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Moosburg:Kneifen gilt nicht

Die Arbeit von Bäcker Thomas Grundner könnten in Zukunft auch Maschinen verrichten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Warum die "Arbeit 4.0" neben Risiken auch Chancen bietet

"Arbeit 4.0 - Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeits-markt": Das ist ein Thema von drohender Wucht. Was wird diese vierte industrielle Revolution an unseren Arbeitsplätzen alles ändern? Roland Deinzer, Leiter der Unternehmensentwicklung bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg, hat es bei einem Vortrag in Moosburg auf den Punkt gebracht: "Alles." Schlagworte wie disruptive Technologien und Substitutionspotenzial standen im Raum - und auf den Gesichtern manch junger Teilnehmer die schiere Angst. Doch diese Zukunft bietet auch Chancen - wenn man mitmacht.

Roland Deinzer ist einer der führenden Köpfe der Arbeitsagentur. Er hat den "JobFuturomat" entwickelt, der im Internet aufrufbar ist. Jeder Beruf in Deutschland ist dort beschrieben - und was "Arbeit 4.0" aus ihm machen wird. Sprich: welche Tätigkeiten wegfallen oder von Computern übernommen werden. Bei Deinzers eigener Tätigkeit als Controller sind fünf von acht Tätigkeiten ersetzbar. Empirische Studien zeigen auf, dass beispielsweise in den USA 47 Prozent der Beschäftigten im Bereich eines hohen Substitutionsrisikos arbeiten. In Europa sind 54 Prozent der Jobs gefährdet, in Deutschland 59. Der Spruch der Lehrer aus den vergangenen Jahrzehnten, dass lebenslanges Lernen notwendig sei, ist nun nackte Realität geworden.

Grundsätzlich gibt es allerdings Hoffnung. Bis 2025 werden zwar 1,54 Millionen Jobs verloren gehen, aber auch 1,51 Millionen neue entstehen. Und: Qualifikation senkt zumindest bedingt das Substitutionsrisiko. Hilfsarbeiterberufe, also solche ohne Ausbildung, sind zu 58 Prozent gefährdet, auch Fachkraftberufe noch zu 54 Prozent, Spezialistenberufe zu 40 und Expertenberufe zu 24. Ganz krasses Beispiel: der Bäcker ist zu 100 Prozent durch Maschinen ersetzbar - es sei denn, er ist kreativ und fertigt krosse Biosemmeln, wozu die Maschine dann doch zu dumm ist.

Mit "Digital Literacy" geht man beispielsweise bei Siemens an die Weiterbildung der Mitarbeiter. Daraus folgt dann das "e-Learning". "Reverse Mentoring" macht die Allianz. Die Ausbildung wird interdisziplinärer und domänenübergreifend. Allein bei den Begriffen ist der Angstschweiß manch eines Besuchers an diesem Abend verständlich.

Die Firmen im Landkreis tun mit Hilfe der Arbeitsagentur und der VHS, was sie können. Kneifen gilt nicht, sonst wird man auf der Strecke bleiben. Auch die Kreishandwerkerschaft, die zu diesem Abend zusammen mit der Arbeitsagentur und der Stadt eingeladen hatte, hat dies erkannt. Der Andrang im Feuerwehrhaus war beeindruckend. Und Deinzer wird weiter durch die Lande ziehen und seine Botschaft verkünden. Dass er in Moosburg war, ist übrigens Andreas Meinelt zu verdanken, dem Ehemann der Bürgermeisterin. Er hat Deinzer schon einmal erlebt und war begeistert. So wie auch die vielleicht 60 Besucher, die nach dem Vortrag wohl zum Lernen nach Hause strebten.

© SZ vom 17.01.2020 / je
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