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Mieterverein Freising:"Es bleibt auf hohem Niveau schwierig"

Ins Büro des Freisinger Mietervereins an der Gartenstraße hat es Vorsitzender Markus Grill nicht weit: Sein Arbeitsplatz in der SPD-Geschäftsstelle ist nur wenige Meter entfernt.

(Foto: Andreas Gebert)

2600 Mitglieder hat der Mieterverein in Freising. Seit April ist Markus Grill dort ehrenamtlicher Vorsitzender. Dass der Wohnraum in der boomenden Region knapp und vor allem teuer ist, bekommt er in dieser Funktion ganz besonders zu spüren

Es sind beeindruckende Zahlen: Der Mieterverein Freising hat etwa 2600 Mitglieder, 1200 bis 1300 Beratungen finden pro Jahr statt. In der Geschäftsstelle an der Gartenstraße 9 sind zwei Teilzeitkräfte tätig, drei Anwälte unterstützen sie. Ehrenamtlicher Vorsitzender ist Markus Grill, der diese Aufgabe im April von Volker Zinkernagel übernommen hat. Die SZ sprach mit ihm über die Vereinsarbeit.

SZ: Wie wichtig ist ein Mieterverein heutzutage?

Markus Grill: Er ist die letzten Jahre wieder sehr, sehr viel wichtiger geworden. Das merken wir auch an den Mitgliederzahlen. Jahrelang sind sie leicht gesunken, wie bei vielen anderen Vereinen. Seit zwei Jahren gibt es wieder einen leichten Anstieg. Wir merken es auch an den Problemen der Leute.

Was sind die Hauptanliegen?

Klar, einmal in der Saison sind es die Nebenkostenabrechnungen, wo Vermieter auch aus schlichter Unkenntnis Fehler machen. Dann hat man die ganzen Geschichten mit Kündigungen und Eigenbedarf. Oft geht es darum, den Menschen die Angst zu nehmen. In sehr, sehr vielen Fällen dauert es Monate, bis sie raus müssen. Vor kurzem hatten wir den extremen Fall, dass ein Vermieter ohne Grund Umzugskosten haben wollte, weil der Ein- und Auszug so viel Aufwand gemacht habe. Die Betroffenen fallen da natürlich aus allen Wolken. Wir versuchen erst einmal zu deeskalieren. Der Job der drei Anwälte, die für uns arbeiten, ist vergleichbar mit Mediatoren. Sie versuchen einen Prozess zu vermeiden - aber nicht um jeden Preis.

Sind die Auseinandersetzungen härter geworden?

Das ist ganz unterschiedlich. Aber es manchmal ein bisschen kälter geworden. Man hat immer mehr mit großen Wohnungsgesellschaften zu tun, die ihr Standardrepertoire abspulen und es auch drauf ankommen lassen, wenn es sein muss. Was manchmal schwierig ist, das betrifft aber nur einzelne Mitglieder, ist eine relativ hohe Anspruchshaltung. Die vergleichen uns dann mit dem ADAC. Nur hat der viel hauptamtliches Personal und ist sehr viel größer.

Was sind das für Leute, die zum Mieterverein kommen?

Querbeet. Es ist alles dabei. Wir haben jetzt neu auch die Studierenden dabei, wir haben mit dem Studentenwerk München einen Sammelvertrag abgeschlossen. Der Erste war schon da und hat sich beraten lassen. Bisher hätte jeder Studierende selbst Mitglied im Mieterverein werden müssen. Das ist für jemanden, der vielleicht ein Jahr ins Ausland geht und danach woanders weiter studiert, oft nicht wirklich sinnvoll.

Was hat Sie dazu bewogen, den Vorsitz des Mietervereins zu übernehmen?

Zum einen hat mir der Mieterverein selber geholfen und mich bei einem Problem beraten, als ich hier nach Freising gekommen bin. Zum anderen wollte ich gesellschaftlich etwas machen, das zu mir passt. Ich bin jetzt ja nicht der große Sportler (lacht).

