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Klimaschutz in Freising:"Wir müssen weg von der Vorherrschaft des Autos"

Vor der jüngsten Stadtratssitzung in Freising hat Katharina Klimm mit anderen "Fridays for Future"-Aktivistinnen und Aktivisten für mehr Klimaschutz demonstriert.

(Foto: Marco Einfeldt)

Katharina Klimm engagiert sich bei der Freisinger Gruppe von "Fridays for Future". Im SZ-Interview erklärt sie, was sie an der Stadtpolitik enttäuscht.

Interview von Thilo Schröder, Freising

Wer sich in Freising für mehr Klimaschutz engagiert, braucht einen langen Atem. Nicht nur, weil die Corona-Pandemie die aktivistische Schlagkraft mindert. Vor allem, weil die großen klimapolitischen Sprünge offenbar ausbleiben. Katharina Klimm engagiert sich bei der Ortsgruppe von "Fridays for Future". Im Interview spricht die 27-Jährige über die Kritik am anvisierten Ausbau der Schlüterbrücke, eine geplante Bushaltestelle inmitten einer Grünanlage und ein Mobilitätsverhalten, das sich drastisch ändern muss.

Frau Klimm, am Donnerstag hat der Freisinger Stadtrat beschlossen, die Prüfung zum Ausbau der Schlüterbrücke anzunehmen. Was sagt "Fridays for Future" dazu?

Das war für uns natürlich eine Enttäuschung. Wieso investiert man knappe Ressourcen in die Prüfung der Auswirkungen eines Vorhabens, das durch den Bau kurzfristig und durch den Autoverkehr langfristig klimaschädlich ist? Es wird behauptet, die Entscheidung sei nur dazu da, weitere Informationen einzuholen. Gleichzeitig wird argumentiert, dass im weiteren Planungsverfahren dann schon die Alternativlosigkeit bewiesen werden wird.

Ein zentrales Argument der Ausbau-Befürworter ist die hohe Verkehrsbelastung. Können Sie das nachvollziehen?

Ich verstehe natürlich, dass das ein Verkehrsknotenpunkt ist, der zu Stoßzeiten stark überlastet ist. Aber noch eine Straße auszubauen, ist keine Lösung, zumindest nicht langfristig; es setzt ja den Anreiz, Auto zu fahren. Die Überlastung der Schlüterbrücke ist kein Problem von zu vielen Menschen, die mobil sein wollen, sondern eines von zu vielen Autos. Würden alle mit Bussen fahren, gäbe es gar kein Problem.

Also alles auf Busverkehr ausrichten?

Man muss Mobilität als Ganzes sehen und Stadt und Landkreis müssen gut zusammenarbeiten. Wir brauchen ein Mobilitätskonzept, das öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder priorisiert. Dass die Spur für Fußgänger und Radfahrer im Ausbauplan für die Schlüterbrücke eher ein Alibi ist und auch nicht den Isarsteg ersetzen könnte, meinten eigentlich auch alle Fraktionen in der Stadtratssitzung.

Die konservativen Parteien im Stadtrat haben dem Beschluss zugestimmt, dass die Planungen auf der Grundlage von veralteten Rahmenbedingungen fortgeführt werden. Sie spielen lieber auf Zeit, die wir nicht haben, und taktieren, dass das Vorhaben im gesetzlichen Genehmigungsverfahrens an der FFH-Verträglichkeitsprüfung scheitert, anstatt die eigenen Ziele aus der Klimaresolution und dem Mobilitätskonzept umzusetzen: nämlich dass der motorisierte Individualverkehr reduziert werden soll. Es gab nicht mal eine Stellungnahme vom Mobilitätsmanager, was eigentlich laut Klimaresolution der Fall sein sollte.

Zurück zum Nahverkehr: Wie gut funktioniert der bei Ihnen in Zolling?

Mit der Mobilität in Zolling ist das ein bisschen schwierig. Ich fahre aber eigentlich fast ausschließlich Bus. Es geht schon, es ist ein bisschen umständlich. Bis auf eine Lücke am Vormittag fährt der Bus unter der Woche stündlich, und abends und am Wochenende hat sich die Bus-Situation stark verbessert seit 2016. Da wurde eine Geflüchteten-Unterkunft gebaut und dann war endlich die nötige Nachfrage da.

Aber das reicht noch nicht?

Ich wäre natürlich dafür, dass mehr Busse fahren; andererseits passiert es oft, dass man nur mit drei, vier Leuten im Bus sitzt außerhalb der Hauptzeiten. Das lohnt sich ja dann auch nicht. Die Leute müssen auch mehr Bus fahren. Die Frage ist: Wer fährt Bus? Manche zur Arbeit, aber hauptsächlich junge, Schülerinnen und Schüler ohne Führerschein. Es ist immer noch ein Standard, Auto zu fahren, sobald man den Führerschein hat. Aktuell ist Busfahren umständlich: Man muss vorausplanen.

Gibt es generelle Kritikpunkte am Aufbau des öffentlichen Nahverkehrs?

