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Landschaftspflegeverband:Leicht und geländegängig

Moor-Schützer im praktischen Einsatz: Die drei Murnau-Werdenfelser-Rinder von Evi und Martin Bartl (hinten v. l.) beweiden eine 2,3 Hektar große Fläche im Freisinger Moos.

(Foto: Marco Einfeldt)

Drei Rinder der robusten Rasse Murnau-Werdenfelser beweiden seit ein paar Wochen eine Fläche im Freisinger Moos. Die Tiere sollen bei diesem Pilotprojekt das Moor schützen und sind dabei viel effektiver als etwa Bagger

Von Petra Schnirch, Freising

Es ist ein Pilotprojekt, das Schule machen soll: Drei Rinder beweiden zum Schutz des Moores seit mehreren Wochen eine 2,3 Hektar große Fläche im Freisinger Moos. Sie verhindern so, dass diese zuwuchert. Über die neue Online-Plattform Agro-Natura hat der Landschaftspflegeverband Freising einen Sponsor für das Vorhaben gefunden, die Firma ISCC (International Sustainability & Carbon Certification) System GmbH. Die Mehrkosten, die bei einer extensiven Beweidung entstehen, können mithilfe dieser Unterstützung ausgeglichen werden. Eine kleine Tafel weist seit Dienstag auf das Projekt hin.

Zunächst beäugen die brauen Tiere der alten, robusten Rinderrasse Murnau-Werdenfelser die Besuchergruppe neugierig, die sich an der Moosach mitten im Freisinger Moos eingefunden hat. Dann tun sie wieder das, wofür sie hier sind: grasen. Sie gehören dem auf Beweidung spezialisierten Landwirt Martin Bartl aus Sünzhausen, sein Vater hatte vor etwa 40 Jahren damit in der Region wieder begonnen. Vor hundert Jahren war diese Art der Landschaftspflege bis ins Dachauer Moos hinein weitverbreitet, schildert Matthias Maino, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands. "Auf dieser kleinen Fläche versuchen wir das wieder nachzubauen."

Bartl bückt sich und deutet auf Triebe der Silberweide, die überall aus dem Boden kommen. Zudem sprießt auf dem Grundstück, das dem Wasserwirtschaftsamt gehört, an vielen Stellen die Goldrute, ein Neophyt. Würden sie nicht zurückgedrängt, würde bald ein kleiner Wald entstehen, feuchte Senken und Tümpel würden verlanden, wie Maino erklärt. Viele Pflanzenarten, aber auch Insekten und Wiesenbrüter verlören ihren Lebensraum. Die Rinder erledigten die Landschaftspflege im Moos viel effektiver, als das durch "Handarbeit und Bagger" möglich sei. Erste Erfolge zeigen sich bereits.

Die Fläche mit Magerrasen, Moorboden und einem kleinen Birkenwald war früher zur Pflege gemäht worden. Nur durch Einsaaten und Mäh-Aktionen gelinge es aber nicht, die Artenvielfalt zu erhalten, nach einigen Jahren seien viele der Pflanzen verschwunden, sagt Maino. Die Murnau-Werdenfelser-Rinder seien leicht und geländegängig, erklärt Bartl. Deshalb seien sie für die Beweidung gut geeignet, im Murnauer Moos seien sie schon immer. In Bayern gebe es nur noch weniger als hundert Tiere.

Auch ein solches Projekt mit relativ anspruchslosen Rindern kostet jedoch Geld, beispielsweise für den Zaun. Über den neuen Online-Marktplatz suchten die Freisinger nach einem Partner, um starten zu können. Die ISCC System GmbH mit Sitz in Köln, die ein Zertifizierungssystem für nachhaltige Lieferketten betreibt, sprang ein und sagte 5000 Euro zu. Über Klimaschutz werde viel geredet, sagt Geschäftsführer Norbert Schmitz, in der Praxis aber werde wenig umgesetzt, deshalb wolle sich sein Unternehmen hier engagieren. Auch er ist zur Vorstellung des Vorhabens nach Freising gekommen.

Ziel ist zum einen, fundierte Zahlen zu erhalten, wie sich eine solche Beweidung auswirkt. Die Betreuung sei deshalb sehr aufwendig, schildert Bartl. Auch die Untere Naturschutzbehörde beobachtet das Projekt mit Interesse. "Es muss uns ein Anliegen sein, das Moos hier zu erhalten", sagt Freisings Zweite Bürgermeisterin Eva Bönig (Grüne). Sie sei "dankbar, wenn sich Leute darauf einlassen". Auf der anderen Seite der Autobahn sei das Moos bereits "völlig zerstört".

Wenn sich das Projekt weiterhin positiv entwickelt, könnte es richtungsweisend sein, meint Martin Bartl. Wichtig sei eine Biotopvernetzung, die vielerorts nicht mehr gegeben sei. Auch da seien die Tiere von Nutzen. Man habe nachgewiesen, dass ein Schaf bis zu 150 verschiedene Pflanzensamen in seiner Wolle transportiere. Über Fell und Kot könnten diese zu einer Weiterverbreitung beitragen, auch wenn kein Biotop-Korridor vorhanden sei. Die ersten positive Erkenntnisse sieht er als "Antrieb" weiterzumachen.

© SZ vom 19.08.2020
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