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Ausbildungsmarkt:"Viele junge Leute verheizen sich selbst"

Harald Brandmaier kennt noch die Zeiten, als die Arbeitsvermittler im Außendienst den Betrieben hinterher gelaufen sind und gebettelt haben, dass sie einen Auszubildenden nehmen. Das ist jetzt anders.

(Foto: Marco Einfeldt)

Berufsberater Harald Brandmaier sieht den Trend zu weiterführenden Schulen kritisch und wünscht sich mehr Wertschätzung für Menschen mit einer Ausbildung. Die Mittelschulen dürfen nicht zu Restschulen verkommen.

Harald Brandmaier kennt den Ausbildungsmarkt in der Region wie kaum ein anderer. Seit 15 Jahren ist der Hallbergmooser in der Agentur für Arbeit als Teamleiter für die vier Landkreise Freising, Dachau, Ebersberg und Erding zuständig. Zuvor hat er als Berufsberater jahrelang selbst viele Gespräche mit Jugendlichen und Arbeitgebern geführt. Die SZ Freising sprach mit ihm über Chancen und aktuelle Probleme.

SZ: Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es mehr Stellen als Bewerber - ein Traum für jeden Berufsberater, oder?

Brandmaier: Grundsätzlich ja. Allerdings ist die Auswahl sehr groß für die jungen Leute und die Entscheidungsfindung damit zum Teil schwierig. Dass die Betriebe nicht zufrieden sind, ist klar, sie können ihre Stellen teilweise nicht besetzen.

War es für die Jugendlichen früher schwieriger, eine Lehrstelle zu finden?

Ich kenne noch Zeiten, als wir im Außendienst den Betrieben hinterher gelaufen sind und gebettelt haben, dass sie einen Auszubildenden nehmen. Noch in den Neunzigerjahren war das ein Problem.

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Was hat sich geändert? Hat die Wirtschaft so stark angezogen?

Eine Rolle spielt: Die Betriebe wollen gerne ausbilden, weil sie auf diese Weise vielleicht Fachkräfte an sich binden können. Außerdem gehen viele Jugendliche auf weiterführende Schulen und sind für eine Ausbildung zunächst einmal verloren. Ich habe aber den Eindruck, dass mittlerweile auch ein Teil der jungen Leute, die von den Fachoberschulen oder den Gymnasien kommen, in eine Ausbildung geht.

Worauf führen Sie diesen Trend zu weiterführenden Schulen zurück?

Für viele Eltern ist das Thema: Ihr Kind soll es einmal besser haben. Sie haben einen ganz entscheidenden Einfluss und - ich würde sogar einen Schritt weitergehen - auch die gesamte Gesellschaft. Die Anerkennung für Akademiker ist deutlich höher. Wir müssen dahin kommen, dass Menschen mit einer Ausbildung wieder mehr wertgeschätzt werden.

Liegt dieser Trend nicht auch an den schlechteren Verdienstmöglichkeiten nach einer Ausbildung im Vergleich zu Studienabsolventen?

Das stimmt sicherlich zum Teil. Wir brauchen natürlich auch die Akademiker: Ingenieure, Informatiker, Ärzte, Zahnärzte. Gerade an den philosophischen Fakultäten aber werden mehr Leute ausgebildet, als auf dem Markt in diesem Bereich Fuß fassen können. Es gibt genügend Akademiker, die ihren Lebensunterhalt anderweitig bestreiten müssen. Ein Problem ist auch, dass ein gewisser Teil während des Studiums scheitert. Es gibt Statistiken, dass ungefähr ein Drittel derjenigen, die auf eine Universität gehen, diese nicht erfolgreich beenden. Es gibt also eine ganze Reihe junger Leute, die sich selbst an Hochschulen oder im Bildungssystem verheizen, weil sie dem nicht gewachsen sind. Sie kommen dort frustriert und manchmal auch angeschlagen raus. Ihnen wäre mehr geholfen, wenn sie zunächst den Weg über eine Ausbildung gehen würden. Anschließend gibt es viele, viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Da ist mancher, der mehr verdient als ein Akademiker.

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Müsste sich dafür nicht das Image der Mittelschule verbessern?

