MeinungKirchbergers Woche:Der Kunde hat das Nachsehen

Kolumne von Johann Kirchberger

Lesezeit: 2 Min.

Die Post am Bahnhof soll wegrationalisiert werden, Supermärkte räumen gerne um - nur die Stadt scheut keine Kosten, um Orientierung zu geben.

Wenn das kein Grund ist, um sich wieder mal so richtig zu ärgern. Man geht in den Supermarkt seines Vertrauens, weil man sich dort gut auszukennen glaubt, und plötzlich ist dort alles anders. Es wurde, warum auch immer, gründlich umgeräumt. Fast blind wusste man zuvor, in welchem Gang, in welchem Regal, in welcher Höhe man das Mehl findet, wo die Essiggurken stehen und wo die Reisnudeln aufbewahrt werden (natürlich nicht bei den Nudeln, aber das weiß man ja als treuer Kunde). Es dauert oft Monate, bis man sich wieder einigermaßen zurecht findet. Gerne würde man fragen, aber wen? Tante Emma ist längst in Pension, Regaleinräumer mit Ahnung trifft man selten an, andere Kunden sind meist selbst damit beschäftigt, sich neu zu orientieren. Warum macht ein Supermarkt so etwas, warum ärgert er uns so?

Auch die Post, noch immer so etwas wie ein Monopolist, nimmt nur selten Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Kunden. Dass Filialen mal in einem Supermarkt oder in einem gerade leer stehenden Laden aufgemacht und auch wieder geschlossen werden und manchmal spektakuläre Öffnungszeiten haben (nur nachmittags, Freisinger Innenstadt), weiß man. Doch nun soll plötzlich das Herzstück der Freisinger Brief- und Paketservicestation, die Bahnpost, wegrationalisiert werden. Weil sich das Gelände neben dem Bahnhof angeblich auch für den Bau von Wohnungen eignet, die sich bei Mietpreisen von über 30 Euro pro Quadratmeter gut vermarkten lassen. Ob die Freisinger noch einmal eine Postzentrale bekommen werden und wo die entstehen soll, weiß man noch nicht. Wird sich schon irgendwo am Stadtrand etwas finden, der Kunde muss ja alles akzeptieren.

Ein gelber Akzept verweist angeblich auf die Corporate Identity der Stadt

Die Stadt wird bestimmt helfen und ein paar Wegweiser aufstellen, damit die Freisinger ihre Postler wieder finden. Weil Wegweiser in der Regel aber nicht für Einheimische, sondern für die Gäste der Stadt gedacht sind und das Freisinger Rathaus für Neuerungen immer aufgeschlossen ist, wenn ein Fördertopf bereit steht, ist es jetzt mit einfachen Hinweisschildern nicht mehr getan. Entwickelt werden soll ein System aus Pfeilwegweisern und Übersichtstafeln. Das Konzept sieht vor, die im Corporate Design und Stadtbild vorhandenen Freisinger Typologien und Farbcodes (!) aufzugreifen. So verweist angeblich der gelbe Akzent auf den Übersichtstafeln auf die Corporate Identity der Stadt, wie jüngst den Stadträten erklärt wurde. Interessant so etwas, man erfährt doch immer wieder etwas Neues.

Piktogramme sollen übrigens dafür sorgen, dass künftig sogar Analphabeten und Fremdsprachler den Domberg finden. Die Übersichtstafeln sollen einen symbolischen Verweis auf wichtige Ziel- und Orientierungspunkte darstellen und ein QR-Code auf die Tourismus-Homepage der Stadt führen. Zusätzlich sollen an ausgewählten Pfosten haptische Elemente mit Infos angebracht werden, die auch von Blinden mittels einer App gefunden werden. Und an Ampelpfosten sollen Wegweisungsfolien aufgeklebt werden, die sowohl auf dauerhafte Zielpunkte als auch auf temporäre Events verweisen, heißt es. Eigentlich müsste sich dann jeder in Freising zurechtfinden, weshalb der Planungsausschuss das Konzept einstimmig angenommen hat. Jetzt brauchen wir nur noch ein Konzept für die Neuorientierung im Supermarkt.

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