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Trauerbegleitung in Zeiten von Corona:Die Einsamkeit am Grab

„Tradierte kultische Handlungen geben Halt, sie schaffen einen sicheren Rahmen“, sagt Andrea Huber.

(Foto: Marco Einfeldt)

Trauerbegleiterin Andrea Huber spricht über Beerdigungen in Zeiten der Corona-Krise ohne Umarmungen und Glockengeläut. Sie erklärt, warum so die eigene Unsicherheit nach dem Verlust eines geliebten Menschen derzeit noch schwerer zu ertragen ist.

Interview von Birgit Goormann-Prugger, Moosburg

Kein Händeschütteln, keine Umarmungen, mindestens einen Meter Abstand zu anderen Menschen halten, Hände gründlich waschen und desinfizieren. Das sind derzeit die Vorgaben bei Beerdigungen in der Corona-Krise. Wie soll das gehen? Es ist auf alle Fälle anders als sonst. Das hat Folgen für eine so wichtige Zeremonie nach dem einschneidenden Erlebnis, einen geliebten Menschen verloren zu haben. Die SZ hat darüber mit der Moosburger Trauerbegleiterin Andrea Huber gesprochen.

SZ: Was ist in der Situation jetzt so anders bei den Bestattungen?

Andrea Huber: Gehen Sie mal auf einem Friedhof spazieren. Sie werden es spüren: Es ist noch stiller als sonst. Die Aussegnungshallen sind geschlossen, keine Glocken begleiten die Trauernden auf dem Weg zum Grab, Beisetzungen finden in kleinstem Rahmen statt, manchmal ohne die Begleitung von Pfarrer oder Redner, dann fehlen Musik und Worte ganz. Bestatter und Friedhofsmitarbeiter sprechen von einem seltsamen, traurigen Zustand. "Es funktioniert, aber es stimmt nicht. Irgendwas fehlt", sagen sie. Doch wenn ich dann nachfrage, bekomme ich keine klare Antwort. Das, was fehlt, ist nichts, das sie wirklich sehen oder hören könnten. Aber sie spüren den Unterschied, wenn dann doch Abschied gefeiert wird am Grab, wenn ein Mensch die Zeremonie leitet, der nicht selbst trauert. Und sie sehen den Unterschied in den Gesichtern der Angehörigen, in ihrer Körpersprache: Die Menschen gehen anders vom Grab weg. Aufrechter, leichter. Obwohl manche noch feuchte Augen haben.

Warum ist es so wichtig, dass Außenstehende wie Pfarrer oder Trauerredner dabei sind?

Die Beerdigung eines Menschen ist ein wichtiges Element im Trauerprozess. Familienmitglieder und Freunde stützen sich gegenseitig. Eine gute Seelsorgerin oder Seelsorger - egal ob kirchlich oder nicht-kirchlich - findet Worte, wo den Trauernden die Worte fehlen. Er trifft den richtigen Ton, mitfühlend und herzlich. Und kann den Raum für die Trauernden halten: die Angehörigen dürfen sich entspannen, so seltsam es klingt. Sie dürfen ihre Tränen fließen lassen, sie dürfen schmunzeln, lachen, sich von Erinnerungen wegtragen lassen. Etwas ganz Wichtiges geschieht hier: Gefühle kommen an die Oberfläche, die sonst eher unterdrückt werden. Die Traurigkeit, weil der geliebte Mensch nicht mehr da ist, die Angst davor, jetzt allein, ohne ihn, weiterleben zu müssen, die Wut, dass er gehen musste, die Scham, weil vielleicht nicht alles getan wurde, was möglich gewesen wäre, die Dankbarkeit und Freude über das, was gelungen ist miteinander, über all die schönen gemeinsamen Momente . . . Aus der Traumaforschung wissen wir, dass Gefühle sich nur auflösen können, wenn sie in einem sicheren, gehaltenen Rahmen gefühlt werden. Das, was Friedhofsmitarbeiter in den Gesichtern der Menschen gelegentlich beobachten, ist Ausdruck dieses Fühlens. Trauern ist ein natürlicher, gesunder Prozess, der umso eher zu einem guten Abschluss kommt, je mehr die Menschen mit ihren Gefühlen verbunden sind.

