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Mitten in Freising:Angriff auf das Morgenritual

Es gibt Tage, die fangen schon so an, dass man sie getrost von vornherein vergessen kann

Kolumne von Birgit Goormann-Prugger

Es gibt Tage, die fangen so an, dass man sie eigentlich von vornherein vergessen könnte. Das ist dann der Fall, wenn Morgenrituale durcheinander gebracht werden, die man braucht, um einigermaßen stabil in den Alltag zu starten - in diesen wirren Zeiten erst recht. Folgendes trägt sich also an diesem besagten Morgen im Norden von Freising zu. Es kommt kein Wasser aus der Leitung. Einfach so, ohne Ankündigung, ohne dass man sich hätte drauf einstellen können. Noch schlaftrunken öffnet man also sämtliche Hähne, die die Wohnung so bietet, es hilft nichts, es fließt nichts, es gluckert nur hinter der Wand.

Der Grund ist schnell ermittelt. Direkt vor der Haustür ist ein Baggerfahrer gerade lärmend dabei, in die Straße ein tiefes Loch zu graben, damit der Wasserrohrbruch, Ursache allen Übels, so schnell wie möglich behoben werden kann. Eine Stunde soll das dauern, heißt es zunächst. Das könnte man noch abwarten. Nach einer Stunde kommt aber immer noch kein Wasser und man müsste bald mal aus dem Haus: Also überlegt man sich Strategien, wie man ohne fließendes Wasser in den Tag starten kann. Erstes Problem: Wie bereitet man nun den Tee zu, nach dem man schon lechzt? Mineralwasser wäre noch da, das spritzige mit besonders viel Kohlensäure. Ob der Wasserkocher wohl explodiert, wenn man ihn damit befüllt? Er tut es nicht, Glück gehabt.

Nächstes Problem. Aus der Dusche kommt natürlich auch kein Wasser und das spritzige Mineralwasser ist ja jetzt im Kocher und wird gerade zu Tee. Man fühlt sich ungewaschen und fern der Heimat und will so keinesfalls ins Büro. Da erinnert man sich an einen Fünf-Liter-Kanister, befüllt mit stillem Wasser, der seit längerem im Kofferraum des Wagens lagert. Zunehmend schlecht gelaunt macht man sich auf den Weg in die Tiefgarage. Die Morgentoilette mit stillem, kalten Wasser ist eine Erfahrung, die nicht gerade dazu beiträgt, die Stimmung zu heben. Man geht aus dem Haus und sieht den Hausmeister vor der Baugrube an der Straße stehen. Er prüft den Fortschritt der Arbeiten und grüßt freundlich. "Super Morgen heute!", ruft man ihm nur zu und er muss lachen. Wenigsten der...

© SZ vom 07.08.2020
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