Lange Nacht der Demokratie:Demokratie gestalten anstatt nur zu schimpfen

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Lange Nacht der Demokratie: Damian Knöpfle, Martha Suda (KJR Freising) und Nadine Sukniak (VHS Moosburg, v. l.) gestalten gemeinsam das Programm für die Lange Nacht der Demokratie am 2. Oktober 2022.

Damian Knöpfle, Martha Suda (KJR Freising) und Nadine Sukniak (VHS Moosburg, v. l.) gestalten gemeinsam das Programm für die Lange Nacht der Demokratie am 2. Oktober 2022.

(Foto: KJR Freising)

Während der Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober können Interessierte zahlreiche Angebote wahrnehmen: Interaktive Diskussionen, Partizipationsmöglichkeiten und künstlerische Beiträge, die aufrütteln sollen.

Von Marius Oberberger

Bei Demokratiebildung stehen häufig die reine Vermittlung von Wissen sowie die Prävention gegen Demokratiefeindlichkeit und Extremismus im Vordergrund. Das reicht Damian Knöpfle, Leiter des Freisinger Kreisjugendrings (KJR), nicht aus: Er möchte, dass Bürgerinnen und Bürger Demokratie erleben, also mitgestalten und sich selbstwirksam zu Themen einbringen können, die ihren Alltag prägen. Demokratie ist schließlich kein feststehendes Konzept, sondern ein Prinzip, das von der aktiven Bürgerbeteiligung lebt. Getreu des Prinzips, Demokratie erfahrbar zu machen, haben der KJR Freising und die Volkshochschule (VHS) Moosburg ein vielfältiges Programm für die Lange Nacht der Demokratie am Sonntag, 2. Oktober, zusammengestellt, zu der in 25 bayerischen Landkreisen ähnliche Veranstaltungen stattfinden.

Interaktive Diskussion um Pflichtdienst und Argumentationstraining gegen Verschwörungstheorien

Im Freisinger Lindenkeller können Interessierte von 18.30 Uhr an auf einem "Markt der Möglichkeiten" verschiedene Arten kennenlernen, sich aktiv gesellschaftlich zu beteiligen. Nach einem Grußwort von Landrat Helmut Petz folgen ein Poetry Slam sowie eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung für und gegen ein Pflichtdienstjahr. Das Thema hat der Arbeitskreis Jugendpolitik des KJR Freising eingebracht, da es besonders junge Menschen beschäftigt, die davon direkt betroffen wären, erläutert Martha Suda, die gemeinsam mit Knöpfle das Programm für Freising gestaltet. Um 22 Uhr beginnt ein Poetry Slam, wobei nicht nur etablierte Poetinnen und Poeten, sondern auch Unerfahrene ihre Beiträge zur Demokratie vortragen können.

Weiterhin finden in der Domberg-Akademie zwei Argumentationstrainings gegen Verschwörungstheorien statt, die Gründe für deren Entstehen sowie praktische Handlungsmöglichkeiten behandeln. Die VHS bietet einen Kochkurs, einen Vortrag zu interkulturellem Austausch und Plakatausstellungen zur Geschichte Bayerns sowie der Integration von Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg an. Um 19 Uhr liest Autor Navid Kermani in der Christi-Himmelfahrtskirche aus seinem Werk "Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen", das sich sehr persönlich mit Glauben und Religionen beschäftigt.

Lange Nacht der Demokratie: Bei der Langen Nacht der Demokratie 2021 gab es vielfältige künstlerische Ausstellungen. Damals hatte der Freisinger Treffpunkt Ehrenamt die Koordination übernommen. Dieses Jahr übernehmen der KJR Freising und die VHS Moosburg.

Bei der Langen Nacht der Demokratie 2021 gab es vielfältige künstlerische Ausstellungen. Damals hatte der Freisinger Treffpunkt Ehrenamt die Koordination übernommen. Dieses Jahr übernehmen der KJR Freising und die VHS Moosburg.

