Mitten in Freising:Verwandlung für Muggel

Jetzt zur Herbstzeit, irgendwo zwischen letzten Sommersonnenstrahlen, Sturmtiefs und ersten frostigen Nächten, wird so manche zivilisatorische Hülle ausgetauscht

Kolumne von Thilo Schröder

Im ersten Band der britischen Kinder- und Jugendromanreihe um den Zauberlehrling Harry Potter wird das Fach "Verwandlung" im Unterricht als eines der schwierigsten Gebiete der Magie beschrieben. Selbst Streichhölzer in Nadeln zu verwandeln, ist dort als Einstieg herausfordernd. Auch Muggel, also Menschen ohne magische Veranlagungen, wie es vermutlich die meisten im Landkreis Freising sein dürften, müssen sich von Zeit zu Zeit mit transformativen Prozessen auseinandersetzen. Jetzt zur Herbstzeit, irgendwo zwischen letzten Sommersonnenstrahlen, Sturmtiefs und ersten frostigen Nächten, wird so manche zivilisatorische Hülle ausgetauscht.

Ähnlich der Zauberwelt sind auch diese Verwandlungen mit einem gewissen Aufwand verbunden. Da gilt es etwa, Winterreifen zeitig zu montieren (haben die noch genug Profil?) und Radl und Motorräder einzumotten; da müssen Gärten winterfest gemacht und verklemmte Heizungsventile gelockert werden; da werden Daunenjacken, Pudelmützen und Alpakasocken hervorgekramt und luftige Strandoutfits bis zum Frühjahr verstaut.

Mancher verwandelt sogar Streichhölzer. Allerdings nicht in Nadeln, sondern in originell ausschauende Figuren, unter Rückgriff auf unterwegs gesammelte Kastanien, Bucheckern und Nussschalen. Bei ausgedehnten Spaziergängen lässt sich dieser Tage auch beobachten, wie Verwandlungsprozesse in der Natur funktionieren. Weil es kälter wird und die Tage kürzer werden, fahren Bäume die Fotosynthese zurück und bauen den grünen Farbstoff Chlorophyll ab. In der Folge kommen gelbe, rote und orangefarbene Pigmente bei den Blättern zum Vorschein, bevor diese abfallen.

Das Ganze dauert bekanntlich deutlich länger, als mal eben lässig mit einem Zauberstab zu schnipsen und ein paar wohlgewählte Worte zu murmeln. Die Natur kennt da in der Regel keine Eile. Was ja auch sein Gutes hat, so kann man sich länger an der bunten Farbenpracht erfreuen. Um die eigenen herbstlichen Transformationsprozesse flink zu bewältigen, wünscht man sich dagegen als Muggel zuweilen eine Zauberformel.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB