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Praktische Übung für Azubis:Großalarm im Kranzberger Forst

Franziska Dengler, die im fünften Semester Forstingenieurwesen studiert, simuliert ein Unfallopfer.

(Foto: Marco Einfeldt)

Am Donnerstag trainieren Forststudenten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, angehende Notfallsanitäter und die Feuerwehr, was bei Unfällen im Wald zu tun ist. Der ernste Hintergrund: Die Zahl der Verunglückten bei Fällarbeiten hat massiv zugenommen.

Dutzende Einsatzkräfte, Feuerwehrfahrzeuge, Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn - so mancher Autofahrer, der am Donnerstag auf der Staatsstraße auf Höhe des Weltwalds unterwegs war, wird sich erschrocken gefragt haben, was dort wohl passiert sein mag. Unglück gab es zum Glück keines, dafür vier sehr realitätsnahe Szenarien, mit denen Studenten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) und angehende Rettungssanitäter geübt haben, wie man bei einem Forst-Unfall schnell Hilfe leistet.

Am Vormittag legt Franziska Dengler im Kranzberger Forst einen fast bühnenreifen Auftritt hin. In einem kleinen Bauwagen ist sie zuvor aufwendig geschminkt worden. Die Hose unterhalb des Knies ist blutrot verfärbt, ebenso der Unterschenkel, Knochenteile kommen zum Vorschein. Puder sorgt für die nötige Blässe im Gesicht, unechte Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn. Denn Dengler, die im fünften Semester Forstingenieurwesen studiert, simuliert ein Unfallopfer. Der Fuß der "Waldarbeiterin" ist unter einen Baumstamm geraten, den sie mit Schlepper und Seilwinde herausziehen wollte, der sich aber gedreht hat. Die junge Frau schreit vor Schmerzen und alarmiert ihre Kollegen, alles ist so täuschend echt, dass einer Zuschauerin sogar etwas schwummerig wird.

Während der Erstversorgung muss die Feuerwehr den Baum zersägen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Es ist die erste große Übung dieser Art an der HSWT für die Forststudenten, die Dozent Florian Rauschmayr initiiert hat - und sie soll nun jährlich wiederholt werden. Denn die Unfallzahlen bei Waldarbeiten sind in den vergangenen drei Jahren enorm gestiegen. 5500 Personen, etwa 20 Prozent mehr als noch vor wenigen Jahren, sind 2019 laut Bernd Mazzolini von der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft verunglückt, 24 davon tödlich. Im langjährigen Durchschnitt seien es vier, schildert er. Leider seien die gewählten Szenarien so auch alle in der Realität passiert, sagt Rauschmayr.

Dass Waldarbeit gefährlicher wird, liegt auch am Klimawandel. Schwache Bäume brechen leicht

Zurück zur Übung mit der eingeklemmten Waldarbeiterin: Die hat mittlerweile ihre Kollegen - ihre Kommilitonen Barbara Keil und Daniel Messingschlager - per Funk alarmiert, die zurück zur Unglücksstelle laufen. Während Keil zum Rettungspunkt "FS 10-35" am Parkplatz bei Oberberghausen eilt und den Revierleiter verständigt, bleibt Messingschlager bei der Verunglückten, setzt den Notruf an die Einsatzleitstelle ab, legt der vor Schmerzen schreienden jungen Frau eine Rettungsdecke um die Schultern, redet ihr gut zu, schneidet die Hose auf und verbindet die Wunde.

Der umgefallene Baum hat Denglers Fuß schwer erwischt, sodass die Einsatzkräfte sie mit der Trage abtransportieren.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nach wenigen Minuten treffen die Sanitäter ein, dann Notarzt und Feuerwehr. Während die Feuerwehr den Baumstamm zersägt, um das Unfallopfer zu befreien, und den Weg zur Forststraße frei schneidet, erfolgt die Erstversorgung. Schließlich wird Franziska Dengler auf einer Trage zum Rettungswagen transportiert. Alles hat gut geklappt, bei der kurzen Nachbesprechung gibt es viel Beifall für alle Beteiligten. Dengler gesteht dabei, dass sie ganz schön aufgeregt und gestresst gewesen sei. Sie hätte nicht gedacht, dass dies auch bei einer Übung der Fall sei.

Dass die Waldarbeit immer gefährlicher wird, führt Florian Rauschmayr auf die Veränderungen durch den Klimawandel zurück. In den vergangenen Jahren haben schwere Stürme und Trockenheit den Wäldern zugesetzt. Bei geschwächten Bäumen hat anschließend der Borkenkäfer ein leichtes Spiel, befallene Stämme müssen gefällt und aus dem Wald gebracht werden. Sind die Kronen jedoch geschädigt oder bereits abgestorben, können sie beim Fällen abbrechen, wie Rauschmayr erklärt - mit zum Teil dramatischen Folgen. Falle ein nur ein Kilogramm schwerer Ast aus 15 Meter Höhe auf eine Waage, zeige diese 800 Kilogramm an, "das ist eine unglaubliche Energie", sagt Bernd Mazzolini.

104 Studierende und 24 Schüler der Rettungsdienstschule in München beteiligten sich

Zwei weitere Szenarien geben deshalb an diesem Tag vor, dass ein Waldarbeiter von einer Krone getroffen wird, obwohl er noch versucht wegzulaufen. Er muss reanimiert werden. Ein weiterer wird im Fahrerhaus des Traktors durch eine herabstürzende Krone eingeklemmt. "Die Studenten werden es mit solchen Szenarien leider zu tun bekommen", sagt Rauschmayr, deshalb sei es wichtig, dass die Rettungskette funktioniert. Es sei wichtig, der Einsatzleitstelle sofort zu melden, dass das Unfallopfer eingeklemmt ist, weil in diesem Fall die Feuerwehr gleich mit alarmiert wird.

Das Interesse an der für die Studenten freiwilligen Übung war riesengroß. 104 Studierende beteiligten sich, auch 24 junge Leute von der Rettungsdienstschule in München waren dabei. Eine Schülerin fand es "richtig cool", dass nur Azubis mitwirkten. Eingebunden waren auch die Werkfeuerwehr der TU München, die Bayerischen Staatsforsten und die Aicher Ambulanz Union München.

Gefragt sei auch die Forschung durch die Entwicklung neuer Techniken, als Beispiel nannte er ferngesteuerter Fällkeile, sagt Rauschmayr. Allerdings stehe man noch am Anfang. Ein großes Problem sei zudem, dass viele Unfälle private Waldbesitzer betreffen. Nach Angaben des Forstministeriums sind dies in Bayern etwa 700 000 Personen. Nicht alle aber sehen laut Mazzolini die Notwendigkeit, sich entsprechend schulen zu lassen.

© SZ vom 17.01.2020

Nach wenigen Minuten treffen erst die Sanitäter ein, dann Notarzt und Feuerwehr.

(Foto: Marco Einfeldt)
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