Süddeutsche Zeitung

Denkmalschutz:"Das Haus ist gerettet, wir sind nahezu fertig"

Lesezeit: 4 min

Die Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes an der Leinberger Straße in Moosburg ist fast abgeschlossen, die ersten Mieter beziehen ihre Büros. Die "Grieserie" will Johannes Becher außerdem zu einem sozialen Treffpunkt machen.

Von Petra Schnirch, Moosburg

Moosburg hat ein Schmuckstück zurückbekommen. Viele Jahre lang gammelte das Haus am Gries, auch als Hudler-Haus bekannt, vor sich hin. Mit seiner fleckigen Fassade war es an exponierter Stelle, am Beginn der Leinberger Straße, wahrlich kein Blickfang. Das hat sich geändert. Die Renovierung des hell getünchten Hauses mit dem markanten Zinnengiebel ist nahezu abgeschlossen. Nur die Fensterläden fehlen noch. Im Erdgeschoss beziehen in diesen Tagen die Mieter die drei kleinen Büroräume. Die Stube gleich neben dem Eingang, die "Grieserie", steht ihnen als Teeküche zur Verfügung - und sie wird auch öffentlich genutzt. Das ist wesentlicher Bestandteil des Nutzungskonzepts.

"Das Haus ist gerettet, wir sind nahezu fertig", sagte Johannes Becher am Donnerstag bei einem Pressegespräch, als er seine Pläne für das Erdgeschoss vorstellte. Herzstück dort ist die kleine Stube mit großem Tisch und Teeküche. Sie soll künftig zweimal in der Woche, samstags und montags, von 14 bis 17 Uhr als sozialer Treffpunkt für alle offen stehen. Auch Vereine und kleine Gruppen können den Raum nutzen, beispielsweise als offenen Strick- oder Spieletreff für Senioren. Ein Regal soll noch mit Büchern und Spielen bestückt werden. "Es ist kein Café", betonte Becher. Aber es gibt Tee und Kaffee in Selbstbedienung. Die Eröffnung findet am Sonntag, 10. März, von 10 bis 16 Uhr statt.

Auch Ausstellungen sind dort und in den Büroräumen vorgesehen. Alkohol gibt es keinen, außer bei Vernissagen oder Finissagen. Im Garten soll es ruhige Veranstaltungen für 15 bis 35 Personen geben, darunter Lesungen, Vorträge oder Diskussionsformate. Träger der Grieserie ist der Tante-Emma-Verein. Vereinen oder Gruppen steht die Stube mietfrei zur Verfügung.

Das Konzept des offenen Hauses sei "wunderbar", gerade für ältere Menschen, die einsam sind, sagte Claudia Bubulj. Sie ist eine der Mieterinnen und wird einen der Büroräume für Coaching und Beratung nutzen. Ihr Angebot richtet sich an Führungskräfte und Menschen, die etwas in ihrem Leben verändern wollen. Sie teilt sich das Büro mit Angela Bury, sie ist Kinder- und Jugendcoach. Lange habe sie in Moosburg vergeblich nach einem passenden Raum gesucht, erzählte Claudia Bubulj. Auf Facebook sei sie dann auf die Flächen in der Grieserie aufmerksam geworden. Die Renovierungsarbeiten habe sie schon länger mit Interesse verfolgt.

Weiterer Mieter ist der Mediator und "Streitbereiniger" Heiko Bauerschmitt, er kann sein Büro endlich aus seinem Privathaus verlegen. "Die Gemeinschaft hier, glaube ich, ergänzt sich ideal", sagte er. Den dritten Raum wird Kommunikationsdesigner Markus Krone beziehen. Auch er arbeitet bisher von zu Hause aus.

Zur Organisation der Ausstellungen und Veranstaltungen werden laut Becher noch Mitstreiter und Mitstreiterinnen gesucht. Das erste Aktiventreffen ist für Mittwoch, 21. Februar, 19.30 Uhr, anberaumt. Natürlich in der Grieserie an der Leinberger Straße 2. Die Federführung liegt bei Renate Pongratz und Johannes Becher. Für die Bewerbung der Veranstaltung und den Betrieb bekommt der Tante Emma e.V. ein Budget von 2000 Euro im Jahr.

Die Restaurierung des denkmalgeschützten Gebäudes, das in der Zeit zwischen 1450 und 1520 entstanden war, blieb nahezu im Zeitplan, trotz Baukrise und einiger unschöner Überraschungen. Los ging es 2021. "Wenn man sich überlegt, in welchem Zustand das Gebäude war, erfüllt mich das mit großer Zufriedenheit", sagte Becher. Allerdings musste der Moosburger Stadtrat, Kreisrat und Grünen-Landtagsabgeordnete dafür deutlich mehr aufwenden als zunächst geplant. Vor allem die Materialkosten seien wegen des Kriegs in der Ukraine "explodiert", schilderte er. 1,75 Millionen Euro fielen letztlich für die Baukosten an, ausgegangen war man von 1,3 Millionen. Insgesamt kam das Projekt inklusive Kauf des Gebäudes nach seinen Worten auf etwa zwei Millionen Euro. Im Gegenzug erhielt Becher etwa 700 000 Euro an Zuschüssen, davon 200 000 Euro von der Stadt.

Zwischendurch habe er schon überlegt, warum er das mache, sagte Becher. "Wer nicht zweifelt bei so einem Bau, der muss Nerven haben wie Drahtseile." Während der Renovierung musste vorübergehend der Keller gesperrt werden, weil die Decke darüber morsch war. Eine Tür entpuppte sich als tragendes Element. Als der Türbogen ausgebaut wurde, gingen mehrere Quadratmeter des alten Mauerwerks verloren. "Aber es gibt für alles eine Lösung."

Insgesamt hat das Haus seinen Charakter bewahrt, bei der Renovierung wurde auch bei der Raumeinteilung so wenig wie möglich verändert und nur erneuert, was kaputt war. An einigen Stellen, etwa in der Stube, sind noch viele der Farbschichten der vergangenen 150 Jahre zu sehen. Die Tür zum WC im Obergeschoss hat ihre Barockbeschläge behalten. Teile der Dielen konnten gerettet werden. "Das Haus ist alt und es darf alt sein", so Becher. An mehreren Stellen gebe es "Sichtfenster in die Vergangenheit". Ein wichtiges Detail aus der Moderne aber war für Becher, trotz Denkmalschutz, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, die den Strom für die Wärmepumpe liefert. Die roten Paneele fallen kaum auf.

Im Dachstuhl kombinierten die Handwerker 300 Jahre alte Balken mit neuem Holz, weil einige schon zu morsch waren. Ein Zeugnis aktueller Handwerkskunst ist die Tür zum WC in der Stube im Erdgeschoss. Das bestehende, geschichtsträchtige Türblatt wurde gekonnt, ebenfalls in einer Verbindung von neu und alt, von 60 auf 90 Zentimeter verbreitert. Bis nachts um vier habe der Schreiner daran gearbeitet, schilderte Becher, weil er es hinbekommen wollte.

Bisher nicht vergeben ist die große Wohnung im Ober- und Dachgeschoss. Er würde sich freuen, wenn dort eine Kindertagespflege einziehen würde, sagte Becher. "Es sind 132 Quadratmeter ohne rechten Winkel." Die Kaltmiete für das ganze Haus - Büros und Wohnung - ist nach seinen Worten aufgrund der Zuschüsse auf 18 000 Euro im Jahr gedeckelt.

Diese ganzen Details machten das Gebäude charmant, sagte Heiko Bauerschmitt. "Man kommt in das Haus und fühlt sich sehr eingeladen", ergänzte Claudia Bubulj. Was während der Renovierung alles auf ihn zukommen werde, davon "hatte ich keine Vorstellung", gestand Becher. Allerdings habe er vor seinem geistigen Auge gesehen, was daraus werden könnte, als er zum ersten Mal hier war - obwohl durchs Dach der Sternenhimmel gut erkennbar war. "Ich bin vielleicht ein bisschen heimatverliebt", begründete Becher sein Engagement für das Haus. "Es tut mir weh, wenn in Moosburg alte Häuser weggerissen werden." Denn das seien die Gesichter der Stadt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6366977
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.