Eigentlich müsste Antje Mäurer längst ihren Umzug planen: die alte Wohnung ausmisten, neue Möbel aussuchen, Kisten packen. Stattdessen wartet sie darauf, dass der Freistaat Bayern wieder Geld für bezahlbaren Wohnraum freigibt – und dass davon diesmal auch die Münchner Baugenossenschaft Wagnis profitiert. Denn nur dann kann die ihr Projekt in Freising umsetzen.
Zusammen mit gut 40 anderen Haushalten der Initiative „Freisam“ hatte sich Mäurer vor fünf Jahren der Genossenschaft angeschlossen, in der Hoffnung auf bezahlbares, gemeinschaftliches Wohnen. Dass der Name der Genossenschaft einmal so wörtlich zu nehmen sein würde, ahnte damals niemand.
Doch dort, wo Antje Mäurer Ende 2026 eigentlich in eine der 107 geplanten Wohnungen einziehen wollte, ist bis heute nichts gebaut. Auf dem freigeräumten Baufeld im Norden des Freisinger Steinparks steht nur eine große alte Linde. Eine erste Erschließungsstraße ist bereits angelegt. Der Baustart aber hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder verzögert – und daran ist der Freistaat Bayern nicht ganz unschuldig.
2021 hatte sich alles ganz gut angelassen für die Initiative „Freisam“, die sich zunächst allein, später zusammen mit der Wagnis-Genossenschaft für das Grundstück interessierte, das von der Stadt im Steinpark für genossenschaftlichen Wohnungsbau ausgeschrieben worden war. Freisam, mit den erfahrenen Wagnis-Leuten im Rücken, setzte sich im Juli 2022 gegen zwei andere Bewerber durch.
Gefordert waren unter anderem ein differenziertes Wohnangebot, Gemeinschaftseinrichtungen für das ganze Quartier und ein nachhaltiges Konzept mit einer ökologischen Ausrichtung des Bauvorhabens. Das alles wollte Wagnis leisten, doch dann gab es „einen Nackenschlag nach dem anderen“, wie es Rut Gollan vom Vorstand der Genossenschaft formuliert.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine stiegen 2022 Energiepreise, Baukosten und Zinsen stark an. Wagnis und Freisam suchten nach Einsparmöglichkeiten, um das Projekt trotzdem tragfähig zu halten. Im Herbst 2023 fielen dann auch noch die Mittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau weg. Als die Förderung im Frühjahr 2024 kurzzeitig wieder greifbar schien, folgte im August der nächste Dämpfer: Die Töpfe des Freistaats zur einkommensorientierten Förderung (EOF) waren völlig überzeichnet. „Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Gollan.
Ohne Förderung kann die Genossenschaft das Projekt kaum umsetzen. Wagnis aber möchte nicht aufgeben – auch wenn einige Mitglieder der ursprünglichen Freisam-Gruppe inzwischen ausgestiegen sind. „Da waren junge Familien dabei, deren Kinder inzwischen in die Schule gehen. Die konnten nicht so lang warten“, bedauert Gollan. Nachdem ausgewählte Projekte aktuell wieder gefördert werden können, hat sie für das Freisinger Vorhaben nun noch einmal einen Antrag gestellt. Die Genossenschaft hat bereits einen mittleren sechsstelligen Betrag investiert – und die Freisam-Gruppe hat zuletzt intensiv an der Umsetzung gearbeitet.
Die Linde auf dem leeren Baufeld hat für Mäurer und die Gruppe längst symbolische Bedeutung. Künftig soll sie das Zentrum des Quartiers bilden, rund um sie sind Gemeinschaftseinrichtungen geplant. Mäurer sagt, ihr sei gerade dieser Gemeinschaftsgedanke wichtig. Zu viele Menschen würden heutzutage völlig isoliert leben, doch über die Freisam-Gruppe seien echte Freundschaften entstanden.
Genossenschaftliches Wohnen bedeutet für viele mehr als eine günstige Wohnung: Solidarität, Identifikation und die Frage, wie Nachbarschaft konkret gelebt werden soll. Gollan beschreibt diese Wohnform als „kleines Dorf in der Stadt“. Vieles werde gemeinsam entschieden, zugleich bleibe genug Raum für privaten Rückzug. Auch Kinder wüchsen dabei selbstverständlich in demokratische Prozesse hinein.
Wer bei einer Genossenschaft wie Wagnis mitmachen will, zeichnet zunächst Anteile und bringt so Eigenkapital ein. Im Freisinger Projekt liegen diese Beiträge nach Angaben der Genossenschaft je nach Einkommen zwischen 150 und 2000 Euro pro Quadratmeter. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder ein dauerhaftes Wohnrecht und zahlen eine monatliche Nutzungsgebühr statt einer klassischen Miete. Sie sind quasi „Mieter im eigenen Haus“, wie Gollan sagt. Weil die Genossenschaft nicht gewinnorientiert arbeitet, liegen diese Gebühren häufig unter den ortsüblichen Vergleichsmieten.
Auch die Freisinger Lebenshilfe ist mit im Boot
Im Freisinger Stadtrat hatte das Projekt von Anfang an breite Unterstützung. Auch Stadtbaurätin Barbara Schelle hält viel vom genossenschaftlichen Bauen. Genossenschaften schafften soziale Stabilität im Quartier, sagt sie – etwas, das die Stadt allein so nicht leisten könne. Dass Wagnis gemeinsam mit der Lebenshilfe zudem zwölf inklusive Wohnungen plant, nötige ihr besonderen Respekt ab. „Das machen die nicht, weil die Stadt das sagt, sondern weil sie es so wollen.“
Um die Finanzierung zu erleichtern, habe die Stadt auch geholfen, günstiger zu planen, sagt Schelle. Nun müsse der Bauantrag rasch eingereicht werden, damit das Projekt in das aktuelle Förderfenster fällt. Spätestens im Januar erwartet Wagnis Klarheit. Dann könnte sich die Baugruppe auch wieder für neue Interessenten öffnen; rund 70 Namen stehen auf der Warteliste. Gollan hofft, dass im Frühjahr 2027 die Bagger anrollen können.
Und wenn es wieder nicht klappt? „Dann müssen wir völlig neu denken, wie wir das auch frei finanziert hinbekommen“, sagt Gollan. Noch aber setzt Wagnis alles auf diesen einen Versuch. „Jetzt kämpfen wir mit allem, was wir haben, um diese Förderung.“


