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Lesung in Freising:"Alt, das sind die anderen"

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Dieter Bednarz liest am Freitag, 31. Januar, um 19.30 Uhr in der Freisinger Stadtbücherei aus seinem Buch "Zu jung für alt".

(Foto: privat)

Der Rentenbeginn hat Dieter Bednarz kalt erwischt, das verarbeitet er in einem Buch

Interview von Francesca Polistina, Freising

Dieter Bednarz ist ein viel beschäftigter Mann. Als er ans Telefon geht, sitzt er neben einem gepackten Koffer in seiner Hamburger Wohnung und ist kurz davor, nach Berlin zu fahren. Nicht in den Urlaub, sondern um ein neues Projekt zu besprechen. Darüber will er natürlich nichts verraten, lieber erzählt er von seinem aktuellen Buch, das er kreuz und quer in Deutschland präsentieren wird - auch in der Freisinger Stadtbibliothek, am 31. Januar, um 19.30 Uhr. "Zu jung für alt" (Edition Körber) heißt es und ist gleichzeitig ein Sachbuch, ein Ratgeber und eine persönliche Erfahrung zum Ende des Berufslebens. Denn 2017 ist Dieter Bednarz, nach über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent und Redakteur, mit 60 Jahren beim Spiegel ausgestiegen. Mit der Definition Rentner hat der dreifache Vater allerdings ein Problem: "Die meisten Älteren hören "Rentner" nicht gerne. Denn mit Rentner verbinden viele allzu oft Menschen, die auf einer Parkbank sitzen und Tauben vergiften", sagt er. Und, nein, das ist definitiv nicht der Fall.

SZ: Herr Bednarz, Sie sind 2017 beim Spiegel ausgestiegen. Fühlen Sie sich noch wichtig?

Dieter Bednarz: Ich habe mich in diesem Sinne nie wichtig gefühlt. Ich habe sehr gerne gearbeitet, das schon, aber ich habe meine Identität nie von der Visitenkarte abhängen lassen. Das ist für mich ein entscheidender Punkt: sich nicht mit der Arbeit identifizieren, nicht vom Beruf abhängig werden.

Allerdings haben Sie als Spiegel-Journalist ein sehr intensives Leben geführt, und dann plötzlich war das Berufsende da.

Ja, mich hat es ziemlich kalt erwischt. Ich habe mich tatsächlich davor nicht ausführlich damit beschäftigt: Man sieht, wie die Kinder wachsen und älter werden, aber über sich denkt man, dass man ewig jung ist. Alt, das sind die anderen. Aus meiner Erfahrung sage ich aber: Es ist wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema Rente auseinanderzusetzen, neue Aktivitäten zu finden, neue Hobbys zu entwickeln, sich überlegen, wie man mit der Freizeit umgeht.

Und welche Aktivitäten haben Sie für sich entdeckt?

Ich habe mein ganzes Leben geschrieben und werde so weitermachen, solange ich eine Feder halten kann. Das ist der größte Vorteil des Berufes als Journalist und allgemein der Kreativen. Man kann sich weiterhin mit Themen beschäftigen, die einen interessieren. Ich bin zwar kein Spiegel-Redakteur mehr, ich muss mich nicht mehr um Themen kümmern, die gerade brennen. Aber ich kann entscheiden, womit ich meine Zeit verbringe. In den letzten Jahren habe ich Romane und Sachbücher geschrieben, zum Beispiel über meine späte Vaterschaft. Dann kam dieses Buch über das Rentnerleben.

Wie ist die Idee für dieses Buch entstanden?

Zunächst wollte ich für mich klären, was der Ausstieg aus dem Beruf für mich bedeutet. Ich bin halt Journalist, das war meine Art, die Krise, die man am Ende des Berufslebens durchlebt, zu überwinden. Ich wollte verstehen. Erst dann ist die Idee entstanden, eine Art Ratgeber zu schreiben, für Menschen, die in meiner Situation sind oder sein werden.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe Wissenschaftler getroffen, die sich mit dem Thema Alter, Veränderung und Demografie beschäftigen. Dann habe ich Menschen getroffen, die schon im Ruhestand sind, die also diese Entwicklung schon hinter sich haben. Und schließlich habe ich Leute getroffen, und das sind ganz viele, die sich ehrenamtlich engagieren, die ihre Zeit in der Rente nutzen, um anderen zu helfen: Das hat mich bewegt.

Welche Begegnung hat Sie am meisten beeindruckt?

Ganz viele. An eine erinnere ich mich zum Beispiel noch gerne. In Hamburg habe ich eine Frau getroffen, die bei einem Chor namens "Heaven can wait" mitmacht. Nur wer älter als 70 Jahre ist, darf daran teilnehmen, der Älteste ist über 90. Sie hat zu mir gesagt: "Mit deinem Buch hast du uns die Würde gelassen und manchmal auch gegeben". Darum geht es am Ende, um die Würde. Diese Menschen haben sich im Laufe ihres Lebens die Würde erarbeitet, die ihnen von der Gesellschaft nicht immer so gewährt wird, wie sie es verdient hätten.

Sie haben aber auch einen berühmten Dreißigjährigen interviewt....

Philipp Lahm ist ein ausgezeichneter Fußballer und ein unglaublicher Mensch. Er hat mir viele wundervolle Tipps gegeben, aber vor allem einen: Dass das Alter relativ ist. Mit dem Thema Karriereende musste er sich beschäftigen, als er nicht mal 35 Jahre alt war.

Allerdings ist 35 nicht gleich 65.

Mit Mitte 60 ist aber nicht Schluss, ganz im Gegenteil! Das Ende des Arbeitslebens ist der Beginn einer neuen Lebensphase, eines neuen Abenteuers. Rentner sind für mich Menschen, die sich Aktivitäten widmen, für die sie im Arbeitsleben nicht die Zeit hatten. Es gibt viele positive Aspekte.

Welcher gefällt Ihnen am meisten?

Dass man selbstbestimmt ist. Ich stehe auf und kann frei entscheiden, wie ich den Tag gestalte. Das ist eine große Freiheit.

© SZ vom 21.01.2020

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