Aquatische Systembiologie Die Forscher und die alte Mühle

Der Standort an der Moosachmühle ist beliebt. Immer wieder kommen Gäste, auch ein Filmteam aus Indonesien war schon einmal dort.

(Foto: Marco Einfeldt)

"Wir wissen mehr über den Mond als über unsere heimischen Gewässer", sagt der Weihenstephaner Professor Jürgen Geist. An der Moosach untersuchen Wissenschaftler der TU München das Leben von Fischen, Krebsen und Muscheln.

Von Katharina Aurich, Freising

Das Wasser rauscht und gluckert Tag und Nacht. An der ehemaligen Sägemühle an der Moosach wird es nie still, denn neben dem Fluss liegen Becken mit Fischen, Krebsen und Muscheln, in die permanent frisches Wasser plätschert. Die Mühle ist die Basis für die Arbeit des Lehrstuhls Aquatische Systembiologie an der TU München (TUM). Dessen Chef Jürgen Geist lässt sich nicht lange bitten, in die Wathose zu steigen und die Vorzüge des Standorts zu erläutern. Er sei ideal für die Forschung, es gebe Grundwasser aus zwei verschiedenen Schichten und die Moosach.

Die Forscher sind aber auch an anderen Flüssen und Seen in ganz Bayern unterwegs, denn "wir wissen ja mehr über den Mond als über unsere heimischen Gewässer", sagt Geist, seit 2010 Leiter des Lehrstuhls, zu dem die Fischbiologie, die Ökotoxikologie und die Seenforschung gehören. Dass es dabei nicht nur um Theorie geht, sieht man beim Besuch der historischen Mühle sofort: Schlauchboote, Ruderboote, Kescher in allen Variationen, Wathosen, Behälter und Rinnen für die Fischaufzucht sind einsatzbereit deponiert und natürlich gehört zum Lehrstuhl auch eine gut ausgerüstete Werkstatt.

Anfang der Achtzigerjahre übernahm die TU das Anwesen. "Es war alles leer, hier gab es nichts"

Herr über Fische und Krebse ist Fischmeister Jörg Steinhilber. Er war der Erste, der hier Anfang der Achtzigerjahre ankam, als die TU das Anwesen übernahm. "Es war alles leer, hier gab es nichts. Als Erstes habe ich wochenlang das Außengelände mit der Motorsense frei geschnitten", erinnert er sich. Nach und nach kamen die Becken für die Krebse, Fische und die Fischbrut. Anfangs besuchten nur fünf bis sechs Studenten die Vorlesungen, erinnert sich Steinhilber. Inzwischen arbeiten 86 Wissenschaftler und Techniker am Lehrstuhl mit dem klangvollen Namen Aquatische Systembiologie, die Vorlesungen müssen regelmäßig auf 140 Zuhörer begrenzt werden. Seit 2010, als Jürgen Geist den Lehrstuhl übernahm, sind 200 Diplom- und Masterarbeiten sowie 40 Doktorarbeiten entstanden.

Die Gewässerforschung ist für viele Studiengänge an der TU, darunter die Agrarwissenschaftler, Landschaftsplaner, Forstwirte, interessant. Die alte Mühle tut sicher ihr Übriges dazu. "Bei uns dürfen die Studenten einen Fisch anfassen, sie erleben in unserer Grundlagenforschung, was am Grund eines Baches oder in der Moosach passiert", so Geist. Ihm sei wichtig zu vermitteln, wie Gewässerökosysteme funktionierten und eine Brücke zwischen den Grundlagen und der angewandten Forschung zu schlagen. Viele Lebewesen seien sehr gefährdet, zum Beispiel die großen Huchen, die nur in der Donau und ihrem Einzugsgebiet leben, berichtet der Professor. Die lachsähnlichen Fische, die auch sehr gut schmecken, werden nun in den runden Becken an der Mühle gezüchtet. "Was können wir tun, um die Lebenssituation dieser Fischart zu verbessern, wie abhängig sind die Huchen von der Wasserqualität?", so lauten die Fragestellungen für die Forscher. In einem anderen Becken lebt ein Schwarm Nasen, auch sie sind in unseren Gewässern gefährdet. Nun wird untersucht, wie sie sich vermehren, auch das sei - wie so viele andere Zusammenhänge unserer heimischen Ökosysteme - bisher unbekannt, sagt Geist.

Zu Forschungszwecken heben die Wissenschaftler Tiere wie den Signalkrebs auch aus dem Wasser.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Forscher wollen auch wissen, wie Fische auf Stress reagieren und es werden Fisch schonende Wasserkrafttechnologien entwickelt. "Wir können hier viele Situationen, in denen unsere Fische leben, nachbauen und beobachten, was passiert", schildert Geist. Ein Becken weiter sitzen die Signalkrabben aus Nordamerika. Sie wurden hier eingeschleppt und leben nun massenhaft in der Moosach. Das Problem sei, dass die Tiere die Krebspest übertragen, die ihnen selbst nicht schade, an der aber die heimischen Krebse zu Grunde gingen, beschreibt Geist ein weiteres Projekt, in dem nun versucht wird, die heimischen Tiere zu schützen.

Für die Tiere an der Mühle ist Fischmeister Steinhilber zuständig. Manchmal verstopften die Zulaufrohre zu den Becken, dann erhalte er sofort eine Meldung auf sein Handy und löse das Problem in den langen Zuflussleitungen mit einem Draht, erzählt er. Besonders im Winter müsse das Wasser immer in Bewegung sein, sonst friere alles ein.

Die Mühle ist für Wissenschaftler und Mitarbeiter ein Glücksfall. "Für uns stehen die Forschung und Lehre im Mittelpunkt, wir brauchen keine schicken Gebäude, das ist absolut zweitrangig", antwortet Geist auf die Bemerkung, dass die alten Gebäude eher historischen Charme ausstrahlten, als dass sie nach moderner Forschung aussehen. Der Standort ist beliebt, auch bei internationalen Forschern. Immer wieder kämen Gäste, sogar ein Filmteam aus Indonesien sei schon da gewesen, erzählt Mitarbeiter Sebastian Beggel. Die ehemalige Mühle ist aber nicht nur für Wissenschaftler und Studenten interessant - im Ferienprogramm der Stadt gibt es dort jedes Jahr ein Angebot für Kinder. Man schätze doch nur, was man auch kenne, so die Devise der Wissenschaftler. Regelmäßig kämen Spaziergänger an den Zaun und erkundigten sich, was die Menschen im Fluss da machen. Zudem finden auch regelmäßig Lehrerfortbildungen statt. Für ausländische Stipendiaten gibt es eine besondere Vorführung: Für sie steigen Mitarbeiter in die Moosach und füllen flüssigen Stickstoff in ein Rohr, das sie vorher in den Flussgrund geschlagen haben. Die Probe gefriert sofort und wird als fester Klumpen aus Schlamm und Steinen aus dem Rohr geschlagen. Eigentlich sollte der Flussgrund kiesig und durchlässig sein, Schlamm habe dort nichts zu suchen, schildert Geist. Es gebe aber viel zu viele Einträge durch das Regenwasser in die Gewässer, sodass sich eine Schlammschicht bilde und das Leben am Grund absterbe. Über diese Zusammenhänge sei bisher wenig bekannt - es gibt noch viel zu tun für die Forscher in der alten Mühle.

Das Holzrad der alten Moosachmühle ist noch erhalten.

(Foto: Marco Einfeldt)