Naturschutz:Ohne Kontrollen geht es nicht

Naturschutz: Hier blüht und summt es: Im Freisinger Moos sind, wie an diesem Entwässerungsgraben in der Nähe von Pallhausen, gleich mehrere große Ausgleichsflächen als Ersatz für Bauprojekte entstanden, um das Areal ökologisch aufzuwerten.

Hier blüht und summt es: Im Freisinger Moos sind, wie an diesem Entwässerungsgraben in der Nähe von Pallhausen, gleich mehrere große Ausgleichsflächen als Ersatz für Bauprojekte entstanden, um das Areal ökologisch aufzuwerten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wo immer Fläche verbraucht wird, zum Beispiel für das Großprojekt Westtangente, muss an anderer Stelle ein Ausgleich dafür geschaffen werden, damit sich der Zustand der Natur nicht noch weiter verschlechtert. Aber nur jede vierte Ausgleichsfläche wird ordnungsgemäß umgesetzt, ein Viertel überhaupt nicht - und die Hälfte nur mangelhaft. Wie ist die Lage im Landkreis?

Von Gudrun Regelein, Freising

Wann immer Fläche verbraucht wird - durch den Bau von Straßen oder Bauprojekten beispielsweise - muss an anderer Stelle dafür ein Ausgleich geschaffen werden. Das ist im Bundesnaturschutzgesetz so geregelt. Dadurch soll der Zustand der Natur und Landschaft nicht noch weiter verschlechtert werden. In Bayern aber wird nur jede vierte Ausgleichsfläche ordnungsgemäß umgesetzt, ein Viertel überhaupt nicht - und die Hälfte nur mangelhaft. Das ergaben Studien einzelner Landkreise, die der Landesbund für Vogelschutz (LBV) 2020 in Auftrag gab. Die gesetzlichen Vorgaben würden systematisch missachtet, kritisiert der LBV. Mit seiner Kampagne "Aufi" will er nun erreichen, dass die Städte, Gemeinden und die privaten Bauherrn ihrer Pflicht nachkommen - und für jeden Eingriff in die Natur und Landschaft einen Ausgleich schaffen und ihn pflegen.

Günther Knoll, LBV-Vorsitzender der Kreisgruppe Freising:

Naturschutz: Günther Knoll wird, Vorsitzendes der Freisinger Ortsgruppe des Landesbunds für Vogelschutz.

Günther Knoll wird, Vorsitzendes der Freisinger Ortsgruppe des Landesbunds für Vogelschutz.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Landkreis Freising wurde zwar nicht genauer unter die Lupe genommen, sagt Knoll, aber: "Auch hier ist es so, dass etwa nur ein Viertel der Ausgleichsflächen in dem Zustand ist, in dem sie sein sollten, die Hälfte ist mangelhaft - und ein kleiner Teil wird gar nicht umgesetzt." Gerade bei dem starken Rückgang der Artenvielfalt aber sei es eigentlich unglaublich wichtig, neue Lebensräume zu schaffen. Kompensationsflächen gebe es im Landkreis ganz unterschiedlich, neben kleinen Wiesen auch größere, zusammenhängende Flächen. Größter "Verursacher" beim Flächenverbrauch sei der Flughafen, sagt Knoll. Beim Bau des Flughafens München im Erdinger Moos, der 1992 seinen Betrieb aufnahm, sei bei diesem Thema noch viel schief gelaufen. Inzwischen aber sei das anders, der Flughafen sei ziemlich vorbildlich, sagt Knoll. "Das liegt aber sicher mit daran, dass dem Flughafen auf die Finger geschaut wird."

Flächenausgleich ist Pflicht - und zwar möglichst nah an der Eingriffsfläche, also beispielsweise einer Straße oder einem Neubau. Das aber sei oft gar nicht möglich, sagt Knoll. Zumindest sollte dann aber die Ersatzfläche dem gleichen Naturraum, der verloren ging, angehören. Alternativ könne ein Verursacher aber auch Ersatzzahlungen leisten, die auf ein Konto fließen - anderswo werde dann von dem Geld eine Kompensationsfläche erstellt. "Das wird von vielen Gemeinden genutzt", sagt Knoll. Oder ein Ökokonto, in dem sich auf Vorrat Flächen befinden, wird eröffnet, ein solches will sich die Gemeinde Neufahrn nun anlegen (siehe Kasten).

