Im Freisinger Klinikum ist die Patientenkommunikation modernisiert worden, Anlass ist ein Provider-Wechsel. An allen Betten wurden die Telefongeräte durch Multimedia-Monitore ersetzt. Doch wo die einen große Fortschritte sehen, erfahren die anderen Überforderung. Besonders älteren Patienten und Patientinnen bereitet die Neuerung Probleme.
„Die neuen Monitore haben verschiedene Funktionen wie Radio und Fernsehen, Zugang zum Internet und eine Telefon-Funktion“, berichtet Pressesprecher des Klinikums, Sascha Alexander nicht ohne Stolz. Zur Nutzung würden die Patienten mit Headset und Mikrofon ausgestattet. Sie zahlen dafür eine Pauschale von zehn Euro für sieben Tage. Die Abrechnung solle jetzt einfacher ablaufen, „die Patienten müssen einfach den QR-Code scannen“, so Alexander. Doch wissen viele ältere Patienten überhaupt, was ein QR-Code ist und wie sie ihn nutzen können?
Gertraud Pötsch, Leiterin des Cafés Malta, das Demenzerkrankte und ihre Angehörigen betreut, hat da ihre Zweifel. „Die meisten wissen nicht, was ein QR-Code ist und bräuchten dafür auch eine App.“ Ihre Gäste, die leicht bis leicht fortgeschritten an Demenz erkrankt sind, könnten zu 80 Prozent nicht mit neuen Medien umgehen. Das Café Malta kontaktierten sie oder ihre Ehepartner telefonisch, per Post oder gar über die Enkelkinder.
Ein über 80-jähriger Patient der Akutgeriatrie im Klinikum Freising habe große Schwierigkeiten gehabt, den modernen Touch-Screen zu bedienen und seine Angehörigen zu erreichen. „In der Akutgeriatrie ist es natürlich speziell. Ältere Menschen brauchen schon eine Anleitung“, räumt Sascha Alexander ein, „die Pfleger und Pflegerinnen stehen dabei gerne zur Hilfe. Die Bedienung ist außerdem möglichst einfach gestaltet mit intuitiven Symbolen.“
Besonders für Demenzerkrankte sei das Erlernen der Benutzung neuer Geräte allerdings fast unmöglich. „Das können sie sich gar nicht mehr merken“, erklärt Pötsch. Da das Kurzzeitgedächtnis gestört sei, „haben sie das je nach Grad der Erkrankung nach wenigen Minuten wieder vergessen.“ Björn Kummerow-Fuchs, Einrichtungsleiter des Heiliggeistspitals in Freising, bestätigt dies: „Menschen mit Demenz macht bereits die Ortsveränderung zu schaffen. Dann ein neues Gerät zu bedienen, geht gar nicht mehr.“
In dem Pflegeheim und Seniorenzentrum des Heiliggeistspitals gebe es Telefone mit extra großen Tasten speziell zur Anwendung für ältere Menschen. Bei Demenzerkrankten oder auch sehr betagten Bewohnern und Bewohnerinnen habe man mit Tablets keine Chance. „Normale Telefone stellen wir definitiv zur Verfügung“, sagt Kummerow-Fuchs. Im Freisinger Klinikum dagegen gibt es diesen Zugang zu gewohnten Telefonapparaten nicht mehr wirklich, da jetzt alles in einem einzigen Monitor integriert ist, wie Alexander erklärt. Die Option sollte man jedoch unbedingt weiterhin gewähren, gibt Pötsch zu bedenken.
Ältere Menschen haben oft mit der Feinmotorik Probleme
Für die meisten sei der Umgang mit Tablets oder auch Anwendungen wie Facetime eigenständig sehr schwierig. Es gebe aber auch einige, für die es kein Problem sei, sagt Kummerow-Fuchs. Der Einrichtungsleiter ist Mitte 40, er denkt dabei an die Generation seiner Eltern, die zwischen 60 und 70 Jahre alt und den Umgang mit digitalen Geräten gewohnt sind. Außerdem könne man die Bedienung beispielsweise durch große Icons möglichst einfach gestalten. Nach seiner Erfahrung bereiten inzwischen eher die Fernsehgeräte Schwierigkeiten: „Früher konnte man einfach zwischen den Sendern hin und her schalten, aber mittlerweile sind alle Smart-TVs“.
Sascha Alexander weist darauf hin, dass es im Klinikum Patientenbroschüren mit detaillierten Bedienungsanleitungen für die Multimedia-Monitore gebe. Bei Patienten und Patientinnen mit einer Seh- beziehungsweise Leseschwäche sei dies allerdings nicht sehr hilfreich. Auch bei der Feinmotorik sieht Pötsch Probleme. Diese sei bei älteren Menschen oft eingeschränkt und erschwere die Bedienung von Touch-Screens mit den Fingern. Selbst an den Bildschirmen von Bankautomaten könne dies zu Schwierigkeiten führen.
„Man kommt um die Sache nicht herum“
Es gibt verschiedene Angebote, um Senioren und Seniorinnen den Umgang mit digitalen Geräten im Alltag näherzubringen. Allerdings scheitere es oft an der Bereitschaft, in einem gewissen Alter noch etwas Neues erlernen zu wollen, erklärt Pötsch und zählt gewohnte Reaktionen auf: „Bleib mir bloß weg“, „Es nervt“ und „Da blicke ich nicht mehr durch“. Viele lehnten die neuen Geräte ab, da sie ihr Leben lang per Hand geschrieben oder über das Festnetz telefoniert haben.
„Man kommt um die Sache nicht mehr herum“, findet Kummerow-Fuchs, „sonst kann man irgendwann gar nicht mehr kommunizieren.“ Es müsse jedoch so einfach wie möglich gestaltet werden. Dass sich Menschen weigern, neue Geräte auszuprobieren, habe er bisher nicht erlebt.
Die Digitalisierung ist laut Pötsch nicht immer alltagstauglich. Besonders im Krankenhaus befänden sich ältere Menschen oft im Ausnahmezustand und hätten ohnehin Probleme damit, sich zurechtzufinden. Sie warnt: „Die ältere Bevölkerungsgruppe wird so ausgeschlossen“.

