Kunststoff-Spielzeug Warum neue Spielsachen aus Kunststoff stinken

Die Untersuchung unangenehmer Kunststoff-Ausdünstungen ist noch Neuland. Das Fraunhofer-Team um Andrea Büttner(Foto) kann in Freising auf moderne Analyse-Geräte zurückgreifen.

(Foto: Marco Einfeldt)
  • Das Freisinger Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung untersucht Spielzeuge aus Plastik auf Schadstoffe.
  • Der oft strenge Geruch ist ein Indiz dafür, dass die Produkte nicht gut für die Gesundheit sind.
  • Die Experten finden bei ihren Analysen immer wieder Substanzen, die bislang unbekannt sind.
Von Petra Schnirch, Freising

Vorsichtig schlägt Andrea Büttner die Alufolie zurück. Optisch machen die kleinen Schwerter einiges her. Knauf und Scheide sind bunt verziert, die meisten Kinder würden wohl sofort zugreifen, um sich in kleine Ritter zu verwandeln. Doch ihren eigenen würde die Wissenschaftlerin das Spielzeug nicht in die Hand geben. Denn da ist dieser strenge Geruch - und der ist nicht nur extrem unangenehm, sondern ein Warnsignal dafür, dass die Kunststoffschwerter, darunter sind auch Markenprodukte, Schadstoffe enthalten könnten.

Mehrere Studien des Freisinger Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung bestätigen dies und geben Anlass zur Sorge. Die Sensorik-Forscher um Andrea Büttner und ihren Mitarbeiter Christoph Wiedmer haben in aufwendigen Tests herausgefunden, dass die Schadstoffbelastung in übel riechenden Produkten oft sehr hoch ist. "Das ist schon eine auffällige Korrelation", sagt Büttner. In Schwimmflügeln beispielsweise entdeckten sie Isophoron, die Lösungsmittelreste können, je nach Dosis, krebserregend sein.

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Seit Mitte 2015 untersucht das Fraunhofer-Institut im Auftrag des bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz unterschiedliche Spielwaren. Die ersten beiden Teile der Studie zu Schwimmflügeln und Wasserbällen sowie Accessoires eines Faschingskostüms sind in den Fachzeitschriften Analytical and Bioanalytical Chemistry und Scientific Reports bereits veröffentlicht, ein dritter zu den Kunststoff-Schwertern folgt Mitte des Jahres. Dann läuft auch die Förderung des Projekts aus. Büttner hofft, dass es fortgesetzt werden kann, denn obwohl das Thema aus Verbraucher-Sicht sehr wichtig ist, gab es dazu bisher keine wissenschaftlichen Arbeiten - sie habe es selbst kaum glauben können, sagt Büttner.

Entsprechend groß ist das Medienecho auf die Spielzeug-Analysen. Weltweit - von Großbritannien und Irland über Indien, Pakistan und die USA - ist darüber berichtet worden. Einer der Gründe dafür, dass die Fraunhofer-Wissenschaftler Neuland betreten mussten, dürfte, neben der schieren Masse der Produkte auf einem globalisierten Spielzeug-Markt, an dem aufwendigen Analyseverfahren liegen. "Wir finden ständig neue Moleküle, die noch gar nicht beschrieben sind", schildert Büttner. Dass viele davon nicht unbedenklich sind, könne man oft nur vermuten. Weitere Untersuchungen seien dringend erforderlich.

Das Freisinger Institut an der Giggenhauser Straße ist dafür prädestiniert. Büttner und ihre Kollegen sind nicht nur sensorisch geschult und können sowohl Fehlaromen als auch Ähnlichkeiten mit anderen Stoffen feststellen - um in detektivischer Kleinarbeit den neuen Verbindungen auf die Spur zu kommen. Auch ein Repertoire an modernen Analysegeräten steht ihnen zur Verfügung, mit denen man direkt die ausgasenden Substanzen aus einem Produkt in Echtzeit messen kann. Das Gerät schnüffelt gewissermaßen daran - so wie es auch Kinder tun würden. Diese Apparate seien sehr teuer und bedürften speziell trainierter Experten, sagt die Aromaforscherin. Die amtliche Überwachung könne das nicht leisten.