Die Vorgaben bei Beerdigungen sind strikt: Selbst die eigenen Kinder und Enkel umarmen die Witwe nicht, weil Sie sie vor einer Infektion schützen wollen. Was macht das denn mit den Menschen?

Ich vermute, dass die Witwe ihre Einsamkeit dadurch noch deutlicher spürt: jetzt ist sie wirklich allein. Nichts ist mehr, wie es war; wie's weitergehen soll, kann sie sich noch gar nicht vorstellen. Mit dem Tod eines Menschen geht immer ein chaotisches Durcheinander an Gefühlen einher. In dieser außergewöhnlichen Zeit ganz besonders. In einem gesamtgesellschaftlichen Klima von Angst ist die eigene Unsicherheit noch schwerer zu ertragen. Tradierte kultische Handlungen geben Halt, sie schaffen einen sicheren Rahmen. Menschen brauchen ihn, um im Außen Orientierung zu finden, wenn die innere Ordnung brüchig geworden ist. Viele dieser Handlungen und Bräuche sind zur Zeit nicht möglich. Es gibt weder Gottesdienste noch Trauerfeiern, und gerade das anschließende Trauermahl, die "Kremess" im Kreis der Verwandtschaft, der Freunde und Kollegen, wird von vielen schmerzlich vermisst. Aber im Gegensatz zu manch anderen Regionen sind in Deutschland Beisetzungen immerhin im engen Familienkreis erlaubt.

Kann man das Trauern mit seinen ganzen Ritualen denn nachholen?

Trauern geschieht. Es äußert sich individuell unterschiedlich, auch ohne Corona. Manche Rituale kann man sicherlich nachholen. Ich kenne einige Familien, die eine Abschiedsfeier auf unbestimmte Zeit verschoben haben, sie aber schon fest planen. Irgendwann werden auch größere Feiern wieder möglich sein. Anderes lässt sich nicht aufschieben. Gerade in den ersten Tagen nach dem Tod ist das Sprechen wichtig. Die Angehörigen sind gefangen in ihrem Schmerz, manchmal extrem angespannt. Wenn sie da einem Außenstehenden vom Tod des geliebten Menschen erzählen können, vom gemeinsamen Leben, von unerfüllten Hoffnungen, kann sich etwas in ihnen entspannen. Als ob die Last ein wenig leichter würde, wenn sie mitgeteilt wird.

Wird der Trauerprozess, die Verarbeitung des Verlustes eines geliebten Menschen, durch die Corona-Krise und das Social Distancing am Grab jetzt noch verlängert?

Das weiß ich nicht. Allerdings ist sicher, dass es psychisch labile Menschen im Moment besonders schwer haben. Und, wie gesagt: der Verlust eines geliebten Menschen erschüttert die psychische Stabilität. Umso mehr, wenn dieser Verlust plötzlich geschieht.

Es ist so viel davon die Rede, dass sich die Gesellschaft nach Corona verändern wird. Glauben Sie, das gilt dann auch für den Umgang mit dem Tod im weitesten Sinne?

Ich fürchte nein. Es wäre wünschenswert, dass das Tabu um dieses Thema aufgebrochen wird, dass die Menschen zu einem natürlichen Umgang mit Sterben und Tod finden. Doch nicht anders als vor Corona verdrängen wir den Gedanken an den Tod, solange es irgend geht. Und selbst wenn ein geliebter Mensch stirbt, lenken wir uns lieber ab, als uns mit unserer eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen. Der Tod trifft immer die anderen oder?

© SZ vom 20.04.2020/nta
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