Sicher, ganz geschlossen waren die Gaststätten im Landkreis in den vergangenen Monaten nicht. Dennoch: Die zuletzt geltende Sperrstunde um 22 Uhr war für geübte Wirtshausgänger, die in Nicht-Corona-Zeiten um diese Uhrzeit erst das Haus verlassen und am Tresen einchecken, ein gefühlter Quasi-Lockdown. Wenn das erste Bier, das man bestellt, gleichzeitig auch schon wieder das letzte ist, bleibt man halt lieber daheim auf dem Sofa. Und Mancher mag sich gedacht haben, dass es so oder so nicht schaden kann, dem Gesellen Omikron besser aus dem Weg zu gehen, bevor er einem trotz Doppel- und Dreifachimpfung doch noch irgendwo in der hintersten Ecke einer dunklen Bar ganz hinterfotzig eine mitgibt.
Wenn also jetzt die Restaurants und Schankgaststätten ganz ohne Corona-Zeitschranke wieder in die Vollen gehen können und plötzlich so richtig geöffnet haben, kommt einem schnell mal ein Song der deutschen Band Madsen aus dem ersten Pandemie-Jahr 2020 in den Sinn:
Langsam gehn die Kneipen wieder auf
Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf
Hier drinnen hab ich alles was ich brauch
Ich glaub ich geh nie wieder raus
Von Jetzt auf Gleich sofort wieder zu 100 Prozent in den Wirtshaus-Modus umzuschalten, ist nicht jedermanns Sache. Das fängt schon damit an, dass selbst eine Woche nach der Aufhebung der Sperrstunde so mancher entwöhnte Kneipengänger im Bekanntenkreis das noch gar nicht mitbekommen hat und ganz ungläubig nachfragt: Wann soll das kommen? Und bis wann dürfen die Lokale dann auf haben, 22.15 Uhr? Bis Mitternacht oder gar noch länger irgendwo unbehelligt in einem Wirtshaus zu sitzen, ist für viele mittlerweile jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Nach 22 Uhr außerhalb der eigenen vier Wände oder ohne Zuhilfenahme eines der inzwischen weit verbreiteten Videokonferenz-Tools mit guten Freunden bei einem Ratsch ein kühles Getränk zu sich zu nehmen, klingt schon fast zu verrückt, um es wirklich in die Tat umzusetzen. Zur langsamen und schonenden "Lonely-Couch-Drinking"-Entwöhnung könnte man sich für den Anfang ja auch nur bis 23 Uhr mit ein paar Kumpels beim Wirt seines Vertrauens verabreden, ehe jeder zu sich nach Hause eilt, um sich dann gemeinsam noch bei einem digitalen Absacker auf Zoom, Teams, Jitsi oder was auch immer zuzuprosten.
So manchen früheren Bar-Hocker wird die Kneipen-Szene, da müssen wir uns nichts vormachen, aber wohl für immer verloren haben. Denn wer kann schon sicher sagen, ob neben einem am Tresen nicht nur Carina, sondern vielleicht auch Corona sitzt? Und dann hat der Spaß ein Loch.
Oder um es mit Madsen zu sagen:
Draußen wird alles immer schlimmer
Ich bleib in meinem Zimmer
Quarantäne für immer