Mitten in Freising:Impfen im Suppenlokal

Jeder wird gefragt beim momentan so beliebten Spielchen "Stich oder nich'?"

Kolumne von Alexander Kappen

Also das Prinzip ist ja kein neues. Das gibt es praktisch schon so lange, wie es Propheten und Berge gibt. Nur dass die Propheten und Berge eben von Zeit zu Zeit und Fall zu Fall mal den Namen wechseln. Deshalb heißt es in der aktuellen Pandemie-Phase jetzt eben: Wenn der Mensch nicht zum Impfstoff kommt, dann kommt der Impfstoff zum Menschen. In diesen Tagen macht das der Impfstoff ziemlich hartnäckig und intensiv, in allen Ecken und Enden von Bund, Land und Landkreis.

Weil die Corona-Impfkampagne gehörig ins Stocken geraten ist, läuft derzeit eine Aktionswoche. Mobile Teams spritzen, was das Zeug hält und wo es nur geht. Sei es auf Parkplätzen von Möbelhäusern, vor Sporthallen, in Biergärten oder Gaststätten. Und zuweilen sieht man auch einen Arzt verzweifelt durch die Freisinger Innenstadt wuseln, um seinen übrig gebliebenen Impfstoff unters Volk zu bringen wie fliegende Straßenhändler ihre Rosen in italienischen Strandbars. Passanten oder in ihrem Fahrzeug sitzende Lastwagenfahrer, jeder wird gefragt beim momentan so beliebten Spielchen "Stich oder nich'?"

Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang auch ein früheres Projekt von Caritas, Jobcenter und Landkreis-Jugendamt in leicht abgewandelter Form wieder aufleben lassen, das - ausgerechnet wegen Corona - inzwischen wieder aufgegeben worden ist. Damals fuhren Sozialarbeiter mit einer zur mobilen Suppenküche umfunktionierten Ape herum, um bei einer warmen Mahlzeit mit Jugendlichen in Problemsituationen ins Gespräch zu kommen und diese bestenfalls in die Gesellschaft zurückzuführen. Man könnte das rollende Suppenlokal ja jetzt dazu nutzen, um den in rauen Mengen vorhandenen Impfstoff an den Mann und die Frau zu bringen, bevor er schlecht wird. Vielleicht lassen sich bisher noch Unentschlossene und Zögerhafte mit einem warmen Süppchen oder gerne auch Eintopf umstimmen. Quasi durch zwei Teller Pichelsteiner mit einem Spritzer Moderna oder Biontech. Wer Johnson & Johnson nimmt, muss oder darf - das hängt von der Qualität des Kochs ab - nur einen Teller essen.

© SZ vom 17.09.2021
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