Mobilität in Freising:"Natürlich will man nicht allen das Auto wegnehmen"

Mobilität in Freising: Zu den Aufgaben von Dominik Fuchs gehört es, sich durch Pläne zu arbeiten als Grundlage für Gespräche mit Fachbüros.

Zu den Aufgaben von Dominik Fuchs gehört es, sich durch Pläne zu arbeiten als Grundlage für Gespräche mit Fachbüros.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dominik Fuchs, 26, soll die Verkehrswende in Freising vorantreiben. Dafür muss man seiner Ansicht nach nicht nur den Autoverkehr erschweren, sondern auch Alternativen bieten.

Interview von Thilo Schröder, Freising

Um eine nachhaltige Mobilität in Freising zu fördern und das Mobilitätskonzept umzusetzen, hat die Stadt Freising mit Dominik Fuchs seit einem Jahr einen Mobilitätsbeauftragten. Der 26-Jährige aus Poing arbeitet im Tandem mit der Klimaschutzmanagerin im Stadtplanungsamt. Im Interview spricht er über die nötige Geduld bei der Verkehrswende, über den Radentscheid als Antreiber und über Verkehrsdilemmata bei Neubauprojekten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Dominik Fuchs: Ich habe viele Termine vor Ort, das ist in meinem Job auch wichtig. Daher bin ich viel mit dem Radl in Freising unterwegs und schau mir Orte an. Ich habe monatliche Jour Fixe mit den Verkehrsbetrieben der Stadtwerke zum Thema Stadtbus, auch häufige Treffen mit den Kollegen vom Tiefbauamt. Ansonsten arbeite ich an Plänen, um eine Grundlage für Gespräche mit Fachbüros zu haben. Für die Baustellenumfahrung über die Kammergasse habe ich zum Beispiel den Plan erstellt. Und dann kommt noch viel Organisatorisches: Bei der Stadtradeln-Aktion bin ich Koordinator für die Stadt. Und den Lastenrad-Test-Tag habe ich vorbereitet.

Was war Ihr erster Eindruck von der Verkehrssituation in Freising?

Spannend fand ich, wie hoch der Radverkehrsanteil hier ist. Man sieht wahnsinnig viele Radler, allerdings nur auf bestimmten Routen, etwa an der Korbiniansbrücke. Wo viel Autoverkehr herrscht, an der Wippenhauser oder Erdinger Straße, sind eher weniger unterwegs. Da habe ich mir gedacht: Es muss Möglichkeiten geben, auch hier sicher voranzukommen mit dem Radl.

Der Radentscheid fordert, entsprechende Maßnahmen zügiger umzusetzen. Wie ist das Verhältnis zu dem Bündnis?

Ich habe einen sehr guten Kontakt zum Radentscheid, auch über den Runden Radltisch. Die geben uns immer wieder ein paar Vorschläge. Für mich ist das ein Ansporn, die Umsetzung des Mobilitätskonzepts voranzutreiben, damit das präsent bleibt und niemand vermutet, das verschwände in irgendeiner Schublade. Natürlich wird kritisiert, dass Maßnahmen nicht schnell genug angegangen werden. Aber daran wird Schritt für Schritt gearbeitet. Klar wäre es schöner, wenn es schneller ginge, aber die Voraussetzungen sind nicht ganz einfach: Man muss Leistungen ausschreiben, Fachplanungsbüros sind oft ausgelastet, man muss sich abstimmen, es kommen Wünsche aus Politik oder Zivilgesellschaft. All das verzögert die Prozesse.

Was ist denn der Stand bei der Umsetzung des Mobilitätskonzepts von 2019?

Ziel ist es, bis 2040 den Anteil des Umweltverbunds - bestehend aus Rad-, Fußverkehr und ÖPNV - auf 65 Prozent zu steigern. Durch die Pandemie ist die Entwicklung beim Bus etwas verlangsamt, dafür geht es beim Rad voran. Grundsätzlich sind wir auf einem guten Weg. Von den 30 Maßnahmen sind vier bis fünf umgesetzt, fünfzehn weitere im Planungszustand.

Welches Feedback bekommen Sie aus der Zivilgesellschaft zur Verkehrswende?

Die einen sagen, es geht uns alles zu langsam, warum tut ihr nicht mehr. Die anderen sehen das Ende des Autoverkehrs und sich aller Rechte beraubt, etwa als wir die Kulturstraße als Fahrradstraße ausgewiesen haben. Da den Mittelweg zu finden, sollte das Ziel sein - mit ein bisschen mehr Radverkehr. Letztendlich geht es darum, Push- und Pull-Faktoren gleichermaßen zu betrachten, das sage ich auch in den Ausschüssen: Wenn man eine Verkehrswende haben will, muss man nicht nur den Autoverkehr erschweren, sondern auch alternative Angebote machen. Das erreicht man nur über einen gut ausgebauten ÖPNV und eine gute Radinfrastruktur. Leider funktioniert dieser Prozess nicht von heute auf morgen. Es ist nicht so, dass man einen Radweg baut und alle nutzen den sofort. Ich denke, dass vor allem jüngere Leute für die Verkehrswende offen sind. Seit wir unser Lastenrad-Förderprogramm gestartet haben, sieht man viele junge Familien mit Lastenrad. Die merken dann vielleicht, dass sie zumindest das Zweitauto nicht brauchen. Das sollte ein erstes Ziel sein. Es gibt auch Carsharing. Man will natürlich nicht allen das Auto wegnehmen, aber sie dazu ermutigen, darauf zu verzichten.

Bei Neubauprojekten wie dem Neustifter Feld gab es zuletzt Kritik an der Verkehrsplanung. Wie blicken Sie aus planerischer Sicht auf das Thema?

Ein wichtiger Ansatz bei solchen Neubauprojekten hinsichtlich des Verkehrs ist: Wenn man umzieht, ändert sich häufig das Mobilitätsverhalten. Man überlegt: Brauche ich ein Auto? Soll ich mein bisheriges mitnehmen? Habe ich überhaupt einen Stellplatz? Das ist aus Planungssicht eine zweischneidige Angelegenheit. Man muss es einerseits schaffen, den Leuten nicht so viele Stellplätze zu geben, dass jeder drei Autos haben will und kann. Andererseits muss man auf die schon dort wohnhaften Anwohner Rücksicht nehmen, damit nicht dauernd die Straße zugeparkt ist und sie nicht mehr aus ihren Häusern kommen.

Sie waren in Poing für die Grünen im Gemeinderat. Würden Sie auch in Freising manchmal gerne mitentscheiden?

Auf Verwaltungsseite versuche ich, Sachverhalte so objektiv wie möglich darzustellen. Bei Verkehrsthemen gibt es häufig verschiedene Varianten mit Vor- und Nachteilen. Da muss der Stadtrat entscheiden, womit er weiterarbeiten will. Das ist dann in Ordnung, auch wenn es eine Variante ist, die ich nicht ganz ideal finde. Mit unserem Stadtrat und dem Mobilitätsreferenten kann man sehr gut arbeiten. Es ist nicht so, dass ich mir denke: Da würde ich jetzt gerne mitentscheiden. Grundsätzlich werden hier sehr selten Entscheidungen gegen den Radverkehr getroffen, darum sind wir auch "Fahrradfreundliche Kommune".

Die Förderung für Ihre Stelle vom Bund endet etwa im Februar. Würden Sie den Job, wenn möglich, weitermachen?

Es gab aus dem Stadtrat bereits den Wunsch, meine Stelle zu entfristen. Ich hoffe natürlich, dass die Stadträte mit der Stelle an sich zufrieden sind, unabhängig davon, wer das macht. Es ist eine gute Sache, jemanden zu haben, der einen strategischen Überblick hat und in die Zukunft schaut. Beispiel Networking: Es gab beim Projekt Zukunftsbahnhof Freising der Deutschen Bahn die Idee, unsere Lastenrad-Initiative dort zu integrieren. Dann hatte ich zufällig gerade ein Gespräch mit dem Stadtteilauto und es kam die Idee auf, dort ein Carsharing-Auto zu platzieren. Kurze Zeit später hatte ich ein Gespräch mit den Stadtwerken zum Thema E-Mobilität, da kam dann der Vorschlag, dort eine Ladesäule anzubringen. Wenn man das so zusammenbekommt, ist das schon schön.

© SZ vom 12.07.2021
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