Aber selbst wenn Flächen geschaffen werden, werde etwa die Hälfte schlecht oder auch gar nicht gepflegt. Beziehungsweise stellten sie keinen adäquaten Ersatz dar, ein englischer Rasen oder ein Wiesenstreifen, der als Parkplatz missbraucht werde, bringe nicht wirklich etwas, kritisiert Knoll. Er würde sich mehr Einsicht wünschen, dass es sich bei den Ausgleichsflächen um kein Muss handele, "es sollte so sein, dass es gerne getan wird."

Manfred Drobny, Geschäftsführer der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz:

Manfred Drobny

"Es gibt zu wenige Kompensationsflächen, es fehlt ein vernünftiges Konzept, die Zuständigkeiten sind ungeklärt", sagt Manfred Drobny vom Bund Naturschutz.

(Foto: lukasbarth.com)

Es gibt zu wenige Kompensationsflächen, es fehle ein vernünftiges Konzept, die Zuständigkeiten seien ungeklärt - und das Personal fehle, um zu kontrollieren und eventuell Sanktionen zu verhängen. Das sind für ihn die großen Mankos. Was die Zuständigkeiten angehe, sei es eine Art Blackbox, jeder könne machen, was er will, sagt Drobny. Dilemma sei, dass der Eingreifer für die Ausgleichsfläche verantwortlich sei und dafür, dass sie in einem guten Zustand bleibt. Kontrolliert werde das aber kaum. So gebe es bei der Ampertalbrücke bei Zolling eine Fläche, die nach kurzer Zeit wieder gegüllt und genutzt wurde - zuständig gefühlt habe sich aber niemand. Zudem sei ein Ausgleich nicht in allen Fällen möglich: "Wenn beispielsweise ein Gehölz, das ein Jagdhabitat für die Fledermaus war, wegkommt, dann kann ja gar nicht in kurzer Zeit ein adäquater Ersatz geschaffen werden", erklärt Drobny. Eigentlich sollte die neue Fläche bereits vor einem Eingriff vorhanden sein, auch das aber sei nur selten der Fall.

Die Berechnung einer Ausgleichsfläche erfolgt nach einem komplizierten Punktesystem. Für jeden zugebauten Hektar freie Landschaft wird je nach ökologischer Bedeutung mindestens 0,3 Hektar Ausgleich geschaffen. Aber das passiere häufig nur auf dem Papier. Bei der Westtangente beispielsweise gebe es Licht und Schatten. Zwar sei konsequent formal berechnet worden, wie viel Ausgleich hergestellt werden müsse - aber insgesamt reichte er eben nicht aus, um den Naturverlust kompensieren zu können. Auch bei der Erstellung einzelner Flächen sei nicht alles optimal gelaufen: So sei in einem Landschaftsschutzgebiet an der Moosachschleife intakter Moorboden überschüttet worden. Ausgleichsflächen bedeuteten die Reparatur eines Schadens an der Natur. Das funktioniere oft gut, oft aber auch nicht. Beim Flughafenbau vor gut 30 Jahren beispielsweise habe es ein falsches Konzept gegeben. Damals wurde als Ausgleich im Süd-Osten des Flughafens ein grünes Band geschaffen - allerdings viel zu schmal, und viel zu häufig unterbrochen. Unmittelbar neben einem 20 Meter breiten Streifen beispielsweise gebe es intensive Landwirtschaft, auch Straßen führten durch das Band. Im Anschluss habe sich niemand mehr darum gekümmert. Der damalige Verlust sei nicht annähernd ausgeglichen worden. "Das war damals reine Kosmetik", sagt Drobny. Positives aber hat er auch zu berichten: So kategorisiert die Stadt Freising alle ihrer Ausgleichsflächen - viele davon befinden sich im Freisinger Moos. Es gibt ein Konzept, wo diese am sinnvollsten anzulegen seien. Das konzentriere das Ganze, "und das ist auch besser für den Eingreifer, die Pflege wird einfacher". Größere Einheiten hätten zudem auch ökologisch einen größeren Wert. Eigentlich, so sagt Drobny, sollten alle Ausgleichsflächen im bayernweiten Ökoflächenkataster gemeldet werden - das aber geschehe nicht immer. Auch nicht, in welchem Zustand sich diese befänden, wird immer angegeben - Sanktionen aber gebe es auch deshalb keine.

