Die mutmaßlich rassistisch motivierten Farbanschläge nach der Wahl des ersten türkisch-stämmigen Bürgermeisters in Neufahrn haben einen noch größeren Umfang als zunächst bekannt. So wurden in der Nacht zu Montag, wenige Stunden nach dem Sieg von Ozan Iyibas bei der Stichwahl, nicht nur Wahlplakate des CSU-Bürgermeisterkandidaten sowie der Briefkasten von dessen Eltern mit großen roten Kreuzen beschmiert, sondern auch jener der Alevitischen Gemeinde am Ort. Ozan Iyibas und seine Familie sind Aleviten.
In einer Stellungnahme verurteilt die Alevitische Gemeinde „diesen hasserfüllten Angriff“ aufs Schärfste. „Das Verhalten der rassistischen und alevitenfeindlichen Kreise, die sich gegen Ozan Iyibas und unsere Gemeinde richten, ist völlig inakzeptabel. Solche Taten sind ein Angriff auf demokratische Werte und auf das friedliche Zusammenleben“, ist darin zu lesen. Die Alevitische Gemeinde hat inzwischen Anzeige erstattet.
„Wir machen uns große Sorgen“, sagt Metin Karatas vom Beratungsausschuss des Vereins. Ihm zufolge kann weder eine ausländerfeindliche noch eine aleviten-feindliche Motivation ausgeschlossen werden. Niemals seit der Gründung des Vereins in Neufahrn 1991 sei die Alevitische Gemeinde mit solchen bedrohlichen Aktionen konfrontiert worden. Die Aleviten seien gut integriert, an Probleme mit den anderen Einwohnerinnen und Einwohnern könne er sich nicht erinnern. Zu der Gemeinde gehören rund 200 Mitglieder aus Neufahrn und der Region. Laut Karatas weckt der Angriff weckt „Erinnerungen an schlimmste Zeiten“.
Das Alevitentum ist eine liberale und mystisch geprägte Glaubensrichtung mit Wurzeln im Islam. In den Siebziger- und Achtzigerjahren kam es in der Türkei zu mehreren Pogromen, die sich gezielt gegen die alevitische Bevölkerung richteten. Damals wurden die Häuser der Aleviten mit roten Kreuzen markiert, um sie zu identifizieren und anzugreifen. Im Pogrom von Kahramanmaraş im Dezember 1978 etwa wurden mehr als hundert Menschen von türkischen Rechtsextremisten und Fundamentalisten getötet. Immer noch werden Aleviten in der Türkei diskriminiert, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2016 bestätigte.
Nach den Vorfällen erreichten die Gemeinde zahlreiche Solidaritätsbekundungen, auch vom Rathaus Neufahrn. Die Aleviten bedanken sich dafür – ihr Gefühl der Unsicherheit aber bleibt.


