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Die ganze Welt in Freising:Der Kreativität freien Lauf lassen

Marketa Simon betreibt seit 15 Jahren in Eching einen Friseursalon. Seit sie vom Gewerbegebiet ins Zentrum umgezogen ist, hat sie sich einen festen Kundenstamm aufgebaut. Die gebürtige Tschechin fühlt sich als Einheimische angekommen.

Von Henrike Adamsen, Eching

Secondhand-Kommoden mit großen Spiegeln, Trennwände mit Bambusmotiv und ein träge plätschernder Brunnen in Stahloptik. Marketa Simon hat ihren Friseursalon ganz nach ihrer Vorstellung, Altes mit Neuem zu verbinden, gestaltet. Seit 15 Jahren betreibt die gebürtige Tschechin den Salon "Coiffeur Marketa" in Eching und kann dort ihrer kreativen Ader freien Lauf lassen. Mit 19 reiste Simon für einen Au-pair-Aufenthalt nach Vaterstetten, mittlerweile leitet die erfahrene Friseurmeisterin ein siebenköpfiges Team. "Dabei hat sich das mit dem Friseursalon eher zufällig ergeben", erzählt die 43-Jährige. "Eigentlich wollte ich mich für ein Studium im Fach ,Technisches Zeichnen' bewerben", erklärt Simon. Aber ihre tschechische Qualifikation erkannten die deutschen Universitäten nicht an. "Da hätte ich im Endeffekt noch einmal sechs Jahre studieren müssen", sagt Simon - und das kam für sie nicht in Frage.

Ein Friseurbesuch beginnt in Corona-Zeiten mit Haarewaschen. Eine Aufgabe die hier im Friseursalon Marketa der Auszubildende Gool übernimmt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zu der Zeit lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen. Beim gemeinsamen Abendessen mit dessen Familie brachte ein Radiobericht über Maskenbildner Simon auf eine neue Berufsidee. Dafür musste sie zuerst eine Friseurausbildung absolvieren, also bewarb sie sich bei einem Betrieb in Lohhof. Nach und nach verabschiedete sie sich von dem Berufswunsch Maskenbildnerin, denn, so erzählte man sich in der Schule, die Arbeitsbedingungen seien anfänglich wenig attraktiv. "Da habe ich gedacht, Vitamin B habe ich nicht, also werde ich erst mal am Wochenende arbeiten und Perücken knüpfen", begründet Simon ihre Entscheidung.

Friseurmeisterin Marketa Simon.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ihr Wunsch nach Selbständigkeit trieb sie an, auch die Meisterprüfung abzulegen. "Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, ich möchte selbständig sein. Das sind wohl die Gene", erzählt Simon. Und ihr Gestaltungsdrang: Denn in ihrem ersten Salon konnte sie sich auf 235 Quadratmetern Fläche austoben und arbeitete Tag und Nacht an der Umsetzung. "Ich kann mir die Dinge in meinem Kopf sehr gut vorstellen, das hilft in meinem Beruf." Auch bei den Umbauarbeiten für ihren heutigen Salon war Marketa Simon von Anfang an dabei und sprach mit den Bodenlegerinnen und Schreinern. "Nach zehn Jahren Erfahrung konnte ich dann genau sagen, hier brauche ich die Waschbecken und dort die Mischecke."

Sieben Personen beschäftigt Marketa Simon in ihrem Salon. Eine davon ist Friseurmeisterin Jasmin Strobl, die hier gerade Haare schneidet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Durch die Lage im Gewerbegebiet sei es am Anfang schwierig gewesen einen Kundenstamm aufzubauen, berichtet Simon. Zusätzlich erschwerten ihre tschechischen Wurzeln den Einstieg: "Als Ausländerin wurde ich damals schon anders wahrgenommen." Das habe sich bemerkbar gemacht.

Heute ist Marketa Simon froh, als Einheimische angekommen zu sein. "Nach fünf Jahren im Zentrum habe ich das Gefühl, dass die Leute einen nicht mehr als Ausländer ansehen, sondern als einen Menschen, der sich anpasst, arbeitet und Arbeitsplätze schafft." Daher fällt ihr Fazit sehr positiv aus: "Nach den Jahren kann ich wirklich sagen, dass ich zu Eching gehöre", sagt sie.

