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Landwirtschaft:Bio braucht Fingerspitzengefühl

Landwirt Josef Hanrieder (links) und sein Sohn Max haben sich von der konventionellen Landwirtschaft verabschiedet und den Betrieb auf Bio-Erzeugung umgestellt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit Sommer 2018 läuft bei dem Zollinger Landwirt Josef Hanrieder die Umstellung auf Bioanbau. Entscheidend für ihn ist die Aussicht, in Zukunft gesunde Produkte auf gesundem Boden herzustellen, für einen fairen Preis

Seine Pflanzenschutzspritze befüllte er nur noch mit einem schlechten Gefühl, der Umgang mit den Chemikalien hatte ihn immer mehr gestört und er wollte endlich wieder Produkte erzeugen, an denen die Verbraucher Freude hätten. Nach vielen Überlegungen wie diesen, Fortbildungen und Gesprächen hat der Zollinger Landwirt Josef Hanrieder im Sommer 2018 den Umstellungsvertrag auf Bio-Anbau für seinen 150 Hektar großen Betrieb unterzeichnet, der seit Generationen im Familienbesitz ist.

Seit dem Umstellungsbeginn herrscht auf dem Hof Aufbruchstimmung. Drei Jahre dauert es bis zur vollen Anerkennung, bis dahin kann der Landwirt seine Produkte nicht als Bioware verkaufen. Auch Hanrieders 20-jähriger Sohn Max, der dual an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Landwirtschaft studiert, sowie der 83-jährige Opa krempeln die Ärmel hoch, um den Betrieb grundlegend umzustrukturieren. Bisher wurden in den Ställen 1200 Schweine gemästet und das Futter für sie angebaut. Jetzt sind alle Tiere vom Hof, im Moment wird der Stall abgebaut und nur noch Ackerbau betrieben. Die Entscheidung, auf Bio umzusteigen, hat sich die Familie nicht leicht gemacht. Aber die Entwicklungen in der konventionellen Landwirtschaft, immer größer zu werden, wollte sie nicht mehr mitmachen und auch die Preise für ihre Schweine waren nicht mehr kostendeckend, schildert Hanrieder die Entwicklung.

Der Hof sei ein ganz normaler Familienbetrieb, bis 1974 gab es auch noch Milchkühe. Damals hätten ihnen die Berater empfohlen, die Kühe abzuschaffen und die Schweinemast zu vergrößern. Dies tat der Landwirt auch und baute einen Stall für 450 Tiere. Nach einigen Jahren, als der Verdienst abnahm, sagten die Berater, er solle seinen Bestand verdoppeln, dann verdiene er wieder besser. "Ich begann mich zu fragen, ob dieses stetige Wachsen noch Sinn macht", so Hanrieder. Sieben Metzger nahmen vor ein paar Jahren seine Schweine ab, schlachteten und verarbeiteten sie und bezahlten ihm einen guten Preis. Zuletzt gab es nur noch zwei von ihnen, die meisten Schweine lieferte er an den Groß-Schlachthof. Obwohl sie die Empfehlungen der Berater befolgt hätten, verdienten sie immer weniger. Es mache keinen Sinn, für den Weltmarkt zu produzieren. Besser sei ein Produkt, das vom Verbraucher geschätzt werde, begründet der Landwirt seine Entscheidung.

Als ersten Schritt nach der offiziellen Umstellung verkauften sie den großen Schlepper, der durch sein Gewicht den Boden stark verdichtet habe. Auch um den Aufbau einer Humusschicht in den Böden aus organischem, gut durchlüftetem Material, welches das Wasser und die Nährstoffe speichert, sowie um das Bodenleben kümmern sich die Landwirte jetzt intensiv.

Zu Gute komme ihnen, dass sie bereits seit acht Jahren ihre Äcker pfluglos und dadurch bodenschonend bearbeitet haben. Zwei neue, leichtere Traktoren wurden gekauft, sowie ein Unkrautstriegel und ein modernes Hackgerät, denn das Unkraut wird nun nicht mehr chemisch, sondern mechanisch entfernt. Dazu kam eine Einzelkornsähmaschine, die sehr exakt die Körner ablege, so dass sich das Unkraut leichter hacken lasse, berichtet Max Hanrieder. Auch die Düngung hat sich grundlegend verändert. In der Fruchtfolge werden nun auch Kleegrasgemisch und Ackerbohnen angebaut, die mit ihren Knöllchenbakterien an den Wurzeln den Luftstickstoff binden und im Boden verfügbar machen. Neben den Stickstoffbindern werden Mais, Soja, Winterweizen und Wintertriticale angebaut, einiges davon später als Biosaatgut vermarktet. Der Anbau wird so gestaltet, dass die Bodenoberfläche in Zukunft möglichst immer bedeckt ist, um Erosion zu verhindern.

Der Bioanbau verlange viel Fingerspitzengefühl und Können, sagen die beiden Landwirte. Es sei nun zum Beispiel nicht mehr möglich, wenn Unkraut wachse, einfach nochmals mit der Giftspritze über das Feld zu fahren. Auch in Sachen Düngung arbeiten sie jetzt mit der Natur, Mineraldünger kommt nicht mehr auf die Äcker, sondern höchstens elementarer Schwefel und Kalk.

Während des dreijährigen Umstellungsprozesses steht den Landwirten ein Berater des Naturland-Anbauverbands zur Seite. Nach der Anerkennung würden sie ihr Biogetreide und das Saatgut zu guten Preisen vermarkten können, sind sie überzeugt. Da sie über große Lagerhallen verfügen, können sie auch abwarten, bis die Preise wieder steigen und müssen nicht direkt nach der Ernte verkaufen. Auch in Sachen Agrarpolitik vertritt Hanrieder eine klare Linie. Das Volksbegehren für eine Veränderung in der Landwirtschaft, das der Bauernverband vehement ablehnte, findet er eine gute Sache und er hofft, dass sich die Verbraucher endlich bewusst werden, welche Macht sie durch ihr Kaufverhalten haben. Sie müssten zwar tiefer in den Geldbeutel greifen, aber Qualität und Naturschutz hätten ihren Preis, sagt er. Und was tut er selbst auf seinem Hof für die Bienen? Da fällt dem Landwirt das neue Mähwerk ein, dass das Gras nicht mehr abschlägt, sondern richtig schneidet und damit die Insekten auf seinen Wiesen verschont.