Hagelsturm in Moosburg und Umgebung:Fünf Minuten Weltuntergang

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Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Auch diesem etwa 55 Jahre alten Kastanienbaum auf einem Hof in Schwaig, zwischen Nandlstadt und Moosburg gelegen, hat der Sturm stark zugesetzt. Zum Glück für die Bewohner ist er nicht auf das angrenzende Haus gestürzt.

Auch diesem etwa 55 Jahre alten Kastanienbaum auf einem Hof in Schwaig, zwischen Nandlstadt und Moosburg gelegen, hat der Sturm stark zugesetzt. Zum Glück für die Bewohner ist er nicht auf das angrenzende Haus gestürzt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Unwetter, das am Montag durch Teile des nördlichen Landkreises Freising gefegt ist, war kurz aber heftig. Am Tag danach offenbaren sich die gewaltigen Schäden, die der Sturm hinterlassen hat. Die Rettungskräfte sind im Dauereinsatz und Anwohner greifen teilweise selbst zur Motorsäge, um entwurzelte Bäume zu zerkleinern.

Von Alexander Kappen und Charline Schreiber, Moosburg

Am Tag danach schien die Sonne. Es lag Ruhe über der Stadt. Die Ruhe nach dem Sturm. Unterbrochen wurde sie freilich auch am Dienstag immer wieder von dröhnenden Motorsägen und dem Kehrgeräusch der Besen, mit denen die Anwohner ihrer Hofeinfahrten sauber fegten. Es galt die Spuren der Verwüstung zu beseitigen, die ein sehr kurzer, aber auch sehr heftiger Hagelsturm am Montagnachmittag in Moosburg und Umgebung gezogen hatte.

Mehr als 200 Einsatzkräfte von Feuerwehr Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk sowie dem Katastrophenschutz des Landkreises Freising waren im Moosburger Stadtgebiet bis tief in die Nacht im Einsatz. Allein dort wurden nach Auskunft der örtlichen Feuerwehr innerhalb von zehn Stunden 120 Einsätze abgearbeitet. Am Dienstag waren von sieben Uhr an bereits wieder die ersten Kräfte im Einsatz, um die Aufräumarbeiten fortzusetzen.

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Es gab viel zu tun in Moosburg. Hier an der Burgermühlstraße hatte ein Baum mehrere Autos unter sich begraben.

Es gab viel zu tun in Moosburg. Hier an der Burgermühlstraße hatte ein Baum mehrere Autos unter sich begraben.

(Foto: Marco Einfeldt)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Das THW postierte sich am Montag vor dem Seniorenheim der Awo in Moosburg, um dort wegen des Stromausfalls Hilfe zu leisten.

Das THW postierte sich am Montag vor dem Seniorenheim der Awo in Moosburg, um dort wegen des Stromausfalls Hilfe zu leisten.

(Foto: privat)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Der Moosburger Viehmarktplatz direkt nach dem Sturm.

Der Moosburger Viehmarktplatz direkt nach dem Sturm.

(Foto: privat)

Das Unheil braute sich am Montagnachmittag in Windeseile zusammen. Innerhalb von wenigen Augenblicken verwandelte sich ein laues Lüftchen das durch die gekippten Fenster von draußen in die Häuser wehte, in eine weiße, vernichtende Sturmwand. Eine, wie sie die wenigsten, mit denen man sich hinterher unterhielt, jemals gesehen hatten. Diese Wand wirbelte Gartenmöbel durch die Lüfte, riss Löcher in Dächer, entwurzelte reihenweise große und gesunde Bäume oder knickte sie ab wie Zahnstocher. Es war ein Hauch von Weltuntergang.

Als der Sturm - im Gegensatz zu vielen anderen Unwettern und Gewittern der Vorjahre - nach nur vier bis fünf Minuten wieder abgezogen und die Welt Gott sei Dank doch nicht ganz untergegangen war, offenbarten sich die gewaltigen Schäden, die er hinterlassen hatte. Der Strom fiel stundenlang in der ganzen Stadt und den umliegenden Gemeinden aus. Weil die Feuerwehr mit der Beseitigung der Schäden nicht mehr hinterher kam, taten sich manche Nachbarn zusammen, zerkleinerten mit privaten Motorsägen große Bäume, die über Straßen lagen, und schafften sie zur Seite.

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Die Jahnstraße in Moosburg unmittelbar nach dem Sturm.

Die Jahnstraße in Moosburg unmittelbar nach dem Sturm.

(Foto: privat)

Die Feuerwehr fuhr mit Lautsprechern durch die Stadt, um die Menschen zu informieren und ihnen mitzuteilen, dass sie in Notfällen ins Feuerwehrhaus kommen könnten. An ein business as usal war in den Stunden nach dem Unwetter nicht zu denken. Die Sitzung des Stadtrats, die eigentlich um 19 Uhr hätte stattfinden sollen, wurde kurzerhand abgesagt. Bürgermeister Josef Dollinger (FW) begab sich stattdessen zur Einsatzzentrale am Moosburger Feuerwehrhaus, wo die Arbeiten der Helfer koordiniert wurden.

