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Kirchbergers Woche:Die Suche nach dem Sündenbock

Es sind gerade keine schöne Zeiten, viele haben Angst, viele sind unzufrieden und es gibt keinen, der so richtig schuld an allem ist

Kolumne von Johann Kirchberger

Irgendwie wird zurzeit viel Frust geschoben. Die einen sind verärgert, weil sie nicht einkaufen, die anderen, weil sie nicht verkaufen dürfen. Die einen erregen sich, weil sie nicht verreisen können, die anderen, weil ihre Seen und Berge von Besuchern überflutet werden. Die einen schimpfen, weil sie ihre Kinder nicht in die Schule schicken dürfen, die anderen, weil der Distanzunterricht mangels technischer Ausstattung oder technischem Verständnis der Lehrer, der Schule, der Schüler und Eltern nicht so funktioniert, wie er sollte. Es gibt Leute, die sich so schnell wie möglich impfen lassen möchten, aber noch nicht an der Reihe sind, und da gibt es welche, die würden sich nie und nimmer impfen lassen, weil sie das als Angriff auf ihre Gesundheit auslegen. Bis sie womöglich selbst erkranken. Die 15 Corona-Toten binnen einer Woche im Landkreis Freising sollten zu denken geben.

Ja, es sind keine schöne Zeiten, es ist eine Zeit, die Angst macht und gleichzeitig Unzufriedenheit schürt. Und das Schlimme ist, dass es keinen so richtig Schuldigen gibt. Außer das Corona-Virus höchstpersönlich, aber das kann man nicht packen. Politiker schon. Tun die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin das Richtige und ist das ausreichend? Weiß man nicht, wird sich wohl erst später herausstellen. Besonders in der Kritik stehen naturgemäß die Gesundheitsminister. Jens Spahn wird vorgeworfen, nicht genügend Impfstoff eingekauft zu haben. Bayerns Melanie Huml wurde entmachtet und soll sich jetzt um Europa kümmern. Passt eigentlich, schließlich ist für die Beschaffung der Impfstoffe die EU zuständig. Aber wer ist das, die EU? Ursula von der Leyen oder die Regierungschefs der Mitgliedsländer, das Parlament oder irgendein Kommissar? Ist Straßburg zuständig oder Brüssel? Wer weiß das schon so genau. Wichtig ist, dass Jede und Jeder irgendjemand hat, an den er die Verantwortung weiterschieben kann. Das bekannte Schwarzer-Peter-Spiel also.

Dieses Spiel funktioniert europaweit und natürlich auch im Landkreis. Da wird seit Jahren über Wohnungsmangel geklagt, vor allem über zu wenig Sozialwohnungen und über zu wenig barrierefreie Wohnungen. Doch wer ist dafür verantwortlich? Private Investoren, weil sie lieber teure Wohnungen bauen, die ordentlich Profit abwerfen? Der Staat, der seine Sozialwohnungen vor Jahren verscherbelt hat, um Fehlspekulationen ausgleichen zu können? Die Kommunalpolitiker in Stadt und Landkreis, weil sie lieber Straßen bauen als Wohnungen? Vor einem Jahr noch wollte der Landkreis seine Wohnungsbau GmbH auflösen, weil er erstens für den sozialen Wohnungsbau nicht zuständig sei und zweitens die Gemeinden keine Grundstücke zur Verfügung stellten. Im Wahlkampf forderten dann alle Parteien wie gewohnt, es müsse mehr günstiger Wohnraum geschaffen werden. Eh klar, doch wie und von wem?

Helmut Petz, der neue Landrat, hat jetzt eine Kehrtwende angekündigt. Er will die Wohnungsbau GmbH des Landkreises nicht liquidieren, sondern aufwerten. Der Landkreis müsse spürbar in den Bau von neuen günstigen Wohnungen einsteigen. Er müsse die Gemeinden fachlich unterstützen und dort Wohnraum schaffen, wo das die Gemeinden alleine nicht stemmen könnten. Gut gebrüllt Löwe. Ob sich aber jetzt tatsächlich etwas verbessert und was, wird man sehen. Aber allein schon das Bemühen, der Misere aus eigener Kraft zu entkommen und den Schwarzen Peter nicht einfach weiterzuschieben, ist löblich.

© SZ vom 16.01.2021
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