(Foto: Johannes Simon)

Gespräche mit Politikern und künstlerische Beiträge

Nadine Sukniak von der VHS Moosburg möchte, dass es kein Tag zum "Schulterklopfen" wird, sondern die Teilnehmenden kritisch bleiben und kontrovers diskutieren. Um 14 Uhr beginnt ein "Politiker-Speed-Dating", bei dem vorher angemeldete Bürgerinnen und Bürger persönlich mit Moosburger Stadträtinnen und Stadträten in wechselnden Gesprächskonstellationen über kommunalpolitische Fragen diskutieren können. Alle Stadtratsfraktionen sind vertreten, mit Ausnahme von CSU und AfD, die laut Sukniak mit Verweis auf Zeitgründe abgesagt hätten.

In der Stadtbibliothek Moosburg findet von 15 Uhr an eine interaktive Ausstellung zum Thema Freiheit statt, in der Anregungen der Besuchenden grafisch umgesetzt werden. Der Integrationsbeirat des Landkreises Freising, der sich kurz zuvor konstituiert, informiert über seine Tätigkeiten. Der Verein Stalag Moosburg präsentiert die Ausstellung "Unter Verdacht" über nach dem Kriegsende inhaftierte Nationalsozialisten sowie die Entnazifizierung und Demokratisierung durch die amerikanischen Befreier. Zudem wird in einem Ringgespräch diskutiert, wie mehr Demokratie umgesetzt werden könnte.

Künstlerische und kulturelle Beiträge nehmen großen Raum ein: Von einem Musiktheaterstück zur Partizipation von Menschen mit Migrationsgeschichte über das Kunstprojekt "Mare Nostrum", das Isarkiesel mit Namen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen beschriftet, bis hin zur abschließenden künstlerisch-musikalischen Darbietung um 18.30 Uhr, einer Wort-Bild-Ton-Installation mit experimentellem Jazz-Punk. Im Anschluss an das Moosburger Programm können Interessierte nach Freising fahren und dort an den Angeboten teilnehmen.

Das Programm soll aufrütteln und zum kritischen Denken anregen

Das Programm soll Kritik üben und aufrütteln, führt Sukniak aus: "Es darf sich auch einmal reiben, es ist nicht immer einfach!" Denn nur so könne sich die Demokratie gerade durch Kontroversen und unterschiedliche Vorstellungen weiterentwickeln. Suda weist darauf hin, dass im nächsten Jahr keine Lange Nacht der Demokratie seitens der Staatsregierung stattfinden wird - wie sie vermutet, aus Zurückhaltung wegen der Nähe zur Landtagswahl und um zu verhindern, dass die zivilgesellschaftlich getragene Veranstaltung parteipolitisch überlagert werde. Umso wichtiger ist den Organisierenden, die Lange Nacht der Demokratie 2022 zu einem vollen Erfolg zu machen.

Die Veranstaltenden haben Vorschläge, wie Demokratie auf institutioneller politischer Ebene gestärkt werden könnte: Sukniak plädiert für mehr Volksentscheide als Ergänzung zur repräsentativen Demokratie. Dem "Schimpfen auf die da oben" könne mehr eigene Beteiligung am politischen Prozess entgegenwirken. Knöpfle möchte, dass die politische und historische Bildungsarbeit "schulisch und außerschulisch nicht mehr zu kurz kommt" und mehr in den Lehrplänen über die reine Wissensvermittlung hinaus verankert wird, um die Möglichkeiten, politisch aktiv zu werden, zugänglicher zu machen. Suda sieht großes Potential in der Medienpädagogik, vor allem für junge Menschen als Zielgruppe - und diese erlebt sie grundsätzlich als "engagiert und motiviert", wenn es um die Demokratie geht.

Am Moosburger Politiker-Speed-Dating Interessierte können sich bis Freitag bei nadine.sukniak@vhs-moosburg.de anmelden. Für den Kochkurs sind noch Plätze frei. Tickets für Kermanis Lesung sind bei bildungswerk-freising.de erhältlich. Für alle übrigen Angebote ist keine Anmeldung notwendig.

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