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Winnetou aus Kirchdorf im Ampertal:Eine Lassolänge Abstand

Matthias Nawo hat erst mal Reiten lernen müssen, bevor er die Rolle des Winnetou übernehmen konnte.

(Foto: Nadine Dadlhuber)

Seit 15 Jahren spielt der Kirchdorfer Matthias Nawo die Rolle des Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Dasing. In "Winnetou I auf Bayerisch" werden die Coronaregeln so eingehalten, dass es dem Publikum kaum auffällt.

Interview von Thilo Schröder, Kirchdorf

Wer Karl Mays berühmte Romanfigur Winnetou kennt, der könnte schon von Matthias Nawo gehört haben. Der 38-jährige Kirchdorfer spielt den edlen Indianerhäuptling nämlich seit 2005 bei den jährlichen Karl-May-Festspielen in Dasing bei Augsburg. Gerade wird dort "Winnetou I auf Bayrisch" aufgeführt. Im Interview erzählt Nawo, wie er in die Rolle des Apachen hineingewachsen ist, wieso das Einhalten der Coronaregeln auf der Bühne dem Publikum kaum auffällt und warum er gerade froh ist, hauptberuflich als Physiotherapeut zu arbeiten.

SZ Freising: Herr Nawo, heuer stehen Sie in Dasing wieder als Winnetou auf der Bühne, aber nicht im ursprünglich angedachten Stück. Warum?

Matthais Nawo: Es war geplant, dass wir "Winnetou und Kapitän Kaiman" spielen. Das hatten wir schon mal vor vielen Jahren gespielt, damals war das eine Welturaufführung. Und jetzt wollten wir das Stück mal wieder spielen. Dann kam das Coronavirus dazwischen, das hat alles über Bord geworfen. Normalerweise haben wir um die 650 Plätze, jetzt dürfen nur noch maximal 100 Leute kommen, was natürlich wirtschaftlich nicht mal ansatzweise stemmt, was so eine normale Karl-May-Festspielsaison kosten würde: mit Pyrotechnik, mit Pferden, mit 80 Darstellern.

Stattdessen wird "Winnetou I auf Bayerisch" aufgeführt, ein Stück, das in Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Woife Berger entstanden ist. Wie kam es dazu?

Woife Berger und ich kennen uns schon länger. Während einer gemeinsamen Veranstaltung sitzen wir auf der Bühne und da sagt er zu mir: Du, ich glaub, ich schreib Winnetou auf Bayrisch, hättest Du Lust, mit mir eine Lesung zu machen. Ich fand das in dem Moment super lustig und hab sofort zugestimmt. Ein paar Wochen später hatte er dann schon ein fertiges Buch, hatte das Original in bayerische Mundart übersetzt. Und dann haben wir Lesungen gemacht - die gut ankamen, die ersten beiden Vorstellungen waren ausverkauft. Es gab weitere Anfragen, das musste dann aber leider wegen Corona alles ausfallen. Und dann haben wir gesagt: Lass uns versuchen, die Lesung als Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Wir, das sind acht Schauspieler, zehn Statisten und ein paar Pferde, also ein sehr kleines Ensemble.

Der Titel erinnert an die ebenfalls in Mundart gesprochene Kultkomödie "Der Schuh des Manitu" von Bully Herbig.

(lacht) Ja, da denkt jeder zuerst dran. Aber wir sagen bewusst, dass es keine Parodie ist. Woife Berger ist ein ganz großer Karl-May-Fan, und Karl May darf man einfach nicht verunglimpfen. Das war ihm ganz wichtig. Der Dialekt macht es natürlich auch wieder lustig. Es klingt halt schon anders, wenn es bei Karl May heißt: "Mein Bruder spricht mit einer gespaltenen Zunge." Und bei uns auf der Bühne heißt es dann: "Du lügsch immer!" Das klingt ein bisschen lustiger, ein bisschen lockerer, aber wir machen das schon ernst, es ist keine Spaßveranstaltung.

Wie beeinflusst Corona das Geschehen auf und neben der Bühne?