Rohstoffe können untereinander reagieren

Das Schlüsselproblem für die Wissenschaftler ist die Komplexität des Themas, wie Büttner erklärt. Rohstoffe, Farbstoffe und Weichmacher können untereinander reagieren. Schon beim Herstellungsprozess - oftmals in Billiglohnländern - können Fehler entstehen, etwa verunreinigte Pigmente. Bei der Kontrolle von Kunststoffartikeln sieht Andrea Büttner dringenden Handlungsbedarf. Nicht nur viele Spielsachen halten die Forscher für bedenklich, sondern auch andere übel riechende Kunststoff-Produkte wie Yogamatten, Sporttrinkflaschen oder Kopfhörer.

Etwa 50 Produkte haben die Fraunhofer-Forscher für ihr Projekt untersucht. Es sollte unbedingt weiterlaufen, sagt Büttner. "Wir haben gerade erst in ein Wespennest hineingestochen." Sie treibt nicht nur um, dass sich der Verbraucher womöglich gefährliche Produkte ins Haus holt. Auch die Mitarbeiter in Produktion, Vertrieb und Handel seien regelmäßig größeren Mengen ausgesetzt. "Das sollte man genau anschauen." Reagieren sollten aber auch die Kunden, rät die Wissenschaftlerin. Sie sollten übel riechende Produkte zurück in die Läden bringen, das Bewusstsein, dass die Erwerbungen schädlich sein können, müsse gefördert werden.

Aroma- und Geruchsforschung

Lebensmittelchemikerin Andrea Büttner hat sich auf die Aroma- und Geruchsforschung spezialisiert. Seit 2007 arbeitet die 45-jährige Münchnerin am Fraunhofer-Institut, seit Anfang 2017 ist sie stellvertretende Institutsleiterin. Außerdem hat Andrea Büttner eine Professur für Aromaforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg inne.

Eines der Schwerpunktthemen der Fraunhofer-Forscher in Freising ist der Lebensmittelsektor, inklusive Verpackungsmaterialien. Das Team um Andrea Büttner befasst sich aber auch mit Non-Food-Themen, "mit den Gerüchen einer modernen Welt". Und dazu gehören nun einmal Plastik, Papier und Farben. Auch dem bekannten, aber weitgehend unerforschten Holzgeruch kam Büttners Team mit analytischen und humansensorischen Methoden auf die Spur. Ziel dabei ist, Fehlgerüche bei der Verarbeitung und Behandlung von Holz zu verringern oder ganz zu vermeiden. Eine erste Studie zum Zedernholzgeruch wurde in den vergangenen Tagen veröffentlicht, weitere Publikationen sind eingereicht beziehungsweise in Vorbereitung. psc

Nächster Schritt müsse eine toxikologische Bewertung der bisher unbekannten Substanzen sein, die bei der Untersuchung entdeckt wurden, sagt Büttner. Außerdem müsse künftig stärker darauf geachtet werden, wie Gerüche als solche Menschen negativ beeinflussen, das sei ein zu wenig beachtetes Thema. "In unseren sensorischen Prüfungen stellen wir immer mal wieder fest, dass selbst das kurze Riechen an solchen handelsüblichen Produkten zu Stechen und Brennen in den Augen, Schwindel und Kopfschmerz führt", erklärt Büttner.

Welche Gefahren gehen von den Stoffen aus?

"Wenn ich von solchen Effekten berichte, ist meist nur die Gegenfrage: Und, ist es krebserregend?". Büttner hält es für bedenklich, dass andere physiologische Effekte nicht ernst genommen werden. "Schließlich wird unser Körper uns nicht ohne Grund mit solchen Signalen warnen." Man sollte künftig mehr Bewusstsein dafür entwickeln, dass eine potenzielle Krebsgefahr nicht das einzige Risiko sei, dem Menschen ausgesetzt sein können.

In jedem Fall seien neue Wege im Umgang mit derartigen Substanzen und der Vielzahl von Produkten erforderlich. Eine Fraunhofer-Strategie sei hier die Entwicklung entsprechender Sensor- und Messsysteme, die möglichst kostengünstig und auch dezentral die Behörden unterstützen sollen. "Es muss Möglichkeiten geben, vor Ort schnell zumindest einen ersten Eindruck zu bekommen, ob ein Problemfall vorliegt." Erst wenn uns "keine solchen Problemfälle mehr durch die Lappen gehen, wird sich von Seiten der Anbieter ein besseres Problembewusstsein durchsetzen".

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