Stadt und Landkreis

Die Stadt Freising beispielsweise meldet ihre Ausgleichsflächen nicht an das bayernweite Ökoflächenkataster. "Wir melden diese an unsere übergeordnete Behörde, die Untere Naturschutzbehörde", berichtet Freisings Hauptamtsleiter Rupert Widmann. In jüngster Zeit musste neben dem Großprojekt Westtangente für verschiedene städtische Bebauungspläne Ausgleich geschaffen werden - beispielsweise für die Projekte Clemensänger II Ost und Angerstraße West. Die Kompensationsflächen befänden sich im Eigentum der Stadt Freising. Bei ihrer Gestaltung arbeite die Stadt eng mit der Unteren Naturschutzbehörde zusammen, diese erteilt die Vorgaben für die Umsetzung. Bei der Umsetzung und Pflege dagegen arbeitet die Stadt sehr eng mit dem Landschaftspflegeverband Freising zusammen.

Naturschutz: Die Stadt Freising musste für das Großprojekt Westtangente Ausgleichsflächen schaffen.

Die Stadt Freising musste für das Großprojekt Westtangente Ausgleichsflächen schaffen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Für das Landratsamt sei der Ausgleich keine Nebensache, betont Landratsamtssprecher Robert Stangl. "Wir nehmen das ernst. In unserem Landkreis wurde bereits viel Fläche versiegelt, wir gehen mit den Ressourcen sparsam um." Bei jeder Maßnahme werden die Auflagen erfüllt - und Ausgleich geschaffen. So auch für den Neubau der Realschule Gute Änger in Freising, für dieses Projekt wurde eine Fläche von etwa 1,5 Hektar hergestellt. Beim Straßenbau müsse vor allem bei investiven Maßnahmen Ausgleich geschaffen werden. "Investiv bedeutet, dass die Straße komplett erneuert wird, das heißt Vollausbau", erklärt Stangl. In der Regel werde versucht, den Ausgleich vor Ort zu realisieren - beispielsweise durch besondere Saaten an den Böschungen. Inzwischen setzt der Landkreis aber auch darauf, bereits vorsorglich Ausgleichsflächen zu schaffen: Derzeit passiert das in einer ehemaligen Kiesgrube bei Allershausen, die renaturiert wird.

Jörg Steiner, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde:

Naturschutz: Jörg Steiner, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Freisinger Landratsamts.

Jörg Steiner, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Freisinger Landratsamts.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Untere Naturschutzbehörde sei nur selten Genehmigungsbehörde, sagt Steiner. "Aber wir geben beim Verfahren eine fachliche Stellungnahme ab und formulieren die Auflagen." Beispielsweise wie groß eine Ausgleichsfläche wird und wie sie gestaltet sein muss. Kompliziert werde es bei der Kontrolle, ob die Fläche überhaupt erstellt und ob sie dann auch gepflegt wird, sagt Steiner. Denn die Zuständigkeiten seien kompliziert: Eine Gemeinde, die beispielsweise für eine Freiflächen-Fotovoltaikanlage grünes Licht gegeben hat, ist nicht unbedingt die Genehmigungsbehörde für die Ausgleichsfläche, die sei in diesem Fall das Bauamt im Landratsamt. Beim Straßenbau dagegen ist es die Regierung von Oberbayern. "Und genau das ist der Knackpunkt", sagt Steiner. Momentan werde man im günstigsten Falle eingeladen, bei der Kontrolle mitzuwirken. Um wirklich effizient arbeiten zu können, wäre es aber sinnvoll, diese Aufgabe an die Unteren Naturschutzbehörde abzugeben, sagt er. Diese sei vor Ort - und kenne die Ausgleichsflächen. Derzeit gibt es im Landkreis etwa 1000 dieser Flächen, insgesamt umfassen diese gut 600 Hektar. Schwerpunktmäßig finden sie sich im Freisinger Moos, im Heidegebiet bei den Gemeinden Eching und Neufahrn und im Ampertal.

Der Ausgleichsflächenfinder "Aufi" findet sich auf der Homepage des LBV (www.lbv.de). Zu jeder Fläche gibt es detaillierte Informationen.

© SZ vom 10.08.2021
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