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Kirchbergers Woche:Unsägliche Wartezeit

Die Zeit hat viele Facetten, die nervigen zeigen sich bei der Wartezeit

Wochenkommentar von Johann Kirchberger

Zeit ist Zeit. Ist Einheit für Gemütlichkeit." So hat Gerhard Polt gereimt. Viel Zeit vergeht derzeit, bis man im Freisinger Bürgerbüro einen Termin bekommt, egal ob online oder telefonisch beantragt. In der Regel streichen vier Wochen ins Land, ehe man sein Anliegen vortragen darf, etwa die Verlängerung des Personalausweises. Wobei, Verlängerung geht eh nicht mehr, man braucht jetzt immer einen neuen. Und bis der dann in Berlin oder sonst wo ausgestellt ist, dauert es noch einmal drei bis vier Wochen.

Nun wollen wir natürlich nicht unterstellen, wie der Polt-Satz vermuten lässt, dass es in den Freisinger Amtsstuben recht gemütlich zugeht, wiewohl sich in weiten Teilen der Bevölkerung dieses Gerücht hartnäckig hält. Trotzdem fragt man sich schon, was machen die da im Rathaus eigentlich? Früher ging man ins Bürgerbüro, zog eine Nummer und spätestens nach ein bis zwei Stunden saß man am Tisch eines sachkundigen Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin. Heutzutage bekommt man diese Nummer per E-Mail zugeteilt und wartet vier Wochen, ehe man gerufen wird.

Hat der Stadtrat Kurzarbeit angeordnet oder fehlt es grundsätzlich an Personal? Dann sollte man vielleicht ein paar dieser Beauftragten, die es neuerdings für alles Mögliche gibt, in das Bürgerbüro abordnen. Denn das Bürgerbüro ist eigentlich eine Einrichtung, um den Bürgern rasch zu helfen. Vier Wochen aber sind nicht rasch, das ist unsäglich. Ganz nebenbei sind die Kosten für neue Ausweispapiere auch nicht ohne. Ein Perso kostet 37, ein Reisepass sogar 60 Euro. Dazu braucht man auch noch ein neues biometrisches Lichtbild, aktuell aufgenommen von einem auch nicht billigen Fotografen.

Noch einmal Polt: "Brot plus Zeit ist Brotzeit." Die wird man im Herbst im Freisinger Lindenkeller drei Monate lang nicht machen können, auch Kulturveranstaltungen im Unter- oder Oberhaus entfallen. Denn das Hochbauamt der Stadt will im Lindenkeller die Lüftung erneuern. Das ist sicherlich wichtig und richtig. Aber wäre dafür nicht genügend Zeit gewesen in der langen Corona-Zwangspause? Ausgerechnet dann Sanierungsarbeiten anzusetzen, wenn die Lokale endlich wieder öffnen dürfen, das zeugt nicht gerade von einer vorausschauenden Planung. Das ist eine Renovierung zur absoluten Unzeit.

Bis man in Freising einen Impftermin bekommt, vergeht in der Regel auch viel Zeit. Zwar verkündet unser Gesundheitsminister fast täglich, wer jetzt alles zusätzlich geimpft werden kann. Aber weder das Impfzentrum, noch die Hausärzte, noch die Betriebsärzte bekommen ausreichend Impfstoff geliefert. Es sei denn das Glück hilft ein wenig und das Impfzentrum bekommt, von wem auch immer, eine großzügige Sonderration Moderna zugewiesen, um 280 Menschen die erste Spritze zu setzen. Alle anderen, die voraussichtlich und auch das nur vielleicht in einigen Wochen zum Zuge kommen, müssen eben noch ein wenig Wartezeit in Kauf nehmen. Wie lange die dauert? Weiß niemand.

Polt sieht das so: "Der Maikäfer dreht um den Tisch eine Runde, Du kennst nicht das Jahr, Du kennst nicht die Stunde." Im Bürgerbüro ist das anders. Da erfährt man den Tag und minutengenau die Stunde, wann man eingelassen wird, und das schon vier Wochen im Voraus. Das hört sich so richtig nach Bürgerservice an.

© SZ vom 19.06.2021
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