Kirche "Jeder wird angenommen, wie er ist"

Seit drei Jahren ist die 33-jährige Anna Hertl als evangelische Gemeindepfarrerin in Neufahrn, sowie als Jugendpfarrerin im Dekanat Freising tätig.

(Foto: Andreas Gebert)

Anna Hertl ist Jugendpfarrerin im Dekanat Freising. An ihrem Beruf schätzt sie, dass er so vielseitig ist. Wichtig ist ihr, dass die Jugendlichen eigene Ideen entwickeln und ihre Stärken entdecken

Interview von Simona Bliznakova

Bayernweit ist Freising das einzige Dekanat, das sich eine Halbtagesstelle für eine Jugendpfarrerin leistet. Besetzt ist die Position mit Anna Hertl. Seit drei Jahren ist die 33-Jährige als evangelische Gemeindepfarrerin in Neufahrn tätig sowie als Jugendpfarrerin im Dekanat Freising. Zwischen der Kirchengemeinde und der Dekanatsjugend soll sie agieren, um das Interesse der Jugendlichen an der Kirche nach der Konfirmation weiter wachzuhalten und zu verstärken.

SZ: Warum haben Sie sich entschieden, Pfarrerin zu werden?

Anna Hertl: Schon während meiner Schulzeit fand ich toll, dass wir im Unterricht Konfirmandenleiterinnen hatten, also Jugendliche, die schon ein bisschen älter waren und mithalfen. Gerne wollte ich mich mit etwas Ähnlichem befassen und deswegen bin ich selbst Konfi-Leiterin geworden. Meine Erfahrungen als Jugendleiterin - und zwar die Gestaltung der Konfi-Tage, das Engagement in der Kirche und der Umgang mit den Jugendlichen - waren für meine Berufswahl entscheidend.

Welche Aufgaben gehören zu Ihrem Alltag als Jugendpfarrerin?

Mein Aufgabengebiet bezieht sich konkret auf die Verknüpfung von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit. Zusammen mit dem Dekanatsjugendwerk bieten wir Jugendlichen verschiedene Freizeitangebote, veranstalten thematische Fortbildungen und sorgen vor allem für die gute Ausbildung der Jugendleiter.

Warum beschäftigen Sie sich gerade mit Jugendlichen so intensiv?

Ich glaube, es ist wunderschön, ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihre eigenen Ideen und Projekte zu entwickeln, ihr Potenzial und ihre Stärken Schritt für Schritt aufzudecken und dabei etwas zusammen für die anderen auf die Beine zu stellen. Hier können Jugendliche einfach sie selbst sein. Jeder wird angenommen, wie er ist, und wird nicht nach Leistungen bewertet wie in der Schule. Von Bedeutung ist eben, dass man füreinander etwas macht und sich dabei ausprobieren kann.

Wie schaffen Sie es, die Jugendlichen zum kirchlichen Engagement zu motivieren, gerade in diesen Zeiten, wo das Interesse an Religion abflaut?

In der heutigen Gesellschaft ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sich Jugendliche für Glauben und Kirche interessieren, bei keiner Altersgruppe ist das mehr so. In der Kirche können Jugendliche selber entscheiden, womit sie sich beschäftigen möchten. Wir lassen sie einfach selber mitmachen und fragen, worauf sie Lust haben, wofür sie sich interessieren. Dann suchen sie sich allein ein Thema und wir veranstalten ein ganzes Wochenende mit sämtlichen Spielen und Themen, die wir zusammen entwickelt haben. Manchmal laden wir auch Experten dazu ein. Wir behandeln allerlei Themen wie Liebe, Umwelt, den Umgang mit dem Nächsten. Dabei entdecken die Jugendlichen etwas, das sie woanders nicht finden wie zum Beispiel "Gemeinschaft".

Wie sieht die Situation im Dekanat Freising aus? Hat die Jugend Interesse, sich in der Kirche zu engagieren?

In unserem Dekanat gibt es eigentlich viele motivierte Jugendliche, die Spaß daran haben, etwas für ihre Mitmenschen anzubieten. Alle sind positiv eingestellt.

Wenn Sie nicht Pfarrerin wären - welchen anderen beruflichen Weg würden Sie einschlagen?

Als Pfarrer beschäftigt man sich mit ganz verschiedenen Sachen. Man ist Lehrer in der Schule, dann Redner bei der Predigt, ein Stückchen Journalist, wenn man einen Gemeindebrief schreibt, und natürlich auch manchmal Pädagoge für die Jugendlichen. Der Beruf kombiniert eben viele Bereiche und genau wegen dieser Vielseitigkeit glaube ich nichts zu vermissen, was ich sonst machen würde.

Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrem Beruf?

Bei der Jugendarbeit gefällt mir am meisten der Kontakt zu den Jugendlichen, die gegenseitige Begeisterung, der Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Denn als Erwachsener hat man nicht immer die Möglichkeit, sich mit den Jugendlichen zu unterhalten. Am schönsten ist, wenn wir irgendwohin unterwegs sind, um das Lagerfeuer herumsitzen und uns unterhalten. Als Pfarrerin halte ich auch wahnsinnig gerne Gottesdienste, besonders zu Weihnachten und bei Konfirmationen. Beim gemeinsamen Beten und Singen entsteht nämlich eine ganz dichte Stimmung, ein besonderer Spirit, der uns alle dem Heiligen näherbringt.

Welche Botschaften möchten Sie den Jugendlichen vermitteln?

Eine konkrete Botschaft möchte ich ihnen direkt nicht vorlegen. Jeder sollte sich zuerst auf die Suche begeben, über das Leben nachdenken und dabei etwas für sich selber entdecken. Natürlich ist die christliche Botschaft, die viel Freiheit beinhaltet, während meiner Arbeit sehr präsent und überzeugend. Aber wichtig bleibt, dass man überhaupt ins Überlegen kommt.