Neue Ausstellung in Freising:Zwischen Romantik und Verzweiflung

Neue Ausstellung in Freising: Valerie Leray und Alfred Ullrich zeigen im Künstlerhaus im Schafhof ihre Perspektiven auf die Geschichte der Sinti und Roma.

Valerie Leray und Alfred Ullrich zeigen im Künstlerhaus im Schafhof ihre Perspektiven auf die Geschichte der Sinti und Roma.

(Foto: Marco Einfeldt)

Vier internationale Künstler und Künstlerinnen geben im Schafhof ihre Erfahrungen mit dem Erbe und Wissen der Sinti und Roma weiter

Von Melanie Katschko, Freising

Europaweit bemühen sich Sinti und Roma um eine Dokumentation und Erhaltung ihrer Kulturgeschichte. Die Sommerausstellung "Art and Healing - A Roma Contribution for Europe" im Europäischen Künstlerhaus widmet sich diesem Anliegen. Vier internationale Künstlerinnen und Künstler geben ihre Erfahrungen aus dem Erbe der Sinti und Roma weiter. Gemeinsam zeigen sie ihre Visionen für ein friedliches und vereintes Europa.

Dan Turner aus Großbritannien hat sich die Interaktion zwischen der Kultur von Sinti und Roma und der Mainstream-Kultur näher angeschaut. Daraus entstanden ist ein dreidimensionales Kunstwerk mit dem Namen "Seeds of Healing". In der Mitte eines Raumes können die Besucher drei gläserne Gärtnereien bewundern. Drumherum hängen Stoffbahnen, die Häuser mit Dachgärten zeigen. Mit dem Kunstwerk möchte Turner an den Anbau von Heilpflanzen erinnern, die einst in der Gemeinschaft von Sinti und Roma verbreitet waren. Gleichzeitig spielt er auf den Gedanken von Recycling und Regeneration in der modernen Gesellschaft an.

Die Dokumentarfotografin Valérie Leray aus Frankreich ist mit historischen Dokumenten den Spuren von Sinti und Roma gefolgt, die während der NS-Diktatur in Konzentrationslagern ermordet wurden. Dafür suchte sie ehemalige Internierungslager in Frankreich auf. Es entstanden Fotos von Landschaften, deren scheinbarer Frieden ein trügerischer ist. Erst durch den Akt des Fotografierens lässt Leray die Vergangenheit allgegenwärtig werden. "Ich möchte nicht, dass die persönlichen Geschichten der Opfer verloren gehen", sagt die Fotografin. Ihr Großvater, Jean Pierre Leray, musste selbst als Kind in ein Internierungslager bei Orléans. Mit ihren Aufnahmen möchte sie einen Impuls für die Aufarbeitung und Erinnerung an den Genozid an den Sinti und Roma leisten.

Der Radierer und Kupferdrucker Alfred Ulrich aus Dachau versucht mit seinen Kunstwerken ein Zeichen gegen eine romantisch verklärte Sichtweise auf die Kultur von Sinti und Roma zu setzten, die sich in vielen Werken von Kulturschaffenden widerspiegeln. In seiner Aquatinta-Serie fällt das Muster von Spitzenvorhängen auf. "Der Vorhang dient als Metapher für die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Sinti und Roma. Ich versuche hinter den Vorhang zu schauen", so Ulrich. Dabei verarbeitet der Künstler seine Familiengeschichte: Viele Familienmitglieder von ihm wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die traumatischen Erlebnisse seiner Mutter haben Ulrich geprägt. Themen wie Schmerz, Verletzlichkeit und Tod sind aus seinen Arbeiten nicht wegzudenken.

Auch für die in Bosnien geborene Selma Selman ist ihre Roma-Herkunft ein wesentlicher Ausgangspunkt. Selman präsentiert eine Video-Installation mit dem Namen "Mercedes Matrix". Darin zerstört die Künstlerin mit ihrer Familie einen Mercedes Benz. Selmans Familie ist in ihrer Heimat darauf angewiesen, Metallabfälle in Ressourcen zu verwandeln und in Recyclingzentren zu verkaufen. Nur damit können sie ihr Lebenseinkommen sichern. Selman nutzt den Akt des Zerstörens, um Emotionen wie Verzweiflung, Angst und Wut zum Ausdruck zu bringen. Mit der Kunst als Werkzeug hinterfragt sie die Arbeit ihrer Familie.

Die Ausstellung "Art and Healing: A Roma Contribution for Europe" läuft vom 24. Juli bis zum 26. September. Informationen zum Programm gibt es unter https://www.schafhof-kuenstlerhaus.de/.

© SZ vom 26.07.2021
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