Naturschutz im Landkreis Freising:Artenvielfalt unter Druck

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Gelbbauchunken

Geglückt ist bisher das Projekt zur Wiederansiedlung von Gelbbauchunken wie hier bei Wippenhausen, das sowohl Stadt als auch Landkreis und Bund Naturschutz unterstützen.

(Foto: privat)

Durch die Klimakrise trocknen Tümpel aus oder das Wasser erwärmt sich, viele Organismen kommen damit nicht zurecht. Zwar haben die Verantwortlichen in Stadt und Landkreis Freising das Problem erkannt - doch sie könnten mehr tun, finden Naturschützer

Von Thilo Schröder, Freising

Überschaubar bis unscheinbar, oft umwuchert, bilden Klein- und Kleinstgewässer einen nicht zu unterschätzenden Bestandteil des Ökosystems. Ihr Beitrag zur Artenvielfalt, so sagt es der Limnologe und Fischökologe Thomas Mehner vom Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin, werde aber "in aller Regel gar nicht beachtet". Dabei sei die Vielfalt in Tümpeln, Teichen und Pfützen oft weitaus höher als etwa in Seen. Durch die Klimakrise jedoch und einen sinkenden Grundwasserspiegel vielerorts drohen viele dieser Biotope dauerhaft auszutrocknen. Die Folge: ein "dramatischer Rückgang" der Artenvielfalt.

Auch beim Bund Naturschutz in Freising sieht man diese sich abzeichnende Entwicklung "durchaus mit Sorge", sagt Kreisgeschäftsführer Manfred Drobny. Die Möglichkeiten, um gegenzusteuern, seien derweil längst nicht ausgeschöpft. Am Landratsamt und der dort angesiedelten Unteren Naturschutzbehörde sowie bei der Stadt Freising ist man sich der Biodiversitätskrise durchaus bewusst, heißt es.

Schon jetzt, sagt Mehner, seien durch Erwärmung und geringere Niederschläge wie in den Hitzesommern 2018/19 viele Gewässer nicht mehr bewohnbar für an kältere Temperaturen gewöhnte Organismen. Der Sauerstoff im Wasser werde knapp, die Wasserqualität nehme ab, etwa durch bestimmte Blaualgen. Auch im Landkreis Freising beobachte man solche Phänomene, so das Landratsamt. Starkregen- und andere Extremwetter-Ereignisse zerstörten zusätzlich Lebensräume und Arten, sagt Mehner. Austrocknende Gewässer wiederum setzten vormals gespeicherte Treibhausgase frei. Er mahnt deshalb, den Erhalt von Tümpel-Landschaften in die lokale Gewässerpolitik zu integrieren.

Stadt und Landkreis Freising wie auch Manfred Drobny verweisen dafür exemplarisch auf das gemeinsame Projekt zur Wiederansiedlung der Gelbbauchunke, deren Bestand zuletzt stark rückläufig war. Neben globalen Klimaveränderungen sieht man im Landratsamt unmittelbare Eingriffe als Ursache für den Rückgang von Lebensräumen. "Auch die seit langem immer stärker regulierenden Eingriffe des Menschen in die Auenlandschaften verhindern die Neuentstehung von Gewässern (Altwässer, Flutmulden) durch natürliche Dynamik", heißt es. Die Behörde betont: "Im Rahmen seiner Tätigkeit versucht das Landratsamt Freising laufend, Feuchtflächen zu erhalten, naturschutzfachlich zu verbessern und langfristig vertraglich für den Naturschutz zu sichern."

Thomas Mehner nennt für die lokale Politik diverse Ansätze für den Gewässerschutz. Man könne versiegelte Flächen entwässern, um so Tümpel zu speisen, Kleinstgewässer sauber und offen halten, Versickerung ermöglichen, Dachentwässerung zur Versickerung freigeben, statt Regenwasser in die Kanalisation zu führen, Querbauwerke in Bächen und Flüssen zurückbauen, die Versickerung entlang von Straßen optimieren, Firmen zur Versickerung verpflichten, Eigenheimbesitzer dazu anhalten, weniger zu versiegeln.

