Kirchbergers Woche:Typisch Freising

Ludwig Thoma hat schon immer gewusst, was die Stadt Freising ausmacht

Kolumne von Johann Kirchberger

Ist es eigentlich Nestbeschmutzung, wenn man in seinen Unterlagen ein Schmähgedicht über Freising von Ludwig Thoma findet und sich über die Reime freut? Auf dem Weg nach Allershausen, wo seine ehemalige Haushälterin wohnte, muss der Schriftsteller einige Male nach Freising gekommen sein. Offenbar schwer beeindruckt schrieb er:

In Freising fand man dieser Tage

Ein Vorsintflutrhinozeros.

Im Stillen ringt sich manche Frage

Aus zweifelvoller Seele los.

Es ist ja schön, dass man's gefunden;

Jedoch - warum gerade hier,

In diesem Ort der Andachtsstunden?

Was wollte nur das gute Tier?

Was tat der alte Knochenriese

In unserer frömmsten Zentrumsstadt?

Wusst' er im Voraus schon, dass diese

Noch heute seinesgleichen hat?

Und am Ende des Gedichts reimt Thoma schließlich:

Ist typisch dieser Fund zu nennen?

Ist er Charakteristikum?

Man muss nur Freising näher kennen,

Dann sagt man "ja" und weiß warum.

Nun begab es sich dieser Tage, dass in Freising und auch in Moosburg und Neufahrn heftig gegraben wurde, warum auch immer. Ein zweites Rhinozeros wurde nicht gefunden, nur Skelette von Menschen. In Neufahrn sprach man von einer archäologischen Sensation, weil die Knochen aus dem siebten bis neunten Jahrhundert stammen, in Freising wurden 30 Skelette aus dem 16. Jahrhundert freigelegt. Die sollen überwiegend von jungen Menschen und Kindern gewesen sein, mit Rosenkränzen in den Händen. So überraschend nehmen sich die Funde allerdings nicht aus. Wenn man auf alten Friedhöfen gräbt, finden sich gerne Knochen von Toten. In der Freisinger Luitpoldanlage waren vor zwei Wochen Dinosaurier zu sehen. Die wurden zwar nicht ausgegraben, sondern vom Zirkus Neverland dorthin geschleppt. Weil der Zirkus weitergezogen ist, wird man bei späteren Ausgrabungen vermutlich keine Dinos finden.

Typisch für Freising bleibt deshalb nur das Rhinozeros, von dem wir nicht wissen, wo es abgeblieben ist. Vielleicht hat es ja Edmund Stoiber mitgenommen, der Freising besonders zugetan war. Freising vereine in vorbildlicher Weise, was Bayern ausmacht, hat er einmal gesagt und war erzürnt, dass Gerhard Schröder im Wahlkampf 2002 mit ihm nicht über Freising reden wollte. Freising sei Bischofsstadt, Wissenschaftsstadt, Schulstadt, habe aufstrebende Unternehmen und einen eigenen Flughafen, aus Stoibers Sicht leider nur mit zwei Startbahnen. Hat Freising es eigentlich verdient, als Standort für einen Lärm und Abgase produzierenden Flughafen ausgewählt zu werden? Die Antwort kommt von Ludwig Thoma:

Man muss nur Freising näher kennen,

Dann sagt man "ja" und weiß warum.

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