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Kirchbergers Woche:Die Geschäfte verschwinden

Bis die Freisinger Innenstadt fertig gepflastert ist, könnte sie verödet sein

Glosse von Johann Kirchberger

Wenn es dumm läuft, dann ist irgendwann die Freisinger Innenstadt neu gepflastert und der niveaugleiche Umbau beendet und es gibt keine Geschäfte mehr, für die es sich lohnen würde, das Herz Altbayerns zu besuchen. Vorerst sind es nur zwei alteingesessene Geschäfte, das Schuhhaus Deller und Sport Gerlspeck, die Ende Dezember zusperren, aber es ist ein Alarmzeichen. Filialbetriebe bekannter Handelsketten können nie und nimmer ausgleichen, was verloren geht, wenn inhaberbetriebene Läden verschwinden. 80 Meter offen dahin plätschernde Moosach und ein paar Straßencafés werden nicht reichen, um die Attraktivität der Innenstadt hochzuhalten. Dazu braucht es auch interessante Geschäfte. Mit dem gleichen Angebot, wie in allen anderen Städten der näheren und weiteren Umgebung, lockt man keine Kunden an.

Die Gründe mögen vielschichtig sein, wenn Traditionsgeschäfte schließen. Oft sind es die hohen Mieten oder der fehlende Nachfolger. Ganz oben aber steht das veränderte Einkaufsverhalten. Zum einen wird immer mehr im Internet bestellt, weil das bequem und meist auch noch billiger ist. Gleiches gilt für die Einkaufsmärkte am Stadtrand, die den Läden in der Innenstadt das Überleben schwer machen. Zum anderen sind es die zahlreichen Baustellen, die seit Jahren den Aufenthalt in der Hauptstraße beeinträchtigen, und sich bestimmt nicht verkaufsfördernd auswirken. Hinzu kommt in diesen unseligen Corona-Zeiten, dass ein Einkaufsbummel mit Maske so manchen die Freude nimmt, mehr als das Notwendigste zu kaufen.

Auch die Verlegung des Wochenmarkts in die Luitpoldanlage hat dazu beigetragen, die Bedeutung der Innenstadt zu mindern. Das haben Politik und Verwaltung eingesehen. Kurz vor Weihnachten, praktischerweise wenn das Moosachbrückerl erneuert und der Zugang zum Festplatz wieder ohne Umwege möglich ist, sollen die Verkaufsstände deshalb zurück ins Zentrum kommen. Vorausgesetzt, die Corona-bedingten Abstandsregeln können eingehalten werden.

Der Wochenmarkt kann aber nur ein Anfang sein, um mehr Besucher in die Innenstadt zu bringen. Wer sich ein interessantes Zentrum mit attraktiven Geschäften wünscht, der muss diese Freisinger Geschäfte unterstützen und nicht Amazon helfen, immer noch größer und stärker zu werden. Dann müssen die Freisinger in Freising einkaufen und sich hier nicht nur beraten lassen. Und die Stadtverwaltung muss alles tun, um den Umbau der Innenstadt so schnell wie möglich abzuschließen. Noch ein paar Jahre mit und zwischen Baufahrzeugen, Baugruben und Baumaterialien zu leben, hält diese Stadt nicht aus.

Unverzichtbar, um endlich wieder ungestört und mit Freude durch Freising flanieren zu können, ist freilich auch, den Verkehr einzuschränken. Noch immer fahren viel zu viele Autos im Zentrum hin und her. Und sie parken auch hier, weil ihnen Verbotsschilder völlig egal sind. Der neueste Trick: Warnblinkanlage einschalten und verschwinden. Es mag billig sein, ständig nach mehr Ordnungskräften und Polizei zu rufen, aber nur harte Strafen sind heilsam. Jedes Fahrzeug, das im Zentrum nichts zu suchen hat, muss raus. Zur Not müssen die Poller wieder her. Gegen die Packerlfahrer, die nicht nur in der Innenstadt die Straßen zustellen, würde freilich etwas ganz anderes helfen: Einfach weniger im Internet bestellen und Einkaufstüten wieder selbst nach Hause zu tragen. Früher ging das doch auch.

© SZ vom 28.11.2020
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