Süddeutsche Zeitung

Neues Erholungsgebiet:Bald ist es mit der Ruhe vorbei

Das Naherholungsgebiet Hollerner See bei Eching steht kurz vor seiner offiziellen Eröffnung

Von Alexandra Vettori, Eching

Die Feldlerchen tirilieren, dazwischen ertönt ein Kuckuck, zwei Graugänse ziehen gemächlich ihre Bahnen auf einer Wiese, weit entfernt stehen zwei Fischer im Wasser. Alles ist friedlich am Hollerner See an diesem Freitagmorgen. Das wird sich bald ändern, am nächsten Sonnenwochenende und spätestens, wenn der Sommer richtig da ist. Denn das mit 90 Hektar Fläche, davon 28 Hektar Wasser, zweitgrößte Erholungsgebiet der Region München steht unmittelbar vor seiner Fertigstellung, Bauabschnitt zwei neigt sich dem Ende zu.

Kleine Badebuchten mit künstlich aufgeschütteten Flachwasserufern sind im Westen, der Echinger Seite, angelegt worden, dazu eine Bouleanlage, eine Sonnenterrasse, Radständer und ein kleines Amphitheater. Bänke, Abfalleimer und ein zweiter Beachvolleyballplatz kommen in den nächsten zwei Wochen. Aus den drei früheren Seen ist nach dem Wegzug des letzten Kiesbaggers im Vorjahr ein einziger großer See geworden, ziemlich genau in der Mitte liegt eine Insel. Der Geschäftsführer des für den Seebetrieb zuständigen Erholungsflächenvereins, Jens Besenthal, ist zufrieden mit dem "sehr schönen Fleckchen", das entstanden ist. Das Fest, mit dem man im Juni Einweihung feiern wollte, ist allerdings abgesagt, coronabedingt, versteht sich.

Was ist nicht alles gestritten worden um diesen See, der anfangs nur eine Kiesabbaufläche mit herrlich blauem Wasser war, an dem man ungestört Parties feiern konnte und ganze Hunderudel mit Herrchen und Frauchen sich zum Baden trafen? Im Juni 2011 war Schluss mit der wilden Romantik. Der erste Bauabschnitt auf der Südseite des Sees war fertig, mit Liegewiesen, provisorischem Containerkiosk, Wasserwachtstation, Uferpromenade, Parkplatz und weiten Blühwiesen.

Da lagen schon zwei Bürgerentscheide hinter der Stadt Unterschleißheim, in denen sich jeweils eine Mehrheit gegen ein Thermalbad aussprach, wie es die damaligen Bürgermeister der Nachbarkommunen Eching und Unterschleißheim in den Jahren zuvor voran getrieben hatten. Viele Bürger aber liefen Sturm dagegen, sie wollten Naturerholung und so ist es bis jetzt gekommen. Unter dem neuen Echinger Bürgermeister sind die Überlegungen ohnehin sehr leise geworden, wie man noch ein bisschen finanzielles Kapital aus dem zweiten Echinger Badesee schlagen könnte. Zuletzt war es eine Surfanlage, davor eine Seesauna. Geblieben ist der Wunsch nach einem ganzjährigen Restaurant am See, dort, wo jetzt der Containerkiosk ist. Die Anschlüsse, Strom, Wasser und Abwasser, erklärt Jens Besenthal, lägen schon in der Erde. Und zuletzt seien Gespräche mit Investoren auch durchaus positiv gelaufen. Dann aber kam Corona, "und deshalb wird es wohl erst 2021 etwas werden", schätzt er.

Nachdem der erste Bauabschnitt am Hollerner See erst nur zögerlich angenommen wurde, wird es inzwischen richtig voll an heißen Tagen. Nicht nur auf Liegewiesen und Sonnenbänken drängt sich das Volk, sondern in Form von Stand-up-Paddlern, Tauchern und Surfern auch im Wasser. Sogar in den nicht mit Zäunen abgetrennten Schilfbereichen am Seeufer suchen sich die Gäste ein ruhiges Plätzchen - kritisch beäugt von den Naturschützern.

Denn der Hollerner See ist nicht nur eine prima Freizeitlandschaft, er ist auch ein Refugium für viele Vögel, darunter einige vom Aussterben bedrohte. Über 100 verschiedene Vogelarten, davon die Hälfte hier brütend, hat Christian Langebartels, Echinger Hobby-Ornithologe und Mitglied im Landesbund für Vogelschutz, rund um den See gezählt, sogar Drosselrohrsänger und Zwergtaucher. Viele Wasservögel bauen ihre Nester in das Schilf, wo sie sicherer vor Fressfeinden sind. Damit das auch für Menschen im Freizeitmodus gilt, hat man Bereiche mit Zäunen abgetrennt. Langebartels ist dankbar für die Kooperationsbereitschaft des Erholungsflächenvereins. Schließlich war anfangs sogar die Entfernung der Schilfgürtel geplant. Ob sich Naturschutz und Naherholung vertragen werden? "Ich sehe es als Experiment", sagt Langebartls. Er hofft auf die Einsicht der Badenden, auch auf der Insel. Dort sind nicht nur Brutplätze im Schilf, sondern es wachsen auch seltene Orchideen. "Es gibt viel, was man da kaputt machen kann", sagt er.

Dass der dritte Bauabschnitt am nordwestlichen, Unterschleißheim zugewandten Ende des Hollerner Sees je kommt, gilt zumindest derzeit als unwahrscheinlich. Hier war ursprünglich mal das Thermalbad vorgesehen, hierhin wollte man als Zufahrt auch die Staatsstraße zwischen Eching und dem Kreuzhof verlagern. Ob der Erholungsflächenverein dort je etwas anderes als den Rundweg zu betreuen hat, Besenthal weiß es nicht, "da müssen wir mal schauen".

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SZ vom 29.05.2020
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