bedeckt München 20°

Freising und Münchner Norden:Krebserregende Stoffe zirkulieren weiter im Grundwasser

Mit Chemikalien belastet ist die Moosach im Landkreis.

(Foto: Marco Einfeldt)

Trotz wiederholter Untersuchungen findet das Wasserwirtschaftsamt die Quelle der giftigen Chemikalien nicht, die seit 2019 im Grundwasser und in der Moosach gemessen werden. Immerhin steigen die Werte nicht an.

Von Nadja Tausche

Die gute Nachricht: Die Menge an PFOS-Chemikalien im Grundwasser und in der Moosach ist zuletzt nicht angestiegen. Die schlechte: Die krebserregenden Stoffe zirkulieren weiter im Münchner Norden und im südlichen Landkreis Freising - und der Ursprung der Stoffe ist nach wie vor nicht bekannt, weshalb der Schaden nicht behoben werden kann. Den neuesten Messungen zufolge liegen die Werte in der Moosach und weiteren Oberflächengewässern in der Größenordnung des Vorjahres, sagt Christian Leeb, Leiter des Wasserwirtschaftsamts München, auf Anfrage. Die Belastung des Grundwassers fällt demnach sogar "deutlich geringer" aus als bei früheren Messungen. PFOS, die zur Gruppe der sogenannten per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) gehören, gelten als krebserregend und fruchtbarkeitsreduzierend.

Seit das Wasserwirtschaftsamt im August 2019 erstmals erhöhte Werte im Grundwasser des Münchner Nordens sowie in den Flüssen Moosach und Mauka im Landkreis Freising festgestellt hat, sucht es nach der Quelle. Man gehe davon aus, dass der Schadstoffeintrag im Norden Münchens erfolgt ist, sagt Leeb - "eine eindeutige Zuordnung zu bestimmten Schadensereignissen war und ist unter Einbeziehung der örtlichen Situation jedoch nicht möglich". Gemeint ist die dichte Bebauung und die hohe Gewerbedichte in dem Gebiet. Das Problem: "Auch in geringer Konzentration können die Stoffe Schäden hervorrufen", so Leeb. Gesundheitsschädlich sind die Stoffe nicht nur im Trinkwasser, sondern auch, wenn man etwa Fische aus verseuchten Gewässern verzehrt. Weil die Chemikalien auch in wild lebenden Fischen aus der Moosach nachgewiesen wurden, gaben die Landratsämter München und Freising im Sommer 2019 eine Verzehrwarnung heraus, das Freisinger Landratsamt stellte Anzeige gegen unbekannt.

Einen extremen Ausreißer nach oben entdeckte das Wasserwirtschaftsamt damals im Münchner Norden. Für diesen ist der Autohersteller BMW verantwortlich, beim Werk an der Dostlerstraße lag der PFOS-Wert im Grundwasser im Herbst 2019 bei 2,0 Mikrogramm pro Liter - das Zwanzigfache des Schwellenwerts. Ursache war die Fehlauslösung einer Feuerlöschanlage: Anfang 2018 war eine ganze Halle mit dem Schaum vollgelaufen, wie Pressesprecher Jochen Diernberger auf Anfrage mitteilte. Vor einem EU-weiten Verbot waren PFC-Chemikalien in Feuerlöschschäumen gang und gebe. Bei der Behebung des Schadens geht es nun voran: Aktuell setzt BMW in Zusammenarbeit mit dem Referat für Klima- und Umweltschutz und dem Wasserwirtschaftsamt ein Sanierungskonzept um. Konkret wurde über einen längeren Zeitraum hinweg Grundwasser entnommen und mit einem Aktivkohlefilter gereinigt, wie Diernberger berichtet. Zudem sei die Fließrichtung des Grundwassers bestimmt worden. Durch die Maßnahmen ist der Wert Diernberger zufolge mittlerweile auf immerhin 0,21 Mikrogramm pro Liter gesunken.

Mit den erhöhten Werten in Grund- und Oberflächengewässern im Münchner Norden und im Landkreis Freising steht der hohe Wert beim BMW-Werk nach allem, was man weiß, nicht in Zusammenhang. "Das kann nicht die Ursache sein", sagt Christian Leeb: Dafür fließe das Grundwasser zu langsam. Das allerdings bedeutet, dass sich der extreme Wert in der Zukunft durchaus in den Gewässern bemerkbar machen könnte. "Es ist tatsächlich nicht ausschließbar, dass sie die festgestellten hohen Konzentrationen in den kommenden Jahren auch im Abstrom von München und auch in der Moosach abbilden", sagt Leeb. Man hoffe, dass durch die Sanierungsmaßnahmen bei BMW ein Großteil der Chemikalien erfasst werde. Grundsätzlich sei es nicht möglich, ohne die Kenntnis der Ursache seriös einen Trend vorherzusagen.

Werte weiter über dem Schwellenwert

Wie sich die Messergebnisse zuletzt verändert haben, das zeigen detaillierte Tabellen des Wasserwirtschaftsamts. Die aktuellsten Werte stammen aus dem September beziehungsweise Oktober 2020, neuere Ergebnisse liegen nicht vor. Noch immer oberhalb des Schwellenwerts von 0,1 Mikrogramm pro Liter lagen die Werte bei zwei Messstellen in Ober- und Unterschleißheim: Nämlich bei 0,11 beziehungsweise 0,12 Mikrogramm. Im Münchner Viertel Hasenbergl maß die Behörde im Oktober 0,11 Mikrogramm pro Liter. Für die Messstellen in Freising und Eching sind in den Tabellen keine Ergebnisse für das Jahr 2020 enthalten, zuvor waren sie sogar in einem Freisinger Trinkwasserbrunnen nachgewiesen worden - allerdings in einer Konzentration deutlich unter dem Schwellenwert. Im Münchner Norden sanken die Werte im Grundwasser derweil ab: An zwei Messstationen nahe des Euro-Industrieparks liegen die Werte mittlerweile unter dem Schwellenwert, PFOS waren aber auch hier zuletzt immer noch nachweisbar.

Um nun den Verursacher zu finden, führt das Wasserwirtschaftsamt im halbjährlichen Rhythmus weitere Messungen durch. Ab März startet Leeb zufolge eine neue Messkampagne. Möglich sind verschiedene Ursachen: Undichte Rohre etwa, oder ein einmaliger Unfall, von dem nun immer wieder Stoffe nachgespült werden. Eine mögliche Ursache ist auch, dass bei Feuerwehreinsätzen Löschschaum über Straßensickerschächte ins Grundwasser gelangt ist. "Leider liegen nach wie vor keine Daten der Münchner Feuerwehren vor, wo Schaumlöschmittel zum Einsatz gekommen sind", sagt Leeb dazu. Dass ein einzelner Verursacher die Stoffe einmalig und gezielt eingeleitet hat, kann seine Behörde mittlerweile weitestgehend ausschließen. Möglich ist, dass die Chemikalien nach wie vor ins Grundwasser eingeleitet werden.

© SZ vom 27.02.2021/beb/vewo
Zur SZ-Startseite

PFOS-Chemikalien
:Suche nach der Schadstoffquelle

Noch immer wissen die Behörden nicht, wer für den Eintrag der Chemikalie PFOS in die Moosach verantwortlich ist. Sie beproben Grundwassermessstellen im Münchner Norden, um den Herd einzugrenzen.

Von Nadja Tausche und Alexandra Vettori

Lesen Sie mehr zum Thema