Unsere ganzen Requisiten müssen regelmäßig desinfiziert werden. Beim Betreten und Verlassen des Geländes müssen wir Maske tragen. Während der Vorstellung dürfen wir sie abnehmen, müssen aber die 1,50 Meter Abstand einhalten. Das bedeutet, man darf keine Kämpfe machen, darf sich nicht groß berühren. Da muss man schon aufpassen. Wenn im Stück zum Beispiel jemand gefangen genommen wird, wird der normalerweise links und rechts festgehalten. Da wird halt jetzt ein Lasso über die Person gelegt. Und wenn die Banditen sich nähern, ziehen sie ihr Halstuch hoch. Man kann das Ganze schon western- und coronatauglich machen, sprich: dass man die Richtlinien einhält, aber es dem Publikum gar nicht groß auffällt.

In der Romanvorlage schließen Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft. Wie stellt man das coronakonform dar?

Wir hatten das ursprünglich mal so geplant, dass wir uns die Hände reichen. Aber die Corona-Regeln der Gemeinde Dasing sind ziemlich streng. Wir haben uns dann wieder mehr am Original orientiert, in dem Winnetou und Old Shatterhand Blutstropfen in eine Schüssel geben und dann dieses Blut trinken.

Die Winnetou-Rolle bekamen Sie einst, nachdem der ursprüngliche Darsteller kurzfristig ausfiel. Da saßen Sie dann von heute auf morgen auf einem Pferd.

(lacht) Ja, da musste ich drei Monate im tiefsten Winter reiten lernen, stundenlang. Das waren jeden Tag so vier, fünf Stunden in der Reithalle. Ich konnte davor nicht wirklich reiten. Privat bin ich dann sehr viel geritten. Wir haben eine kleine Islandstute, die mittlerweile Rentnerin ist, die am Saulhof bei Kirchdorf steht.

Wie haben Sie denn in die Rolle reingefunden?

Ich hab mir die alten Filme angesehen mit Pierre Brice, hab viel gelesen über Indianer, über Sitting Bull. Da gibt's ein ganz tolles Buch - "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" - über die Geschichte der Indianer. Der damalige Old-Shatterhand-Darsteller hat mir viele Tipps gegeben, wie man sich als Winnetou verhält auf der Bühne. So bin ich reingewachsen.

Sie haben Gesang studiert, arbeiten aber als Physiotherapeut. Wie kam das?

Das war meinen Eltern wichtig: Lern bitte was Richtiges, dann hast du ein festes Monatsgehalt. Das ist mit Musik oder Schauspiel halt nicht so einfach. Ich hab in Kirchdorf eine kleine Privatpraxis. Jetzt in der Coronazeit bin ich froh, dass ich auf meine Eltern gehört hab.

Durch Ihren Vater, der Geschäftsführer der Western-City in Dasing war, sind Sie früh mit der Indianer-Thematik in Berührung gekommen. Inzwischen haben Sie selbst drei Kinder im Alter von sieben, fünf und eineinhalb Jahren. Hat die auch das Wild-West-Fieber gepackt?

Die beiden Großen sind total begeistert, die freuen sich, bei den Proben dabei zu sein. Es gibt Karl-May-Bücher für Kinder, in denen die Geschichte in Kurzform zusammengefasst ist, die sie sich gegenseitig gerne vorlesen. Bewusst gebe ich meine eigene Faszination aber nicht weiter. Das geht von ganz alleine.

Wissen die Kirchdorfer eigentlich, dass ein Apache in ihrer Mitte lebt?

Es gibt ein paar wenige, die es wissen, aber die meisten wissen es nicht. Ich forciere das auch nicht und finde es ganz schön, dass man mich privat nicht gleich erkennt.

Würden Sie, wenn möglich, auch mal eine andere Karl-May-Figur spielen wollen?

Nein, die Winnetou-Rolle macht mir total Spaß, ich spiel sie wirklich gerne. Es gibt aber ein Stück, das ich gerne mal spielen wollen würde, und zwar "Winnetou III". Der Teil, in dem Winnetou stirbt. Denn zu sterben ist mit eine der schwierigsten Schauspielsituationen. Das würde mich interessieren: ob ich es schaffen kann, das Publikum zum Weinen zu bringen.

"Winnetou I auf Bayrisch" (Regisseur: Sven Kramer) wird noch bis 13. September aufgeführt. Alle Infos zu Terminen, Tickets und Hygieneregeln gibt es unter www.karlmay-festspiele.de.

© SZ vom 27.07.2020/nta

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