungen an Pogrome in der Türkei, wo Häuser von Aleviten mit roten Kreuzen markiert wurden.
  • Die Gemeinde hat Anzeige erstattet und macht sich große Sorgen, da sie seit ihrer Gründung 1991 nie mit solchen bedrohlichen Aktionen konfrontiert war.
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Nachdem Unbekannte nicht nur Wahlplakate des neuen Bürgermeisters mit roten Kreuzen besprüht haben, sondern auch den Briefkasten der Glaubensgemeinschaft, wendet sich diese an die Öffentlichkeit.

Von Francesca Polistina, Neufahrn

Die mutmaßlich rassistisch motivierten Farbanschläge nach der Wahl des ersten türkisch-stämmigen Bürgermeisters in Neufahrn haben einen noch größeren Umfang als zunächst bekannt. So wurden in der Nacht zu Montag, wenige Stunden nach dem Sieg von Ozan Iyibas bei der Stichwahl, nicht nur Wahlplakate des CSU-Bürgermeisterkandidaten sowie der Briefkasten von dessen Eltern mit großen roten Kreuzen beschmiert, sondern auch jener der Alevitischen Gemeinde am Ort. Ozan Iyibas und seine Familie sind Aleviten.

In einer Stellungnahme verurteilt die Alevitische Gemeinde „diesen hasserfüllten Angriff“ aufs Schärfste. „Das Verhalten der rassistischen und alevitenfeindlichen Kreise, die sich gegen Ozan Iyibas und unsere Gemeinde richten, ist völlig inakzeptabel. Solche Taten sind ein Angriff auf demokratische Werte und auf das friedliche Zusammenleben“, ist darin zu lesen. Die Alevitische Gemeinde hat inzwischen Anzeige erstattet.

Kommunalwahl im Landkreis Freising
:Farbattacke nach Sieg von türkisch-stämmigem CSU-Kandidaten

In Neufahrn bei Freising sind Wahlplakate von Ozan Iyibas mit roter Farbe beschmiert worden, auch der Briefkasten seiner Eltern. Der CSU-Politiker zeigt sich von den mutmaßlich rassistischen Taten nicht eingeschüchtert – im Gegenteil.

Von Francesca Polistina

„Wir machen uns große Sorgen“, sagt Metin Karatas vom Beratungsausschuss des Vereins. Ihm zufolge kann weder eine ausländerfeindliche noch eine aleviten-feindliche Motivation ausgeschlossen werden. Niemals seit der Gründung des Vereins in Neufahrn 1991 sei die Alevitische Gemeinde mit solchen bedrohlichen Aktionen konfrontiert worden. Die Aleviten seien gut integriert, an Probleme mit den anderen Einwohnerinnen und Einwohnern könne er sich nicht erinnern. Zu der Gemeinde gehören rund 200 Mitglieder aus Neufahrn und der Region. Laut Karatas weckt der Angriff weckt „Erinnerungen an schlimmste Zeiten“.

Das Alevitentum ist eine liberale und mystisch geprägte Glaubensrichtung mit Wurzeln im Islam. In den Siebziger- und Achtzigerjahren kam es in der Türkei zu mehreren Pogromen, die sich gezielt gegen die alevitische Bevölkerung richteten. Damals wurden die Häuser der Aleviten mit roten Kreuzen markiert, um sie zu identifizieren und anzugreifen. Im Pogrom von Kahramanmaraş im Dezember 1978 etwa wurden mehr als hundert Menschen von türkischen Rechtsextremisten und Fundamentalisten getötet. Immer noch werden Aleviten in der Türkei diskriminiert, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2016 bestätigte.

Nach den Vorfällen erreichten die Gemeinde zahlreiche Solidaritätsbekundungen, auch vom Rathaus Neufahrn. Die Aleviten bedanken sich dafür – ihr Gefühl der Unsicherheit aber bleibt.

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