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Kirchbergers Woche:Nichts bleibt für immer

Corona wird irgendwann vorbei sein. Anders ist das, wenn sich unabhängig von Corona das Leben um uns herum verändert und Liebgewonnenes verschwindet

Von Johann Kirchberger

Maske tragen ist eigentlich das geringste Problem, das uns diese Corona-Pandemie beschert. Viel schlimmer ist, dass man sich nirgends mehr treffen kann, in keinem Café, in keinem Wirtshaus. Alles geschlossen, womöglich machen nach Weihnachten auch noch die Geschäfte zu, bis auf ein paar Supermärkte, damit uns das Toilettenpapier nicht ausgeht. Aber Corona wird ja hoffentlich irgendwann vorbei sein und das Leben wird sich wieder normalisieren.

Anders ist das, wenn sich unabhängig von Corona das Leben um uns herum verändert. Wenn nach und nach Hausarzt, Augenarzt, Orthopäde und Zahnarzt in Ruhestand gehen. Menschen, denen man jahrzehntelang vertraut hat, deren Anordnungen man blind gefolgt ist, deren Medikamente man eingenommen hat, ohne noch lange den Beipackzettel zu studieren.

Noch schlimmer, ja fast schon unerträglich für das persönliche Wohlbefinden aber ist es, wenn plötzlich der Metzger seines Vertrauens den Laden dicht macht. Mit einem Schlag soll es sie jetzt nicht mehr geben, die so gut abgeschmeckten Weißwürste, die so fein gewürzten Leber- und Blutwürste, die man sich sein halbes Leben lang genauso und nicht anders hat schmecken lassen. Jetzt wird man auf die Suche gehen müssen nach einem Metzger, der so ähnlich arbeitet, wie es der Dandl am Rindermarkt getan hat.

Aber das wird schwer sein, denn wir wollen ja keine anderen Würste, und sollten sie noch so angepriesen werden. Das ist wie mit der Hausmannskost, die nach dem eigenen subjektiven Geschmacksempfinden niemand je wird besser zubereiten können, als das die Mutter getan hat. Essen, wie man es gewohnt ist, danach sehnen sich halt Gaumen und Magen.

Aber Zeit seines Lebens muss sich der Mensch eben an Veränderungen gewöhnen. Beispielsweise, dass es alle sechs Jahre neue Kreisräte gibt. Da ist es gut, dass das Landratsamt so schnell reagiert hat und schon im Dezember in alle Briefkästen ein "Kreistag Spezial" stecken hat lassen. Auf dünnem Karton gedruckt sind darin Fotos aller Kreisräte enthalten, die im März gewählt wurden, damals, als Maske tragen noch für überflüssig betrachtet wurde. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und die "Informationen aus erster Hand für die Menschen im Landkreis" könnten als überflüssig betrachtet werden. Es sei denn, man will sich dieses "Spezial" an die Wand hängen, um stets die passenden Gesichter parat zu haben, wenn man sich über gewisse Meinungsäußerungen von Kreisräten zum Wohnungs-, Schul- und Straßenbau freut oder ärgert, gerne auch im Zusammenhang mit Debatten über den Haushalt der nächsten Jahre.

Die Stadt Freising hat es übrigens nicht für nötig gehalten, die Köpfe der neuen Stadträte zu verschicken. Ist vielleicht auch nicht nötig, schließlich wurde der Haushalt für das Jahr 2021 ausnahmsweise einmal einstimmig verabschiedet. Sozusagen als Signal an die Kommunalaufsicht, um deren Zustimmung man sich durchaus Sorgen macht. Schließlich sollen im nächsten Jahr 260 Millionen Euro ausgegeben werden, mehr als man hat, weswegen sich der Schuldenstand bis 2024 auf sagenhafte 252 Millionen Euro erhöhen wird. Trotzdem bescheinigte man sich in der Haushaltsdebatte gegenseitig einen verantwortungsvollen Umgang mit den sinkenden Steuereinnahmen. OB Tobias Eschenbacher jedenfalls war glücklich über die einmütige Zustimmung und hätte, wie alle Jahre wieder, gerne mit seinen Stadträten noch ein Bierchen getrunken. Geht aber momentan nicht, anstoßen darf man ja nicht einmal mit Hagebuttentee oder fair gehandeltem Kaffee.

© SZ vom 12.12.2020
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