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Moosburgs Bürgermeister Josef Dollinger begutachtete am Dienstag zusammen mit Landrat Helmut Petz (Mitte) und Staatsminister Florian Herrmann die Schäden.

Moosburgs Bürgermeister Josef Dollinger begutachtete am Dienstag zusammen mit Landrat Helmut Petz (Mitte) und Staatsminister Florian Herrmann die Schäden.

(Foto: privat)

Am Dienstagmittag startete er von dort aus auch zu einer Erkundungstour, auf der er zusammen mit Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU), Landrat Helmut Petz (FW), Bauhofleiter Martin Holzner sowie den Kommandanten der Moosburger Feuerwehr, Gerhard Hochleitner und Franz Jantschy, die Schäden in und um Moosburg begutachtete. Kreisbrandrat Manfred Danner, der den Einsatz am Vortag koordiniert hatte, "hat das alles sehr souverän geleitet", das Zusammenspiel aller Hilfskräfte habe sehr gut funktioniert, lobte der Bürgermeister. Auch die Stadtwerke hätten "super gearbeitet". Die von Baumteilen herunter gerissene Hauptstromleitung in der Nähe des Alpenvereinsheims sei zügig wieder funktionsfähig gewesen. Dennoch habe der Strom relativ lange nicht wieder eingeschaltet werden können - erst ab etwa 22.30 Uhr hatten die ersten Haushalte wieder Strom. Das habe daran gelegen, "dass man nicht gewusst hat, ob irgendwo im Stadtgebiet noch Leitungen runter hängen und die Hilfskräfte bei der Arbeit gefährden könnten", so Dollinger.

Bahnstrecke nach Landshut wegen umgestürzter Bäume gesperrt

Beim Besuch der Abrissstelle waren am frühen Dienstagnachmittag Arbeiter gerade dabei, neue Leitungen aufzuziehen. Das Bauhofteam hatte ihnen in der Früh bereits den Weg freigeschnitten, um mit dem nötigen Gerät zur betreffenden Stelle zu gelangen. Bei der Besichtigung kamen Zweifel auf, ob die Bäume entlang der Hochspannungstrasse tatsächlich den vorgeschriebenen Abstand von 25 Metern zur Leitung haben. Am Langen Weg waren Feuerwehrfrauen und -männer am Dienstagnachmittag damit beschäftigt, die Straße neben der wegen des Sturms gesperrten Bahnstrecke nach Landshut von umgestürzten Bäumen zu befreien. Nebenan arbeitete ein Team der Bahn an der Oberleitung über den Gleisen. Sie war von umstürzenden Bäumen herabgerissen worden. Dabei knickten auch Leitungsmasten ein.

In den angrenzenden Privatwald hat der Sturm ein ungeheuerliche Schneise geschlagen. Von den großen Bäumen die - teils auf Privat-, teils auf Bahngrund - nach dem Unwetter ziemlich windschief neben den Gleisen stehen, gehe beim nächsten Gewitter mutmaßlich wieder Gefahr aus, waren sich vor Ort alle einig. Mitarbeiter des privaten Waldbesitzers, der übrigens Freibier und ein Spanferkel für die Feuerwehr auslobte, wollen mit Stadt und Landratsamt daran arbeiten, alle gefährlichen Bäume in Gleisnähe zu beseitigen.

Als sich das Unwetter am Montag über Moosburg bewegte, habe der Doppler-Radar des Deutschen Wetterdienstes (DWD) östlich von Moosburg einen Punkt mit einem Windgeschwindigkeitswert von 115 Kilometer pro Stunde gemessen, sagt Gerd Müller von der Regionalen Wetterberatung München. Das entspricht einer Windstärke 11. Aus dem Wetterradar habe sich ergeben, dass die Gewitterzelle in diesem Gebiet rotiert ist. "Die Bildung einer Windhose ist somit dort in diesem Zeitraum wahrscheinlich gewesen", so Müller.

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Der Sturm wütete mit einer Geschwindigkeit von 115 Stundenkilometern und fällte auch diesen Baum zwischen Thalham und Attenkirchen

Der Sturm wütete mit einer Geschwindigkeit von 115 Stundenkilometern und fällte auch diesen Baum zwischen Thalham und Attenkirchen

(Foto: Marco Einfeldt)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Ein Landwirt auf seinem Hof in Schwaig zwischen Nandlstadt und Moosburg bei Aufräumarbeiten.

Ein Landwirt auf seinem Hof in Schwaig zwischen Nandlstadt und Moosburg bei Aufräumarbeiten.

(Foto: Marco Einfeldt)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Entwurzelte Bäume am Straßenrand von Wang.

Entwurzelte Bäume am Straßenrand von Wang.

(Foto: Marco Einfeldt)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Allein in Wang mussten 30 umgestürzte Strommasten abtransportiert werden.

Allein in Wang mussten 30 umgestürzte Strommasten abtransportiert werden.

