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Mitten in der Region:So klingt der Sommer

Besinnlich ist im Sommer gar nichts. Hoffentlich wird es bald wieder kalt

Im Lichte des Christbaums am Kamin zu sitzen, die von Zimtduft gesättigte Luft zu atmen, den Schneeflocken dabei zuzusehen, wie sie gnädig ein Polster über die harten Straßen legen und Ruhe in die Katastrophen des winterlichen Alltags einkehren lassen. Besinnliche Tage, stade Zeit. Genau so heißt das, nicht anders. Diese zugegebenermaßen fiktionale (um nicht zu sagen: utopische) Vision eines Dezemberabends könnte kaum präziser erfasst werden als in diesem Wort: besinnlich. In seiner großtantenhaften Betulichkeit klingt es unzeitgemäß, aber jeder kann sich etwas darunter vorstellen. Und es ist ein Wort, das zwischen Januar und November schlicht nicht vorkommt.

Man stelle sich besinnliche Tage am Strand vor. Wer möchte das? So drängt sich eine Vermutung auf. Es gibt jahreszeitenabhängige Sprache; Wortschätze, die manchmal versiegelt bleiben; Wörter, die über gewisse Zeiträume Dispens haben. Aber - wie redet man im Sommer? Man muss nur offenen Auges und Ohrs durch die Straßen gehen. Allerorten hört man von "schnürenden Riemchen" (Krise der sockenfreien Periode), hitzige Diskussionen um den "Lichtschutzfaktor" machen die Runde, das Silbenmonster "Reiserücktrittsversicherung" kommt nicht wenigen über die Lippen.

Kurzum, Sommersprache ist Dingsprache, ökonomisch und darauf bedacht, die wenigen Sonnenstunden und den knapp bemessenen Urlaub mit dem größtmöglichen Nutzen zu verbringen, beziehungsweise dem kleinstmöglichen Schaden. Da hat man keine Zeit, sich auf irgendwas zu besinnen.

Gäbe es denn Besinnungswürdiges? Nein, wahrscheinlich gibt es nur das Sommerloch. Und diese metaphysische Leerstelle füllen wir mit allerlei Untieren in Badegewässern, und, Tendenz steigend, mit E-Scootern. Hoffentlich wird es bald wieder kalt.