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Landkreis Freising:Ein Windrad ist genug

An 16 Standorten im Landkreis Freising könnten Windräder aufgestellt werden - das sagt ein Gutachten. Doch das sehen nicht alle so.

"Der Wind weht, wo er will". So steht es im Johannesevangelium. Und ergänzend ist hinzuzufügen, dass er auch weht, wann er will. Während der Informationsfahrt des Landkreises zu Windkraftanlagen in der näheren Umgebung zeigt sich das luftige Element ganz von der launischen Seite: Es regt sich nämlich bei brütender Hitze kaum ein Lüftchen. Die Räder in Sünzhausen an der Landkreisgrenze zu Pfaffenhofen und in Rennertshofen bei Neuburg/Donau drehen sich nur träge. Kein Flappen der Propeller oder gar ein peitschender Knall sind zu hören. Dafür bläst den Reisenden in Sachen Windkraft gleich bei der ersten Station ein gehöriger Gegenwind um die Nasen.

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An 16 Standorten im Landkreis Freising könnten Windräder aufgestellt werden, sagt ein Gutachten von Ingenieur Günter Beermann. Doch das sehen nicht alle so.

(Foto: dpa)

Landrat Michael Schwaiger vergewissert sich bei der Abfahrt zunächst, dass auch jeder im richtigen Bus sitzt. Anlass zur Verwechslung besteht durchaus, denn die CSU-Senioren hatten einen Ausflug nach Mauern anberaumt und deren Bus parkt direkt hinter dem des Landratsamts. Dann kündigt der Landrat an, dass Gegner von Windkraftanlagen aus den Ortschaften Sünzhausen und Hemhausen "eine kleine Demo" vorbereitet haben. "Wir müssen schauen, was da auf uns zukommt", sagt Michael Schwaiger.

Tatsächlich wartet an der Landkreisgrenze bei Sünzhausen ein Trüppchen Demonstranten auf die Bürgermeister, Verwaltungsangestellten und Ingenieur Günter Beermann. Der hatte für den Landkreis Freising ein Gutachten erstellt und 16 Standorte aufgelistet, an denen die Nutzung der Windkraft prinzipiell möglich wäre. "Da hört man ja gar nichts. Da ist ja der Bus lauter", sagt ein Teilnehmer der Informationsfahrt, während er den Kopf gen Himmel streckt und einen prüfenden Blick auf den Propeller wirft. Währenddessen recken die Aktivisten den Ankömmlingen Schilder entgegen. Darauf steht geschrieben, dass sie größere Abstände zu ihren Häusern fordern und den Wertverlust ihrer Immobilien befürchten. "Ein Windrad ist genug. Schluss mit dem Windrad-Marathon", fordert ein Verfasser. "Das ist ein neues Gefühl", bekennt Kreisrat Michael Stanglmaier (Grüne). "Diesmal stehe ich nicht auf Seiten der Demonstranten."

Es drängt sich der Eindruck auf, dass eine Verwechslung vorliegt. Die Demonstranten sind scheinbar der Ansicht, dass der Bau neuer Windräder im Dunstkreis ihrer Dörfer bereits beschlossene Sache ist. Sie fürchten eine regelrechte Umzingelung. "Das Gutachten sorgt für Unruhe", betont der Auer Marktrat Sebastian Kaindl. Er verweist auf den Schattenschlag, der die Wohnqualität mindert. Außerdem sieht er den Ort Hemhausen von der Bebauung her in seiner künftigen Entwicklung eingeschränkt.Landrat Schwaiger betont dagegen, dass es im Gutachten nur darum gehe, theoretische Standorte für Windräder festzulegen.

"Er zeigt ja nur Alternativen auf"

Ingenieur Beermann steht ihm mit Argumenten zur Seite. "Es zeigt ja nur Alternativen auf", bekräftigt er und verweist auf eine Vorschrift. Nach dieser darf auf ein Haus pro Tag nur maximal 30 Minuten, pro Jahr 30 Stunden der Schatten einer Windkraftanlage fallen. Dies sei ein astronomisch hoher Wert, der in der Praxis kaum erreicht werde. Schließlich scheint die Sonne nicht jeden Tag so intensiv wie momentan. Eine "Schattenabschaltung", erklärt Beermann, sorge dafür, dass dieser Wert nicht überschritten werde.

Kaindl ergänzt, dass der Schlaf der Hemhausener des nachts durch Geräusche von der Windkraftanlage gestört werde. Beermann kontert, dass der Lärm unter dem zulässigen Grenzwert liege. "Das ist ein subjektives Empfinden", stellt der Ingenieur fest. "Wir halten uns aber an objektive Messgrößen." Der Hallbergmooser Bürgermeister Klaus Stallmeister möchte mit den Problemen der Hemhausener gerne tauschen. "Ihr bekommt's den Flughafen und wir die Windräder", schlägt er vor. Der verbale Schlagabtausch wird mit zunehmender Dauer immer emotionaler. Landrat Schwaiger stellt schließlich fest: "Das Windrad produziert auch Strom, wenn ich mich nicht täusche." Den wolle jeder haben, es sei nun genug des Negativen gesagt. Beermann klärt auf, dass das Sünzhausener Windrad je nach Art der Berechnung 600 bis 2500 Haushalte mit Energie versorgen könne.

Landrat Schwaiger verweist auf das ehrgeizige Ziel der Energiewende bis zum Jahr 2035, das sich der Landkreis gesetzt hat. "Wir sind auf der Suche nach einem alternativen Mix", sagt er. Eine Komponente, die in der regenerativen Energiegewinnung eine Rolle spielen könnte, sei die Windenergie. "Wenn wir sagen würden, wir bauen jetzt ein Atomkraftwerk, dann will das ja auch keiner haben", stellt er fest.

Vergleichsweise unspektakulär verlief die Besichtigung der Anlage in Ammersfeld bei Rennertshofen. Sie ist 183 Meter hoch und eine der modernsten in Bayern. Besitzer Herbert Kugler ist Windkraft-Pionier und betreibt insgesamt sieben Anlagen. Im Ammersfelder Windrad ist eine Dokumentation zu besichtigen.