(Foto: Marco Einfeldt)

In den Einsatzschwerpunkten, den Gemeinden Au, Attenkirchen, Wang und Moosburg, habe es insgesamt rund 300 Einsätze gegeben, etwa 400 Einsatzkräfte waren insgesamt im Landkreis Freising im Einsatz. Es sei sofort turbulent zugegangen, zwei Personen seien von umfallenden Bäumen eingeklemmt worden. Eine von ihnen starb trotz Reanimationsmaßnahmen noch an der Unglückstelle, sagt Manfred Danner. "Die Einsatzkräfte kamen kaum voran, weil alles mit umgestürzten Bäumen versperrt war." Die zweite Person sei lebensbedrohlich verletzt mit einem Rettungshubschrauber in ein Klinikum transportiert worden, eine dritte wurde im Aquapark vermisst. Nach vier Stunden brachen die Taucher der Wasserwacht die Suche im Aquapark ab, gefunden wurde die Person nicht. "Es ist keine Vermisstenanzeige bei der Polizei eingegangen, vielleicht war die Meldung nur Vorsicht."

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Die Aufräumarbeiten werden noch einige Zeit andauern.

Die Aufräumarbeiten werden noch einige Zeit andauern.

(Foto: Marco Einfeldt)

Neben Unglücken wie diesen, waren über 30000 Menschen im Raum Moosburg, Mauern, Langenbach, Wang, Gammelsdorf und Teilen Nandlstadts vom Stromausfall betroffen. Das Technische Hilfswerk habe mit acht Stromaggregaten ausgeholfen, um unter anderem die Moosburger Altenheime zu versorgen. Die Bewohner dort seien auf Beatmungsgeräte angewiesen, ohne Strom seien die Betroffenen gesundheitlich massiv gefährdet. Am Dienstagmittag seien noch zwei Aggregate im Einsatz gewesen, sagt Danner. Die Stadtwerke München arbeiteten mit Hochdruck daran, dass Mittelspannungsnetz wieder in Betrieb zu bringen. "Ansonsten stehen jetzt die Aufräumarbeiten an. Die Straßen sind weitestgehend freigeschnitten. Auf den privaten Grundstücken müssen die Hausbewohner das Chaos eigenhändig wegräumen." Die Feuerwehr sei nur dann wieder im Einsatz, wenn Gefahr im Verzug ist. "Der Schaden, den dieses kurze, aber starke Unwetter verursacht hat, ist enorm."

Landratsamt sendet Informationstext an die Warn-App NINA

Das Unwetter lag unterhalb der Katastrophenschwelle. Deshalb hat das Landratsamt Freising Manfred Danner am Montag nach Artikel 15 des Bayerischen Katastrophenschutzgesetzes als örtlichen Einsatzleiter einberufen, um das Zusammenwirken vor Ort zu erleichtern, sagt Eva Zimmerhof, Pressesprecherin des Landratsamts. "Es ging darum, alles zu organisieren. Wo brauchen wir welche Einsatzkräfte, wo sind die Schäden groß, wo besteht Handlungsbedarf?" Das Landratsamt hat nach 20 Uhr einen Informationstext verfasst und an die Warn-App NINA weitergegeben, um die Menschen zu informieren. Aber auch auf Sozialen Medien, über Radio und Lautsprecheransagen seien Informationen weitergegeben worden, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Ganz neu sei der Einsatz eines Leuchtturmprojekts gewesen, der aus einer Arbeitsgruppe im Fachbereich Katastrophenschutz entstanden ist. "Alle notstromversorgten Feuerwehrhäuser in den betroffenen Gebieten waren besetzt, sodass die Menschen einen Zufluchtsort hatten." Genutzt wurde das Angebot zum Beispiel von Personen, die bei den heißen Temperaturen ihre Medikamente kühlen mussten. "Als Anlaufstelle für hilfesuchende Menschen hat das unheimlich gut funktioniert. Und das soll auch in Zukunft beibehalten werden", sagt Zimmerhof.

Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: Alle Bereiche der Landwirtschaft hat es getroffen, die Hopfenbauern ebenso....

Alle Bereiche der Landwirtschaft hat es getroffen, die Hopfenbauern ebenso....

(Foto: Marco Einfeldt)
Hagelsturm in Moosburg und Umgebung: .... wie die Anbauer von Mais, wie hier bei Nandlstadt

.... wie die Anbauer von Mais, wie hier bei Nandlstadt

(Foto: Marco Einfeldt)

Auch in der Landwirtschaft im Landkreis hat das Unwetter seine erbarmungslosen Spuren hinterlassen. "Es sind fast alle landwirtschaftlichen Flächen betroffen", sagt Gerhard Stock vom Bayerischen Bauernverband Freising. Die 2000 Hektar Hopfenbau in der Hallertau haben die Folgen des Unwetters besonders zu spüren bekommen, aber auch das Getreide, Mais und die Waldwirtschaft seien stark beschädigt. Einige Landwirte seien für das Ausmaß der Schäden nicht hinreichend versichert, was eine enorme finanzielle Belastung mit sich ziehe. Pflanzenschutz, Düngemittel, Saatgut, diese Betriebsmittel seien schon vorfinanziert worden, sagt Stock. "Es schaut wirklich aus wie ein Schlachtfeld."

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