Das ist ein schwieriges Thema, weil es eine politische Komponente beinhaltet. Ich denke, wenn es sich so weiter entwickelt, wie wir das momentan beobachten können, werden die Mittelschulen immer mehr zu Restschulen werden und das kann niemand wollen. Wir haben Übertrittsquoten nach der vierten Klasse von bis zu 70 Prozent auf Gymnasien oder Realschulen. Das Verhältnis sollte irgendwo ausgewogen sein. Selbst mit qualifizierendem Mittelschulabschluss ist es heute schwierig, in kaufmännische Berufe zu kommen. Die Anforderungen der Betriebe steigen mit. Das bedeutet, dass am Ende der Kette ein Schulabschluss steht, der nicht mehr so viel wert ist. Es wird schwierig sein, diese Entwicklung umzukehren. Aber das heißt ja nicht, dass man es nicht versuchen könnte.

Gerade in städtischen Mittelschulen gibt es aber auch etliche Problemschüler.

Es hat schon immer Schüler gegeben, die sich nicht so leicht tun, die im Verhalten gewisse Probleme zeigen. Das ist kein Produkt unserer Zeit. Nur, vielleicht wurden die früher vom System besser mitgenommen. Ich denke, die Ausgrenzung nimmt zu. Man spricht ständig von Inklusion - auch in diesem Bereich bräuchten wir mehr Inklusion im Sinne einer Mitnahme der jungen Leute. Manche entpuppen sich später in den Betrieben als richtig gute Mitarbeiter, weil sie das tun können, was sie können: das Praktische. Junge Leute, die an der Schule nicht die Olympioniken waren, blühen in der Ausbildung manchmal auf, weil sie Erfolgserlebnisse haben.

Es gibt immer ein gewisse Zahl Jugendlicher, die keine Lehrstelle finden. Was läuft da schief?

Es gibt Jugendliche, die sich nicht ausreichend orientiert haben. Da kann man relativ schnell etwas tun. Andere sind einfach noch nicht so weit von der körperlichen oder intellektuellen Entwicklung her. Ein Problem ist, wenn Jugendliche sich nicht helfen lassen wollen. An sie kommen wir ganz schwer heran. Das Netzwerk mit unseren Partnern ist da ganz wichtig, etwa den Jugendämtern, den Schulämtern, um möglichst viele Jugendliche zu erreichen. Das gelingt in einem hohen Maß, aber nicht bei allen.

Sind die Angebote für diesen Personenkreis mehr geworden?

Ja. Es ist schon fast ein Maximum an Angeboten. Das heißt aber nicht, dass man da nicht noch nachschärfen könnte. Aber das setzt halt immer voraus, dass der junge Mensch - und dessen Eltern - diese Unterstützung suchen und auch in Anspruch nehmen.

Gelingt es auch, junge Asylbewerber für Ausbildungen zu vermitteln?

Ja, ein nicht unerheblicher Teil kann relativ bald in die Ausbildung gehen oder in eine qualifizierte Helfertätigkeit, wenn sie die Ausbildung nicht erfolgreich absolvieren können. Das größte Hindernis sind die Sprachbarrieren. Wenn die weitgehend abgebaut sind, gelingt es in vielen Fällen. Gerade junge Leute mit Fluchthintergrund sind oft sehr motiviert.

Nehmen Sie schwierige Fälle gedanklich manchmal mit nach Hause?

Man kann es nicht zu hundert Prozent abschütteln, gerade wenn es besondere Fälle sind. Aber man muss schon versuchen, das weitgehend auszublenden, sonst hätte man keine Erholungsphasen und irgendwann wäre man kein guter Berater mehr. Gute Beratung bedeutet Objektivität und das beinhaltet vernünftige Distanz. Dennoch muss ein Berater empathisch sein.

Was machen Sie persönlich, um abzuschalten?

Ich bin ein begeisterter Waldarbeiter. Ich mache mein Brennholz selber, das ist eine Herausforderung und ein Ausgleich. Ich bin gerne draußen in der Natur. Es gibt in Japan den Begriff des Waldbadens. Das habe ich schon vor vielen Jahren entdeckt. Ansonsten spiele ich sehr gerne Karten, Schafkopfen, wie es sich für einen Bayern gehört. Das mache ich mit Leidenschaft - seit über 25 Jahren in der selben Runde.

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