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Debatte um Özil:Eigentor

Die Debatte um Mesut Özil ist auch im Landkreis Freising angekommen. Manch einer sieht gar "große Auswirkungen" auf die Jugend.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei der Debatte um den Nationalspieler geht es offenbar längst nicht mehr nur um Fußball. Auch an den Deutschtürken im Landkreis Freising ist die Sache nicht spurlos vorübergegangen.

Die Diskussion um den Fußballnationalspieler Mesut Özil sorgt seit Wochen für Aufruhr. Wie es scheint, geht es dabei längst nicht mehr nur um Fußball: Viele Menschen kritisieren, die Stimmung in Deutschland habe sich in den vergangenen Jahren verändert, rassistische Kommentare gegenüber Özil werden billigend in Kauf genommen. Was sagen Deutschtürken im Landkreis Freising zu der Debatte? Ist die Causa Özil hier gar kein Thema oder kann sie womöglich sogar die Integration im Landkreis behindern?

Auslöser der ganzen Diskussion war im Mai das Foto, auf dem sich Özil und Spielerkollege Ilkay Gündoğan zusammen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten ließen. Vor allem Özil wurde dafür heftig kritisiert, unter anderem von DFB-Manager Oliver Bierhoff: Der sagte nach dem frühen WM-Aus Deutschlands, man hätte als Reaktion auf das Foto überlegen müssen, "ob man sportlich auf ihn verzichtet". Die ehemalige Bundesbeauftragte für Integration, Aydan Özoğuz (SPD), warnte jetzt vor langfristigen Folgen für die Gesellschaft: Dass das Thema auch nach zwei Monaten noch so hochgekocht werde, zeige, in welche Atmosphäre die Debatte falle, sagte Özoğuz kürzlich in Berlin.

Ismet Ünal von der Projektgruppe Migration bemerkt Folgen der Diskussion bei Freisinger Jugendlichen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Was die Diskussion in Freising anrichtet, bemerkt Ismet Ünal, einer der beiden Sprecher der Projektgruppe Migration der Stadt. "Ich sehe sehr große Auswirkungen auf die Jugendlichen hier", sagt Ünal. Wenn er sich mit jungen Leuten mit türkischen Wurzeln unterhalte, bekomme er mit, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen: Dass die gesamte Schuld für das frühe WM-Aus auf Özil geschoben werde, sei nicht in Ordnung. Man dürfe den Spieler nicht an seiner Nationalität statt an der fußballerischen Leistung messen.

"Die Mediengesellschaft hat Erdoğan als Buhmann abgestempelt"

Die Nationalität spiele im Fußball aber durchaus eine Rolle, sagt Tamer Bulkurcu, Teammanager bei Vatanspor Freising. "Es ist immer schwierig, wenn man einen Migrationshintergrund hat, den Adler auf der Brust zu tragen. Man steht zwischen zwei Fronten", so Bulkurcu. "Ich bin stolzer Freisinger und Deutscher, mehr als ich Türke bin." Dass ausgerechnet das Foto von Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan so in die Kritik geraten ist, kann der 42-Jährige nicht nachvollziehen: "Ich denke, die Mediengesellschaft hat Erdoğan als Buhmann abgestempelt. Es gab ja auch ein Foto von Lothar Matthäus - ein großes Idol für mich als Fußballer - mit Putin."

Die Vatanspor-Spieler sagen laut Bulkurcu, es sei "einfach schwierig zu interpretieren, was der Özil sich dabei gedacht hat". Sie fänden auch, es sei ein "schlechter Zeitpunkt" gewesen direkt vor der Weltmeisterschaft, "andererseits ist es ja sein Privatleben". Auf die Frage, ob er eine gesellschaftliche Spaltung befürchte, wovor Özoğuz zuletzt gewarnt hatte, sagt er: "Das sehe ich genauso, der Ruf der Türken hat schon irgendwo darunter gelitten." Ob Özil sich äußern solle? "Ich denke schon, Gündoğan hat sich ja auch geäußert."

Andernorts in Freising ist das Thema nicht so präsent. Die Kritik an Özil sei überhaupt kein Thema in der Islamischen Gemeinde in Freising, sagt Ömer Korkmaz, deren Vorsitzender. Dass die Integration deshalb Schaden nimmt, glaubt er nicht. Die Diskussion um das Foto werde aufgeputscht. Murad A. und Lotfi A., die regelmäßig in die Freisinger Moschee gehen und ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, sind sich einig: Das Foto mit Erdoğan sei keine große Sache gewesen. Trotzdem glaubt Murad A., dass das Foto die Ursache für die Kritik an Özil sei und nicht dessen fußballerische Leistung bei der WM. "Die Menschen wollen ihn wegen des Fotos aus der Nationalmannschaft raushaben", sagt der Freisinger. Das Foto scheine zwar vor allem bei Deutschen auf Kritik zu stoßen - aber auch ein Freund von ihm "hasse" Özil seit dem Foto mit Erdoğan, sagt Murad A.

"Politik sollte nichts mit Sport zu tun haben"

Die deutschen Nationalspieler repräsentieren das Land und dessen Werte, Menschen identifizieren sich mit ihnen. Aber geht es nicht immer noch hauptsächlich um Fußball? "Politik sollte nichts mit Sport zu tun haben", sagt zumindest Bulkurcu von Vatanspor. Ismet Ünal sagt, wenn die Diskussion endlich abklinge, beruhige sich womöglich auch die Situation im Landkreis Freising. "Wenn sich die Menschen nicht anerkannt fühlen, kann das schon Auswirkungen auf die Integration haben", denkt er. Die Integrationsbeauftragte im Landratsamt, Nathalie von Pressentin, lässt über die Pressestelle mitteilen, das Thema sei wie in ganz Deutschland auch im Landkreis Freising ein Thema, konkrete Vorfälle seien jedoch nicht ans Landratsamt herangetragen worden.

Zumindest beim SC Freising sieht man keine Auswirkungen der Diskussion. "Es hat sich nichts geändert", sagt Trainer Sezgin Gül. Jeder rede über das Thema, die Debatte um Özil sei aber "Ansichtssache jedes Einzelnen". Politisch passe die Diskussion gerade ins Bild, findet Erik Hillenbrand, Leiter der Fußballabteilung beim SC Freising. Man distanziere sich aber von der Thematik. Bezogen auf die eigenen Spieler sagt Hillenbrand: "Mich interessiert das überhaupt nicht, ob das jetzt ein Türke, Deutscher oder Kroate ist."

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