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75 Jahre nach der Vertreibung:"In meinem Herzen bin ich ein Bayer"

Heinz Marschoun kam am 3. Mai 1946 in Freising an und hat in Moosburg eine neue Heimat gefunden. Den Sudetendeutschen fühlt sich der 83-Jährige aber weiter verbunden.

Von Gudrun Regelein, Moosburg

Es war der 3. Mai 1946: Damals, vor 75 Jahren, kamen die ersten Sudetendeutschen im Landkreis an. Heinz Marschoun war einer von ihnen. Der damals Achtjährige wurde mit seiner Mutter und den beiden Brüdern aus seiner Heimat Troppau im damaligen Sudetenland vertrieben. Sie mussten, wie viele andere auch, nach dem Einmarsch der Russen fliehen. An diese Flucht und den Beginn eines neuen Lebens erinnert sich der heute 83-Jährige noch sehr gut.

Die Familie - der Vater war im Dezember 1944 im Krieg gefallen - konnte nur das Allernötigste mitnehmen. Der beschwerliche Transport in einem Viehwaggon begann am 27. April und endete am 3. Mai in Freising. "Es war sehr kalt und es lag noch Schnee", erzählt Marschoun. Der Bahnhof in Freising war durch Bombentreffer stark beschädigt, die Flüchtlinge - 250 waren es bei diesem Transport - wurden im Kindergarten Am Veitshof und in Gast- und Privathäusern einquartiert.

Die ersten Jahre waren eher ein Abenteuer

Seine Kindheit in der Nachkriegszeit sei hart, aber dennoch schön gewesen, sagt Marschoun. Vor allem sei es wichtig gewesen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. "Aber als Kind hat man auch eine andere Wahrnehmung, wir haben die Flucht und die ersten Jahre danach mehr als Abenteuer gesehen." Bei einem dieser Abenteuer, dem Suchen nach Holz in den Isarauen, um damit den Ofen zu befeuern, trafen sie auf einen Forstbeamten. Dieser machte wegen des "Diebstahls" Meldung, die Mutter musste eine Strafe zahlen. Erst später stellte sich heraus, dass der Beamte der in späteren Jahren als Gstanzl-Sänger bekannt gewordene Roider Jackl war.

"Ich fühlte mich von Anfang an in Bayern wohl", sagt Marschoun. Nach der Schule machte er eine Lehre bei der Post. Danach folgte die Wehrpflicht bei den Gebirgsjägern in Mittenwald, anschließend stieg er in den Polizeidienst ein, ist aber bereits seit vielen Jahren in Pension. Langjähriger Wohnort und Lebensmittelpunkt der Familie ist Moosburg. Er spüre zwar nach wie vor eine Verbundenheit zu den Sudetendeutschen, sagt Marschoun. So habe er sich als Jugendlicher immer in der Sudetendeutschen Jugend engagiert, später dann viele Jahre lang den Sudetendeutschen Tag besucht. "Aber in meinem Herzen bin ich ein Bayer."

Der "vierte Stamm" der Bayern

"Echte Bayern" sind die Sudetendeutschen offiziell seit 1954, damals wurden sie - neben den Bayern, Franken und Schwaben - zum "vierten Stamm" ernannt, der Freistaat übernahm die Schirmherrschaft über die Volksgruppe. Im Landkreis leben noch heute viele Sudetendeutsche, "das geht in die Tausende", berichtet Marschoun. Längst seien diese vollständig integriert - und auch akzeptiert. Ganz zu Beginn war das noch anders: "Wir wurden nicht wirklich gerne gesehen und als Zigeuner beschimpft."

Seine Heimat sei nun seit vielen Jahren Moosburg, sagt Marschoun. Er war auch nie mehr in Troppau, das in Tschechien liegt. "Ich habe nie den Wunsch gehabt, noch einmal dorthin zurückzukehren. Ich wurde dort rausgeworfen, ich habe dort nichts mehr verloren." Seine beiden Brüder seien immer wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückgefahren, auch der jüngere seiner beiden Söhne habe Troppau besucht. Er aber habe mit diesem Kapitel abgeschlossen.

Eine Stele erinnert an die Ankunft

Insgesamt gut 3300 Ostdeutsche, Ungarndeutsche und vor allem Sudetendeutsche aus Mähren, Sudetenschlesien, Böhmen und dem Egerland kamen am 3. Mai in Freising an, wie es in einer Mitteilung der Ortsgruppe Freising der Sudetendeutschen Landsmannschaft heißt. Freising ist einer der Orte, an dem die Gründung der Landsmannschaft ihren Anfang nahm. Der Gründer dieser Bewegung war Rudolf Lodgman von Auen, auch er fand in Freising seinen neuen Wohnort. Ihm ist ein Denkmal am Schwaigerhaus gegenüber dem Kriegerdenkmal gewidmet.

Eine Stele am Kindergarten Veitshof erinnert an die Ankunft der Vertriebenen am 3. Mai 1946. An diesem Montag, 3. Mai, dem 75. Jahrestag, wird die Ortsgruppe Freising dort zur Erinnerung und als Danksagung für die Aufnahme in der schwierigen Nachkriegszeit ein Gebinde niederlegen.

© SZ vom 03.05.2021
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