Süddeutsche Zeitung

Neue Ausstellung im Freisinger Schafhof:Kritischer Blick auf den Konsum

Die Installationen von Tim Bennett und Stephanie Senge beleuchten unter anderem den Begriff der Freiheit und erinnern an den Kampf der Suffragetten für das Frauenwahlrecht

Wie frei sind wir, wenn wir politische Parteien wählen oder im Supermarkt zu unzähligen Produkten greifen können? Dieser Frage geht die aktuelle Ausstellung "Forschung, Mensch/Gesellschaft" mit dem Untertitel "Wählen" im Europäischen Künstlerhaus Schafhof nach. Der Zeitpunkt passt, denn wohl kaum jemand entzieht sich dem weihnachtlichen Konsumrausch und in drei Monaten werden in Bayern die Kommunalparlamente neu gewählt.

Die Installationen von Tim Bennett und Stephanie Senge untersuchen kritisch das Konsumverhalten und nehmen den diesjährigen siebzigsten Geburtstag des Grundgesetzes, das die Freiheit von Kunst und Wissenschaft festschreibt, unter die Lupe. Daneben weist die Ausstellung auf das Frauenwahlrecht hin, das unter anderen vor gut hundert Jahren die Suffragetten mit ihren Märschen auf den Straßen mutig durchgesetzt haben.

Bennett zeigt im Schafhof eine riesige Installation mit 40 Wahlkabinen aus Pappe. Er hat sie nachgebildet, verformt, schief aufgestellt, als ob sie schwankten und tanzten, eine "Performance der Demokratie," wie die Kuratorin und Kulturmanagerin Eva Tillig in ihrer Einführung zu der Ausstellung formulierte. Mitten in den Pappgebilden stehen drei große Skulpturen aus Gips, die Suffragetten darstellen. Stephanie Senge hat ihnen jeweils ein Plakat mit der Aufschrift "Woman Vote", eine Zigarette und ein Demoplakat in die Hände gegeben.

"Die Suffragetten haben tolle Aktionen auf den Straßen gemacht, daran sollen die Figuren erinnern", sagte die 1975 geborene Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet. Senges Skulpturen sind ein Appell, sie fordern den Betrachter unmissverständlich auf, ihnen zu folgen, "ich will mit meinen Arbeiten Frauen zu mehr Selbstbewusstsein ermutigen". Tim Bennett, Jahrgang 1973, dagegen untersucht mit seiner Installation eher leise den temporären Charakter des Wählens und im Kontrast dazu die langfristigen Auswirkungen der Stimmabgabe.

Doch nicht nur Wahlkabinen, auch Supermärkte seien Orte der Freiheit, stellte Tillig fest. Erstaunliches hat Stephanie Senge dazu in ihren Installationen mit den Titeln "Frauen", "Schön" und "Freiheit" herausgefunden. Sie sei die einzige Konsumkünstlerin der Welt, in ihren Arbeiten und Aktionen gehe es ihr stets darum, "dass wir Konsumenten uns darüber bewusst werden, was wir machen, wenn wir einkaufen", erklärte Senge. "Einkaufen" sei in der Wohlstandsgesellschaft ein sehr zentrales und komplexes Thema.

Die Künstlerin kauft seit über 25 Jahren in Supermärkten überall auf der Welt professionell ein. "Ich reise sehr viel, wenn ich irgendwo ankomme, gehe ich als erstes in einen Supermarkt", schilderte sie. In ihrem Berliner Atelier ist inzwischen eine riesige Konsum-Produkte-Sammlung entstanden, aus der sie schöpft.

Für eine ihrer Installationen hat Senge zahlreiche Produkte aus der ganzen Welt unter Glas versammelt, die alle das Wort "Freiheit" auf der Verpackung stehen haben. Sowohl Körperpflegeprodukte wie Monatsbinden oder Deos, aber auch Süßigkeiten oder Tees nutzen diesen Begriff, um den Kunden zum Kaufen zu animieren. "Wir werden manipuliert", ist Senge überzeugt. Sie wolle mit ihrer Kunst und Straßenaktionen dazu anregen, sich zu überlegen, was beim Einkaufen im Gehirn vor sich geht.

Die Ausstellung "Forschung, Mensch/Gesellschaft" mit dem Untertitel "Wählen" ist noch bis zum 16. Februar 2020 im Schafhof zu sehen.

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Quelle:
SZ vom 16.12.2019
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