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Kirchbergers Woche:Endlich ohne Hund Gassi gehen

Bald dürfen vermutlich alle wieder nachts raus, ob sie nun wollen oder nicht

Kolumne von Johann Kirchberger

Und ist der Zahn auch noch so steil, ein bisserl was geht allerweil. Aber ein bisserl Wiesn, das geht nicht, glaubt der Münchner Oberbürgermeister und hat das Oktoberfest erneut abgesagt. Denn um ausgelassen auf engstem Raum feiern zu können, brauche es einer angstfreien Atmosphäre, und die könne er sich momentan einfach nicht vorstellen. Auch andere kleinere und größere Volksfeste werden wohl nicht stattfinden, zumindest nicht in gewohnter Form. Dachau und Straubing haben bereits ganz abgesagt, Freising und Moosburg wollen noch ein wenig überlegen, werden aber wohl nicht feiern lassen. Schulter an Schulter, Rücken an Rücken in einem vollen Bierzelt zu sitzen, die Masskrüge zu heben und "oans, zwoa, gsuffa" zu rufen, das wird sich im September noch keiner trauen. Die Tische mit nur zwei Leuten zu besetzen und mit eineinhalb Meter Abstand aufzustellen, nur zweifach Geimpfte oder Schnellgetestete einzulassen, das wäre vielleicht möglich, aber das wäre kein Volksfest. Freilich, ein bisschen traurig ist es schon, wieder ein Jahr ohne fröhliche und berauschende Feste überstehen und auf Zuckerwatte und Karussells verzichten zu müssen. Sich im Kreis zu drehen oder in die Höhe wuchten zu lassen, das geht uns ja fast noch mehr ab als Freibierzeichen und Hendl. Oder?

Und was uns auch noch abgeht in diesen schrecklichen Zeiten, das sind die nächtlichen Spaziergänge. Zum Glück sollen die ja bald wieder möglich sein, auch ohne Hund, wenn wir erst einmal alle geimpft sind und der Inzidenzwert unter 100 gesunken ist. Da freuen wir uns doch schon jetzt drauf, auch wenn es womöglich Ärger bringen wird, täglich gegen Mitternacht den Ehepartner zu wecken und zum Spaziergang aufzufordern.

Eine andere Freude erfüllt sich schon am Samstagnachmittag. Endlich dürfen wir wieder in das Fußballstadion Savoyer Au. Aber nicht um ein Spiel des ruhmreichen SE Freising anzusehen, sondern um einer Delegiertenversammlung der CSU beizuwohnen, bei der Erich Irlstorfer zum Bundestagskandidaten gekürt werden soll. Ohne Lorbeerkranz, aber mit Maske und mit gehörigem Abstand. Seine Wiederwahl gilt in unserem schwarzen Wahlkreis ja fast schon als sicher, begleiten nach Berlin könnte ihn diesmal aber womöglich ein Grüner. Leon Eckert nämlich hat einen so guten Listenplatz erhalten, dass er, falls sich die Umfragewerte seiner Partei bestätigen, mit 26 Jahren in den Bundestag einziehen könnte. Das wäre beachtlich.

Beachtlich ist auch, dass es der neuen Geschäftsführerin Maren Kreuzer offenbar gelungen ist, die Querelen im Freisinger Krankenhaus zu beenden. Sogar von einer Aufbruchsstimmung ist plötzlich die Rede. Jahrzehntelang wurden die Leistungen der Krankenhausgeschäftsführer nur daran gemessen, ob sie schwarze Zahlen vorlegen konnten. Und nun sagt Landrat Helmut Petz plötzlich, eine gute medizinische Versorgung dürfe auch etwas kosten. Da schau her. Vier Millionen Euro sollen investiert werden, die Intensivstation soll erweitert, der OP-Bereich optimiert, die Attraktivität für Mitarbeiter erhöht und die Wartezeiten in der Notaufnahme verkürzt werden. Gerade diese Absicht aber ist so alt wie die Notaufnahme selbst. Für alle geplanten Verbesserungen braucht es aber in erster Linie Personal. Und das zu finden, dürfte die eigentliche Herkulesaufgabe sein.

© SZ vom 08.05.2021
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