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Lebensgeschichte eines Echinger Adligen:Diszipliniert und tapfer

Freiherr von Hertling aus Ottenburg

Vom Kriegshelden zum Kriegsinvaliden, Wilhelm Freiherr von Hertling hat dieses Schicksal durchlebt. Repro: Ernst Keller

Heimatforscher Ernst Keller hat über das Leben des Schlossherrn von Ottenburg recherchiert

Von Alexandra Vettori, Eching

Ziemlich genau vor 150 Jahren tobte der Deutsch-Französische Krieg. Einer, der von Anfang bis Ende dabei war, ist Wilhelm Freiherr von Hertling, der spätere Schlossherr von Ottenburg, das heute zu Eching gehört. Der Heimatpfleger aus dem Nachbarort Fürholzen, Ernst Keller, hat die Lebensgeschichte des Adeligen recherchiert, der sogar an der Tafel des bayerischen Königs Ludwig II. speiste.

Die Freiherren von Hertling bekleideten wichtige Ämter am kurfürstlichen und später königlichen Hof, waren Minister, Geheime Staatsräte, Hofgerichtsdirektoren. Einer von ihnen war Wilhelm, seit 1876 verheiratet mit Clara Freiin von Vequel-Westernach und Besitzer von Schloss Ottenburg, einer rund 1000 Jahre alten ehemaligen Pfleg- und Schlossherrschaft der Freisinger Fürstbischöfe.

Vorgesetzte bescheinigen dem Offizier "einen kräftigen Körperbau, 1,80 Meter Größe, sehr ausdauernd, entschlossen, ruhig, ein guter Reiter, intelligent und gebildete Sitten". Vor allem die berüchtigte Schlacht bei Sedan am 1. und 2. September 1870 prägte das Leben des damals 29-Jährigen. Denn für seine Einsätze werden ihm zwar "große Disziplin und Tapferkeit" attestiert, doch hat er sich dabei nachhaltig die Gesundheit ruiniert. Im Spätherbst 1896 wird er als Generalmajor nach 38 Jahren Militärdienst verabschiedet. Mit dem Rückzug auf sein Schlossgut Ottenburg beginnt eine Leidenszeit.

Die monatliche Pension von 557 Mark anstelle seines letzten Gehalts von 650 Mark waren nicht das Problem. Ihm machten Rheuma und Erkältungen das Leben schwer. Deshalb bat er am 25. Februar 1904 in einem Schreiben an das Kriegsministerium, als Invalide anerkannt zu werden, und beschrieb, wie es zu den gesundheitlichen Schäden kam: Als Ordonanzoffizier im Stabe der 4. Infanteriedivision "war ich genötigt, zu jeder Tageszeit und Nachtzeit und bei jedem Wetter sowohl die Befehle für die Division bei den höheren Kommandobehörden zu erholen, als auch die Befehle der Division nach unten zu überbringen. Hierzu lag es in der Natur der Sache, dass ich sehr häufig Erhitzungen und oft jäh hierauf folgenden Abkühlungen ausgesetzt war und bis auf die Haut durchnässt stundenlang in den nassen Kleidern ausharren musste". Dem Gesuch wurde stattgegeben.

Am 15. März 1912 berichtete Garnisonsarzt Dr. Gruth anlässlich des Antrages auf "Erhöhung der Verstümmelungszulage", dass der Patient über "fortschreitender Sehschwäche, Schwerhörigkeit, Lähmung beider Beine, Schwellungen an Händen und Füßen sowie Zuckungen der Muskulatur bis hin zu allgemeinen Hilfsbedürftigkeit" leide. Vier Jahre später, am 7. März 1916, endet der Leidensweg des 74-jährigen Freiherren. Sein Grab auf dem Münchner Ostfriedhof existiert noch.

© SZ vom 26.09.2020

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