Die Stadt Freising verweist auf ihr "Klimaanpassungskonzept Freising 2050". Man wolle "die Stadt von morgen bereits heute denken", und sehe, dass durch Bevölkerungswachstum "städtische Frei- und Grünräume unter Druck" geraten. Die konkrete Forderung, dass Niederschlagswasser auf dem Grundstück versickert werden soll, werde durch Festsetzungen im Bebauungsplan geregelt, basierend auf dem Wasserhaushaltsgesetz. Sowohl Stadt als auch Landkreis wissen um die Problematik von Querbauwerken in Fließgewässern, die für darin lebende Arten Hindernisse darstellen. 32 solcher Bauwerke gebe es in Freisinger Gewässern, teilt das Landratsamt mit, die die Durchgängigkeit " ganz oder teilweise verhindern". Aus Wasserkraftwerken könne man zwar erneuerbaren Strom gewinnen, jedoch erschwerten diese Wanderungsbewegungen. "Soweit dies rechtlich zulässig ist, ordnet das Landratsamt Freising den Rückbau von Querbauwerken an oder fordert die Wiederherstellung der Durchgängigkeit durch Bau von Fischwanderhilfen. Derzeit befinden sich vier solcher Vorhaben im Genehmigungsverfahren beziehungsweise in der Umsetzung."

Die Stadt Freising nennt eine im Bau befindliche Fischtreppe am Fürstendamm. "Aufgrund der vielen Bauwerke in den Moosach-Armen im Stadtgebiet ist das Ziel der Durchgängigkeit mittelfristig nur über die Schleifermoosach zu erreichen", heißt es. "Insofern handelt es sich bei dieser Fischtreppe um eine Schlüsselstelle." Als Ausgleichsfläche für die Westtangente habe man andernorts ein Nebengerinne angelegt. Nach Initiativen beim Innenstadtumbau gefragt, nennt die Stadt einen Landschaftspflegerischen Begleitplan, der "umfangreich auf die (Gewässer-)ökologischen Auswirkungen der Maßnahme eingeht und die Verbesserung der ökologischen Situation durch die Maßnahme bestätigt".

Gewässerschutz ist zum Teil auch Hochwasserschutz. Aus vom Wasserwirtschaftsamt geförderten Hochwasserschutzkonzepten würden derzeit "Schritt für Schritt die Detailplanungen erstellt", die auch "gewässerökologische Maßnahmen" vorsähen, so die Stadt. Einige davon sind demnach 2021 angelaufen, für andere sind Mittel im aktuellen Haushalt vorgesehen.

Dem Naturschützer Manfred Drobny reicht das alles noch nicht. Es brauche ein "anderes Wassermanagement", das grundlegend mit dem geltenden Motto breche, alles in der Natur begradigen zu wollen. Die Bundesregierung müsse das erwähnte Wasserhaushaltsgesetz ändern, fordert der Grünen-Stadtrat. In Freising habe man zwar das "Problem erkannt", agiere aber "noch relativ zäh". Es brauche bei dem Thema eine interkommunale Zusammenarbeit. Drobny hat selbst einen etwa drei Quadratmeter messenden Tümpel in seinem Garten, den er als "Wildnis betont" bezeichnet. Die Pflasterung sei "auf das notwendige Maß" reduziert und wasserdurchlässig, sagt er.

Welchen Wert die Artenvielfalt auch in Klein- und Kleinstgewässern hat, können auch Gewässerökologinnen und -ökologen nur erahnen. "Von vielen Organismen wissen wir gar nicht, welche Rolle sie spielen, welchen Dienst sie leisten, welche Art unerlässlich ist oder verzichtbar wäre", sagt Thomas Mehner vom IGB in Berlin. Manfred Drobny geht noch einen Schritt weiter: "Man muss von dem Denken wegkommen, nach einem praktischen, ökonomischen Nutzen von Arten zu suchen. Es geht um das Gesamtgefüge. Man kann das nicht auf einzelne Arten reduzieren."

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