Ärztliche Versorgung in Moosburg„Wir sind auf uns allein gestellt“

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Die Moosburger Praxis von Kinderarzt Olaf Vorbeck gehört mittlerweile der Vergangenheit an, seit Anfang Dezember ist sie geschlossen.
Die Moosburger Praxis von Kinderarzt Olaf Vorbeck gehört mittlerweile der Vergangenheit an, seit Anfang Dezember ist sie geschlossen. Marco Einfeldt

Seit Monaten ist man in Moosburg schon vergeblich auf der Suche nach einem Nachfolger für Kinderarzt Olaf Vorbeck. Landtagsabgeordneter Johannes Becher bittet die Kassenärztliche Vereinigung um Hilfe – und blitzt zu seinem großen Unverständnis ab.

Von Alexander Kappen, Moosburg

Auf der Homepage der Stadt Moosburg, wenn auch mittlerweile etwas versteckt, steht sie immer noch, die Suchanzeige für einen neuen Kinderarzt oder eine Ärztin. Der bisherige, Olaf Vorbeck, hat seine Praxis in Moosburg am 6. Dezember geschlossen – nachdem er monatelang mithilfe der Stadt, der Marketing-Genossenschaft und intensiver Werbung via Social Media und Videoclips vergeblich einen Nachfolger gesucht hatte.

Die Suche geht also weiter und „die Stadt macht alles, was in ihrer Macht steht“, beteuert der Moosburger Stadtrat Johannes Becher (Grüne), der die Fahndung nach einem neuen Kinderarzt auch in seiner Funktion als Landtagsabgeordneter unterstützt und bei den zuständigen Stellen zuletzt intensiv um Hilfe warb.

Allerdings mit einem eher ernüchternden Ergebnis. „Wir in Moosburg sind auf uns allein gestellt“, stellte Becher am Montag im Gespräch mit der SZ enttäuscht fest. Hilfe von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) sei jedenfalls „nicht zu erwarten“.

Mitte Dezember hatte Becher zunächst eine Anfrage an die bayerische Staatsregierung gestellt. Er erkundigte sich nach dem kinderärztlichen Versorgungsgrad im Landkreis Freising. Zudem wollte er wissen, was die Regierung unternehme, „um dem Bedürfnis der Familien nach ärztlicher Versorgung nachzukommen“, und wie sie konkret Praxisinhaber und -inhaberinnen sowie Kommunen bei der Suche nach einer Praxis-Nachfolge unterstütze. Das Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention verwies auf die KVB, die für die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung zuständig sei und gegebenenfalls Fördermaßnahmen ergreife.

Daraufhin schrieb der Moosburger Landtagsabgeordnete an die KVB und bat darum, bereits jetzt Fördermaßnahmen auszuschreiben, da der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Bayern erst am 5. Juni tagt und über eine mögliche Unterversorgung entscheidet. Aber was eine Unterversorgung ist und was nicht, darüber lässt sich ohnehin trefflich streiten. Nach Ansicht der KVB beziehungsweise gemäß den bedarfsplanerischen Regularien ist man davon im Landkreis Freising noch weit entfernt.

Johannes Becher nimmt die Antwort der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns "verständnislos zur Kenntnis".
Johannes Becher nimmt die Antwort der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns "verständnislos zur Kenntnis". Johannes Simon

Das Gesundheitsministerium hatte Mitte Dezember auf Bechers Anfrage mitgeteilt, der Landkreis Freising sei „gemessen an den bundeseinheitlich geltenden Vorgaben der Bedarfsplanung“ mit einem Versorgungsgrad von 97,67 Prozent und zwölf tätigen Kinderärztinnen und -ärzten regelversorgt. Die Zahlen stammten vom 2. August vergangenen Jahres. Wie sich die Schließung der Praxis von Olaf Vorbeck auf den Versorgungsgrad auswirkt, vermochte das Ministerium zu dem Zeitpunkt nicht zu sagen.

Die KVB schrieb in ihrer Antwort an Becher, die Schließung der Praxis von Olaf Vorbeck werde sich zwar „auf den Versorgungsgrad bezüglich der Kinderärzte im Landkreis Freising auswirken, jedoch voraussichtlich weder zur Feststellung einer Unterversorgung noch zu einer drohenden Unterversorgung führen“. Dazu muss man wissen, dass laut KVB „eine Unterversorgung im Bereich der fachärztlichen Versorgung, zu der die Arztgruppe der Kinder- und Jugendärzte bedarfsplanerisch zählt, ab einem Versorgungsgrad von unter 50 Prozent“ festgestellt werde.

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In der Stadt mag man es bisher nicht so unmittelbar spüren – aber auch im reichen Freistaat gibt es vielerorts zu wenig Ärzte. Eine Prämie soll es richten. Dennoch gibt es Grund zur Sorge.

Da der Planungsbereich Freising auch mit der Schließung der Moosburger Kinderarztpraxis „weder als unversorgt noch als drohend unterversorgt gilt, greifen beide Fördermaßnahmen aus unserem Strukturfonds jedoch nicht“.

Johannes Becher hat da allerdings ein etwas anderes Verständnis: „Wir waren schon mit der Praxis Vorbeck bei nur 97 Prozent – und unter 100 ist für mich unterversorgt.“ Ohnehin entspreche der Versorgungsgrad, der auf der Rechnung „für wie viele Einwohner brauche ich wie viele Ärzte“ basiere, „meiner Meinung nach nicht dem richtigen Verhältnis“. Auch bei Fachärzten, bei denen nach offizieller Berechnung keine Unterversorgung vorliege, müsse man oft monatelang auf einen Termin warten. „Da ist die Zahl der Ärzte einfach zu niedrig angesetzt“, so Becher.

Von der Stadt Moosburg gibt es einen Förderbetrag von 20 000 Euro

Was das aktuelle Kinderarztproblem angeht, weist der Stadt- und Kreisrat darauf hin, „dass das nicht nur ein Moosburger Problem ist“. Wenn es in Moosburg keinen Kinderarzt gibt, müssen die Patienten auf die Praxen in der Umgebung ausweichen. „Und dann wird es dort ein großes Gedränge geben.“

Die Stadt werde jedenfalls weiterhin „alle Hebel in Bewegung setzten“, um doch noch einen neuen Kinderarzt zu finden, versichert Becher: „Wenn wir in vier Wochen keinen haben, dann schauen wir, dass wir in acht Wochen einen haben. Es muss und es wird uns gelingen.“ Moosburg sei „eine tolle Stadt“, und wer auch immer die Praxis übernimmt, habe die Gewissheit, dass er mit Moosburg als Mittelzentrum und dem Umland auf ein Einzugsgebiet von 30 000 bis 35 000 Einwohnern zurückgreifen könne.

Zudem bekomme man bei einer Übernahme der Praxis eine fertig eingerichtete Praxis zur Verfügung gestellt, „weil die Familie Vorbeck die Ausstattung günstig abgibt und die Stadt einen Förderzuschuss von 20 000 Euro zahlt“. Der Vermieter kommt der Stadt wiederum entgegen, indem er die Räume nicht sofort wieder auf den Markt bringt, sondern abwartet, ob sich nicht doch noch ein neuer Kinderarzt findet. In Moosburg helfen offenbar alle zusammen, um das Problem zu lösen. Die Aussage der KVB dagegen, so bedauert Becher, bedeute nichts anderes als: „Solange nicht der absolute Notstand ausbricht, bekommen wir keine Unterstützung.“

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