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Markus Grill ist seit 30 Jahren Mitglied bei der SPD

Wie wohnen Sie selbst in Freising?

Wir wohnen außerhalb in Itzling in einer 90-Quadratmeter-Wohnung mit Gartenanteil, direkt über dem Ampertal. Dort gibt es mehr Kamerunschafe als Einwohner. Es ist ein Altbau und es gibt ein bisschen Probleme, weil sich Feuchtigkeit sammelt. Aber wir haben das jetzt im Griff. Seit ich mit 21 zu Hause ausgezogen bin, bin ich immer in Miete gewesen.

Hat man mit einem Mieterverein auch gesellschaftspolitischen Spielraum?

Sogar mehr als der SPD-Politiker Markus Grill. Das Wort ist zwar negativ besetzt, aber man ist Lobbyist. Lobby ist ja auch was Gutes. Ich komme bei den Leuten mit meinen Anliegen teilweise weiter wie als Parteivertreter.

Die Wohnungsnot ist aktuell eines der ganz großen Themen. Kann der Mieterverein hier etwas bewirken?

Wir agieren natürlich auch im Rahmen des Deutschen Mieterbunds. Die Geschäftsführerin in München, Beatrix Zurek, ist auf Landesebene sehr aktiv. Sie sammelt, was wir als örtliche Vorstände zu einem Thema sagen. Das fließt dann in Papiere an Bundes- und Landesregierungen ein. Das bringt schon was.

Dennoch bleibt die Wohnungssuche für viele ein Problem . . .

. . . weil Wohnraum knapper wird. Und weil auch das, was dafür bezahlt werden kann, knapper wird. Die Leute verdienen zwar mehr als früher, aber es geht auch ein höherer Anteil drauf. Das ist das Problem. Bei vielen sind es mittlerweile über 50 Prozent. Was dann noch bleibt, ist knapp über dem Sozialhilfesatz. Der Druck hat zugenommen.

Wo sehen Sie den Freisinger Mietmarkt in zehn Jahren?

Meine Hoffnung ist, dass bis dahin bestimmte Maßnahmen greifen. Worauf wir jetzt setzen, ist der genossenschaftliche Wohnungsbau - die meisten Stadträtinnen und Stadträte fast aller Gruppierungen haben sich inzwischen für diese Idee geöffnet. Es entlastet auch den Mietmarkt, wenn sich etliche Menschen auf diese Weise ein Quasi-Eigenheim leisten können. Ich glaube, das Wirtschaftswachstum wird sich ein bisschen abschwächen. Aber wir werden noch viele Jahre ähnliche Probleme haben. Es bleibt auf hohem Niveau schwierig.

Genossenschaftliches Bauen kann doch immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Die richtige Entlastung für die Region wäre der Werkswohnungsbau. Da, finde ich, könnte der Flughafen mehr machen. Außerdem haben wir etliche große Mittelständler, die in diesem Bereich investieren könnten - und auch die Stadt für ihre Beschäftigten. Denn eine Arbeitsmarktzulage allein reicht nicht, da ist schon noch viel Luft nach oben. Da sind wir aber auch an einem ökologischen Punkt. Wir werden noch mehr Flächenversiegelung bekommen. Die Zeit der einzelstehenden Eigenheime aber ist zumindest im Ballungsraum vorbei. Das Wohnen der Zukunft wird ein intelligenter Geschosswohnungsbau sein.

Müssen sich die Menschen mit weniger Platz begnügen?

Das wird kommen. Ich selber finde das schlecht. Ich habe, obwohl politisch aktiv, durchaus Phasen, in denen ich mich zurückziehe, und kann nachvollziehen, dass man Stress hat, wenn man zu Dritt oder Viert auf 60 oder 70 Quadratmeter wohnt.

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