Wer anders ist, muss sich beweisen

Im Juli diesen Jahres hat die Süddeutsche Zeitung in ihrem "Buch Zwei" ein großes "Tischgespräch" geführt, bei dem sieben Menschen mit Migrationshintergrund miteinander über Rassismus in Deutschland geredet haben. Dabei war auch die erfolgreiche Berliner Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir, die von einer Veranstaltung erzählte, bei der ein Banker neben ihr saß, der nicht wusste, was sie macht. Als sie ihm gesagt habe, dass sie eine Firma habe, habe er nur gefragt: Kosmetik? Über den Umstand, dass sie 150 Mitarbeiter in ihrem Betrieb habe, sei er richtig geschockt gewesen, so Boldaz-Özdemir weiter: "Ich glaube, es müssten viel öfter positive Beispiele gezeigt werden, damit sich etwas verändert." Samuel Fosso, der Migrationsreferent der Stadt Freising, empfindet es so, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allem doppelte Leistung bringen müssen: "Menschen, die sichtbar anders sind, müssen sich ständig beweisen", sagt er. Die Freisinger SZ besucht in ihrer Serie "Die ganze Welt in Freising" erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund und spricht mit ihnen darüber, ob sie es tatsächlich schwerer haben und hatten. Heute: Marketa Simon aus Eching

Das schlägt sich auch in Marketa Simons Engagement nieder. Als Mitglied bei den Echinger Fachbetrieben unterstütze sie die Arbeit des Vereins, beispielsweise mit einem Stand bei der Echinger Frühjahrsschau. Außerdem hat sie seit fast zwölf Jahren das Amt der Prüfungsvorsitzenden der Friseurinnung Freising inne. Dort ist sie für die Prüfungsanmeldung, den Ablauf und die Auswertung zuständig. "Da wurde ich damals ganz schön ins kalte Wasser geworfen", erinnert sich Simon. Aufgrund eines Krankheitsfalls musste die Friseurmeisterin schon übernehmen, obwohl sie nur eine Prüfung begleitet hatte.

Mit Eching verbunden ist Marketa Simon schon, seit sie im Alter von zwölf Jahren mit einem Kinderchor durch Europa reiste. Ihre Faszination für die deutsche Sprache, die durch ihren Opa und Verwandte in Wien geprägt wurde und ihre Freunde im Echinger Kinderchor überzeugten Simon nach der Schule für einen Au-pair-Aufenthalt nach Vaterstetten zu kommen. "In der ersten Zeit bin ich ohne meine Familie sehr selbständig geworden. Wir konnten damals immer nur kurz in der Telefonzelle sprechen, weil die Gespräche so teuer waren", erzählt Simon. Durch ihre frühe Heirat standen Marketa Simon schließlich keine arbeitsrechtlichen Hindernisse mehr im Weg und so gab es für sie erst mal keinen Grund nach Hause zurückzukehren.

An ihren tschechischen Wurzeln möchte Marketa Simon allerdings weiter festhalten, auch für ihre beiden Kinder. "Ich bin hier ja die einzige, die mit meinen Kindern Tschechisch spricht, deswegen versuche ich, viel zu Hause zu sein." Das sei glücklicherweise nicht so weit entfernt. Auch den Namen des Salons habe sie absichtlich gewählt, damit ihre Landsmänner und -frauen merken: "Ah, da ist jemand der mich versteht."

Ob es sie noch einmal zurück in die Heimat ziehen werde, dafür ist die Friseurmeisterin offen. "Ich bin ja gar nicht hergekommen, um zu bleiben," sagt Marketa Simon im Rückblick auf ihren Au-Pair-Aufenthalt. "Aber ich bin hier sehr glücklich und mir gefällt das Ländliche." Mittlerweile ist Simon mit ihren zwei Kindern nach Kranzberg gezogen und singt dort auch wieder im Chor.

© SZ vom 02.10.2020

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