Kirchbergers  Woche:Wer nicht hören will, muss fühlen

Auch Freising ist mit dem Hochwasserschutz noch nicht so wirklich weit

von Johann Kirchberger

Es waren schreckliche Bilder, die uns vergangene Woche erreichten und zeigten, wie schnell Wasser und Schlamm ganze Ortschaften verwüsten und die Menschen um ihre Existenz oder sogar um ihr Leben bringen können. Fast noch schneller als die Aufräumungsarbeiten setzte die Suche nach den Schuldigen ein. Wer hat diese Verwüstungen zu verantworten? Ist es der Klimawandel, hat der Katastrophenschutz gepennt, ist es die allgemeine Katastrophen-Demenz, haben Landräte oder Bürgermeister Fehler gemacht? Oder trifft Petrus, den himmlischen Wettermacher, die Schuld? Das wird alles in Ruhe aufgeklärt werden, haben Politiker versprochen.

Indes fragt man sich, ob so ein Hochwasser auch bei uns möglich sein könnte. Schon bei starkem Gewitterregen kommt es ja immer wieder mal vor, dass in der Freisinger Innenstadt Wasser in die Geschäfte läuft. Erinnern wir uns an den Juni 2013, damals führten tagelange Regenfälle dazu, dass ein kleines Rinnsal namens Thalhauser Graben die Gegend zwischen Johannis- und Gartenstraße geflutet hat. Aber im Freisinger Rathaus wurde damals umgehend gehandelt. Erst wurden Pläne gemacht, dann ein "Klimaanpassungskonzept Freising 2050" mit der schönen Abkürzung "Klaps50" erstellt und schon bald sollen jetzt drei Regenrückhaltebecken gebaut werden. Der Planungsausschuss hat zugestimmt, noch heuer soll die Ausschreibung der Maßnahme erfolgen und schon zehn Jahre nach dem Hochwasser könnten wir dann vor den gefährlichen Fluten, die aus Thalhausen auf Freising zukommen, geschützt sein.

Das Hochwasserproblem ist also so gut wie gelöst, rasch, konsequent und unbürokratisch. Da kann sich der Stadtrat wieder mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens befassen und erörtern, ob heuer ein Volksfest heavy oder allenfalls ein Volksfest light möglich ist. Angeblich ist ja ein kleines Fest besser als gar keines und das Volk lechzt nach oans, zwoa, gsuffa. Aber wäre das überhaupt ein Volksfest, wenn da ein paar Karussells und ein Biergarten aufgebaut werden? Ein Volksfest innerhalb eines eingezäunten Areals, in das maximal 800 bis 1000 Leute eingelassen werden? Kann man so etwas als Schritt zurück in die Normalität bezeichnen? Na gut, derzeit wird noch geprüft, ob eine derartige Light-Version angeboten werden soll.

Hoffentlich werden auch die Wettervorhersagen geprüft. Schließlich braucht es gar keinen Starkregen, um ein Volksfest absaufen zu lassen. Schon ein leichter Dauerregen, wie Anfang September durchaus üblich, kann einen Biergarten-Betrieb empfindlich stören. "Heavy muaß kracha" singt Georg Ringsgwandl - so ist es. Ein Volksfest light aber, in dem sich nur eine Person auf zehn Quadratmetern aufhalten darf, bei dem Impfausweise kontrolliert und Bierdeckel verteilt werden, damit es nicht in den Maßkrug regnet, das ist wohl eher kein Volksfest, sondern der krampfhafte Versuch irgendetwas zu inszenieren, das keiner braucht und so auch nicht will.

Aber vielleicht hat sich die ganze Volksfest-Diskussion ohnehin bald erledigt, weil dann nicht mal mehr ein Volksfest light möglich sein wird. In Freising klettern gerade die Inzidenz-Zahlen und wenn erst einmal die Urlaubsreisenden aus fernen Ländern zurück sind und die 50er-Marke dank unverzichtbarer Hochzeitsfeiern und Studententreffen geknackt wird, hören sich Großveranstaltungen von selbst auf. Wer nicht hören will, muss fühlen.

© SZ vom 24.07.2021
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