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Forderung in Moosburg:Stolpersteine sollen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern

Stolperstein-Verlegung in München in der Ickstattstraße im Jahr 2017

Womöglich erinnern in Moosburg bald Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus, wie diese in München.

(Foto: Catherina Hess)

Geht es nach dem Wunsch der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes", dann sollen auch in Moosburg sogenannte "Stolpersteine" liegen, die an die Opfer des Terrorregimes erinnern. Um das Projekt umsetzen zu können, ist ein entsprechender Beschluss des Stadtrats nötig.

Von Alexander Kappen, Moosburg

In Freising gibt es schon welche, in der niederbayerischen Nachbarstadt Landshut ebenfalls. Geht es nach dem Wunsch der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN-BdA), dann sollen in nicht allzu ferner Zeit auch in Moosburg so genannte "Stolpersteine" liegen. Mit diesen Gedenktafeln aus Messing, die im Gehsteig vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort eingelassen werden, erinnert der Künstler Gunter Demnig in Zusammenarbeit mit örtlichen Initiativen an die Opfer der NS-Zeit.

Stolpersteine gibt es inzwischen in 1265 deutschen Kommunen sowie in 21 europäischen Ländern. Nun sollen auch in Moosburg solche Gedenktafeln installiert werden. "Ein Arbeitskreis der VVN-BdA hat seit 2015 die Thematik geprüft und recherchiert und mittlerweile Herrn Bürgermeister Dollinger einen Vorschlag unterbreitet", teilt Guido Hoyer von der Kreisvereinigung Freising-Moosburg mit. Ein Stein kostet 120 Euro. Um das Projekt umsetzen zu können, ist ein Okay des Stadtrats nötig. Stefan John, der für die Linke in dem Gremium sitzt, hat bereits angekündigt, demnächst einen fraktionsübergreifenden Antrag dafür zu stellen und hofft auf die Unterstützung seiner Stadtratskolleginnen und -kollegen.

An vier NS-Opfer soll mit den Stolpersteinen erinnert werden

Bei einer Präsentation des Projekts Stolpersteine stellte der Politikwissenschaftler Guido Hoyer kürzlich die Lebensläufe von drei der vier genannten NS-Opfer ausführlich vor. Für einen Stolperstein in Moosburg werden von der VVN-BdA vier NS-Opfer vorgeschlagen, von denen nur eines den Nazi-Terror überlebt hat. Martin Bruckmaier (1902 bis 1944) ist im Konzentrationslager Buchenwald umgekommen. Heinrich Hiermeier (1907 bis 1940), in "Schutzhaft" genommen und wegen "Hochverrat" verurteilt, ist unter ungeklärten Umständen gestorben. Koloman Wagner (1905 bis 1944) wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tod verurteilt und hingerichtet. Alois Weiner (1872 bis 1953) wurde als Jude rassisch verfolgt, überlebte aber im KZ Theresienstadt.

In diesem Haus am Gries in Moosburg betrieb der jüdische Kaufmann Alois Weiner einst ein Geschäft. Nach der Machtübernahme der Nazis verließ er die Stadt und wurde später ins KZ Theresienstadt verschleppt Er war der einzige Jude, der nach der Befreiung in den Landkreis zurückkehrte.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Hilfsarbeiter Heinrich Hiermeier, am 21. April 1907 in Forstkastl im Landkreis Altötting zur Welt gekommen, engagierte sich seit 1931 politisch für die KPD, für deren Moosburger Ortsgruppe er seit 1931 Kassier war. "Sofort nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde er zum ersten Mal verhaftet und vom 10. März bis 3. Mai 1933 als ,Schutzhäftling' im Gefängnis Moosburg eingesperrt", heißt es in der Kurzbiografie, die Hoyer verfasst und der SZ zur Verfügung gestellt hat. Hiermeier sei seiner antifaschistischen Einstellung treu geblieben. Nicht ohne Folgen. Am 31. Januar 1936 wurde er erneut verhaftet - aufgrund einer Denunziation eines jungen Mannes, der behauptete, Hiermeier habe ihn aufgefordert, bei der Wehrmacht für die KPD zu werben. "Dieser junge Mann gab an, dass Hiermeier nach wie vor Kommunist sei und überzeugt, dass das NS-Regime bald zusammenbrechen würde", schreibt Hoyer.

Im Juni 1938 wurde Hiermeier zunächst aus dem Zuchthaus Straubing entlassen. Schließlich starb er offenbar in einem Lager für Zwangsarbeiter am Obersalzberg im Berchtesgadener Land. Ob er "freiwillig am Obersalzberg arbeitete oder zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, geht aus den Akten nicht hervor; die Zeitzeugen Maria Keller schreibt, er sei ,abgeholt' worden", heißt es in Hoyers Ausführungen. Unter unklaren Umständen kam Hiermeier um's Leben. Offiziell durch einen Sturz vom Gerüst. Es könnte aber auch ein als Unfall getarnter Mord gewesen sein.

"Nichts anderes als Mord"

"Koloman Wagner fiel einem Justizmord zum Opfer", schreibt Hoyer. "Auch wenn äußerlich die Formen der Rechtsprechung eingehalten wurden, so war das Urteil vom 31.05.1944, das Wagner wegen ,Wehrkraftzersetzung' zum Tod verurteilte, nichts anderes als Mord." Der gebürtige Sünzhausener arbeitete in verschiedenen Berufen, etwa als landwirtschaftlicher Arbeiter, Kraftfahrer, Bauarbeiter, Fabrikarbeiter oder Tankwart, "bis er 1939 mit seiner Frau Maria in Moosburg ein kleines Haus erwerben konnte". Später war er Monteur bei der Firma Driescher, wo er als "radikaler linkseingestellter Mensch" und ein "ständiger Politisierer und Schwätzer", auffiel, wie ein Betriebsobmann meinte. In der Anklageschrift wurde Wagner als " fanatischer Feind des nationalsozialistischen Staates und politisch links eingestellt" bezeichnet. Zum Verhängnis wurde ihm schließlich ein jahrelanger Streit mit zwei Nachbarinnen. Eine von ihnen denunzierte Wagner, was diesen letztlich das Leben kostete. Am 27. Juli 1944 wurde Wagner in Stadelheim hingerichtet.

Alois Weiner, zunächst in der SPD engagiert und noch vor 1933 desillusioniert aus der Partei ausgetreten, betrieb am Gries mit seiner Frau ein Kaufhaus. Nach der Machtübernahme der Nazis wurden die Kunden des Geschäfts eingeschüchtert, da Weiner Jude war. Zudem hatte er eine außereheliche Beziehung zu einer "Arierin", was nach den "Nürnberger Gesetzen" als "Rassenschande" und schweres Verbrechen galt. Weiner ließ sich scheiden und ging nach München, um das Geschäft zu "entjuden". Später trat er sogar zur Katholischen Kirche über, was ihn aber nicht vor dem Lager in Berg am Laim bewahrte, wo er als über Siebzigjähriger Zwangsarbeit verrichten musste. Am 16. Juli 1942 wurde er nach Theresienstadt abtransportiert, wo er trotz katastrophaler Bedingungen überlebte. Er war der einzige Jude, der nach der Befreiung des Lagers in den Landkreis Freising zurückkehrte.

Nach dem Krieg half Weiner beim Wiederaufbau der Demokratie und der Entnazifizierung, er saß im Stadtrat und Kreistag. Weiner, auch "Waisenvater" genannt, engagierte sich zudem im sozialen Bereich. Nach seinem Tod im September 1953 wurde er in Eggenfelden, dem Heimatort seiner zweiten Frau, beerdigt.

© SZ/nta
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