Der ÖPNV ist nicht auf standardmäßige Nutzung ausgelegt. Pro Bus darf beispielsweise maximal ein Kinderwagen rein, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Wenn dann mal mehr als eine Person mit Kinderwagen pro Stunde fahren möchte, ist das ein Riesen-Drama, das Unschuldige ausbaden müssen: schlecht bezahlte Busfahrer und diejenigen, die sich umweltfreundlich und sozial verträglich fortbewegen wollen. Das zeigt, wie stark unsere Normalitätsvorstellungen vom Autofahren geprägt sind: Wer ein Kind hat, fährt mit dem Auto, schon um den Kinderwagen zu transportieren. Das war bei uns Zuhause früher auch so. Man muss halt an beiden Schrauben gleichzeitig drehen: mehr Busse und zugleich mehr Anreize, öfter Bus zu fahren.

Eine Alternative kann das Fahrrad sein, es läuft ein Radbegehren. Läuft's beim Rad?

Da ist in Freising einiges getan worden, aber auch noch viel zu tun. Ich fahr im Sommer auch öfter mit dem Rad nach Freising. Das ist ein bisschen anstrengend, weil ich die Amperleite rauf muss. Aber da ist ja jetzt der Radweg ausgebaut, das heißt, man muss nicht mehr neben den Autos auf der Straße oder einen Umweg fahren. Innerhalb von Freising gibt's natürlich auch Potenzial. Mein Eindruck ist: Es fahren schon viele Fahrrad, aber da geht auf jeden Fall noch mehr. Der Ausbau der Infrastruktur ist auch hier wichtig, weil das Anreize schafft: Wenn die Leute wissen, sie können sich in Freising sicher mit dem Rad bewegen und sind dabei vielleicht auch noch schneller als mit dem Auto, zum Beispiel von Lerchenfeld in die Innenstadt, dann werden auch mehr Leute Fahrrad fahren.

Dennoch entscheidet die Kommunalpolitik anders. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, dass praktisch alle Stadtratsmitglieder den Klimawandel als ernst zu nehmendes Problem anerkennen. Allerdings ist mein Eindruck, dass viele Menschen, ob Politiker oder Wähler, zu optimistisch sind, weil ihnen die Tragweite des Problems vielleicht einfach nicht bewusst ist. Zur Beschränkung des Klimawandels müssen wir unser Mobilitätsverhalten wirklich drastisch ändern. Das ist nicht wie beim Strom, wo man relativ einfach auf erneuerbare Quellen umstellt und der Strom dann weiter genauso aus der Steckdose kommt.

Sondern?

Verkehrswende heißt, dass wir von der Vorherrschaft des Autos weg müssen hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Die kann man dann bei Bedarf durch Car-Sharing mit E-Autos ergänzen. Ich glaube nicht, dass es genug Mineralien oder Elektrizität geben wird, dass jeder Mensch weiter mit dem eigenen Auto fahren kann. Aus meiner Sicht wäre das auch kein erstrebenswertes Ziel. Beim Autofahren ist man im besten Fall auf Autopilot. Oder man stresst sich wegen Stau. Und Feinstaub durch Reifenabrieb gibt es auch bei E-Autos. Wenn wir ein gut durchdachtes Mobilitätskonzept haben, können wir bequem und schnell mobil sein, im ÖPNV am Handy spielen oder mit den Mitmenschen reden.

Was ist eigentlich aus den Forderungen geworden, die Ihre Ortsgruppe den Parteien vor der Kommunalwahl überreicht hat?

Bisher ist, natürlich auch Corona-bedingt, nicht wirklich viel passiert. Wir haben die Forderungen vor Kurzem noch mal an die Stadt geschickt und möchten sehr gerne mit der Stadt und auch dem Landkreis in einen Dialog treten und schauen, wie man das umsetzen kann. Es ist ja nicht so, als hätten wir uns vor ein weißes Blatt Papier gesetzt und überlegt: Was fänden wir nett? Wir haben während der Klimawoche im Herbst 2019 in der Freisinger Altstadt Leute gefragt, was sie konkret verbessern würden und dann haben wir mit Expertinnen und Experten darüber geredet, was wirklich sinnvoll ist und umsetzbar wäre.

In den kommunalen Haushalten findet sich dazu noch nicht allzu viel wieder.

Bei Klimaschutz heißt es oft: Wir haben gerade andere Probleme mit Corona. Gleichzeitig werden aber klimaschädliche Themen wie der Ausbau der Schlüterbrücke diskutiert. Das ist schon frustrierend, dass so was zwei Jahre nach Beginn unserer Demos noch passiert und, dass die Entscheidungen nicht zu den eigentlichen Zielen passen.

Anderes Beispiel: Im Johannispark soll eine Tourismus-Bushaltestelle gebaut werden. Eine Bushaltestelle zu bauen, ist super. Lokaler Tourismus, prima. Aber sie unbedingt in den Johannispark zu bauen - in eine von wenigen Grünflächen in der Stadt - und gleichzeitig zu sagen, dass man mehr Grünflächen will, auch damit die Bäume im Sommer die Hitze erträglicher machen: Das ist für mich ein krasser Widerspruch. Freising ist ja jetzt sogar Modellkommune für klimagerechten Städtebau. Man könnte ja für die Haltestelle auch Parkplätze nehmen. Das wäre zu Lasten des Autoverkehrs, aber genau das bräuchten wir. Das wäre gleichzeitig Klimawandelminderung und Klimawandelanpassung, eine Win-win-Situation.

© SZ vom 08.02.2021/av/ilos
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